Logbuch
SKLAVENHÄNDLER.
Wenn Miss Marple, Agatha Christies Hauptfigur, ihren Tee mit Zucker veredelt und liebevoll über das edle Kattun des Kissenbezuges streichelt, sehen wir die Früchte des Kolonialen. Ob uns das nun empört oder nicht.
Das Britische Empire, das sich selbst „Gemeinwohl“ (Commonwealth) nannte, hat 1833 offiziell den Sklavenhandel aufgegeben. Als er sich ökonomisch nicht mehr lohnte. Aus humanistischen Überlegungen. Beides. Und zwar in dieser Reihenfolge.
In den 150 Jahren davor waren drei Millionen Afrikaner unter britischer Flagge versklavt worden. Sie vollbrachten, wenn sie die Entführung überlebten, die Zwangsarbeit auf den Plantagen in der Karibik und Amerika, deren Früchte Baumwolle, Tee und Zucker waren. Das sollte man heute noch wissen, wenn man die feine englische Art genießt.
Man baute im Empire, dem Weltreich der so selbstbewussten Aufklärung, vorsätzlich auf weiße Überlegenheit, beging gelegentlich Völkermord und leugnete lange die Vorzüge der Immigration der dabei in England dazugekommenen Briten (sie waren aus den Kolonien, hatten aber einen britischen Pass, waren also keine Fremden).
Unter den Sklavenhändlern ebenso Adelige wie reiche Bürger, die Gentlemen, einige mit Sitz in Parlament. Noch heute ein Volk mit der fortlebenden Mentalität einer Klassengesellschaft und notorisch geleugneter Geschichte, die eben nicht getilgt, sondern nur aufgearbeitet werden kann.
Man muss sie mit den Augen ihrer Kolonialisierten betrachten können, die weltherrschenden Engländer. Jeden Sieger auch aus der Perspektive der von ihm Geschlagenen. So geht Geschichte, wenn sie als Wissenschaft gelten darf.
Logbuch
MAINSTREAM. ENDGÜLTIG.
Die Grünen sind dort die stärkste Partei, wo die intelligentesten Menschen wohnen. Und die sympathischsten. In den Uni-Städten und den Karnevalshochburgen. Das sollte zu denken geben.
Meine alte Uni-Stadt, früher das Symbol für den Pott, Heimat der Montankultur, frischeste Uni meiner Zeit, wählt die Grünen zur stärksten Partei. Grüne Hölle, spottet ein roter Journalist. Das ehrwürdige Köln, schwarz in der Seele und rot in der Politik, wählt grün. Mit einem Drittel der Stimmen vor Rot und vor Schwarz, die zwischen einem Fünftel und Viertel kauern. GRÜN entscheidet, welche Regierung kommt.
Das ist symptomatisch. GRÜN ist der neue MAINSTREAM. Die Partei hat es geschafft; sie bietet dem ZEITGEIST einen Hafen. Programmatisch klingt sie modern, verhält sich aber widerspruchsfrei zu vielem traditionell Wünschenswerten. Selbst Kriegsfreude gibt es hier, von gelernten Pazifisten. Und LNG aus amerikanischem Crack-Gas.
Von allem etwas und von dem Modischen etwas mehr. Strange brew. FRÜHLINGSSUPPE nannte meine Frau Mutter diese Hausmannskost, eine vegetarische Gemüsesuppe. So gesund. Primavera! Gemüse auf Fleischfonds mit Mettwurtscheiben und wirklich allen Gartengewächsen, grün und bunt, mundgerecht und weichgekocht. Das konnte man löffeln, Gebiss oder gar der Messer bedurfte es nicht. Keine Knochen. Von der Kita bis zum Altersheim: Let’s get spoon feeded! Zahnlose willkommen.
Logbuch
ERRUNGENSCHAFTEN. KULTURELLE.
Das Rad oder die Erfindung der Schrift. Sicher wichtig. Die Kanalisation und die Idee der Menschenrechte. Das Konzept des Individuums. Meine Nummer eins: der Zaun.
Pflegen durch hegen: Das Menschenrecht auf Privateigentum drückt sich praktisch aus in dem Recht, um ein Fleckchen Land einen Zaun zu errichten. Eine Hecke zu ziehen, am besten eine dornige. Ja, eine No-go-Area für Fremde und zur Not auch Freunde. Selbst die Mietwohnung unterliegt dem besonderen Schutz des Staates; er soll garantieren, dass selbst er sich raushält.
Hegen und pflegen. Es beginnt mit der Viehzucht, sich eine Herde von Nutztieren halten zu können anstatt hinter den Büffeln durch die Savanne zu ziehen. Und es endet nicht mit dem Recht auf Familie (welcher Art auch immer), sprich mit PRIVATHEIT. Souverän ist, wer seine Grenzen beherrscht. Freiheit ist dieses Recht der Selbstbehauptung.
Beete anlegen. Weiden umzäunen. Parktore schließen. Privateigentum ist Menschenrecht. Wir sind kulturell Einheger. Der Gebrauch des Privaten soll auch zwar auch der Allgemeinheit dienen. Die ist aber auf der anderen Seite des Zauns. Immer.
Logbuch
Warum ich nicht glaube, was ich lese
Journalismus ist angeblich eine Haltung. So sagen die Blasierten. Mag sein, aber mit notorischen Haltungsschäden. Eine professionelle Deformation nennen die Franzosen die Spuren, die ein Beruf in der Seele des Berufstätigen hinterlässt. Ich mache jetzt seit gut dreißig Jahren PR und habe tagaus, tagein mit Journalisten zu tun und schaue genau so lange jeden Morgen in die Zeitungen, heutzutage halbstündig ins Internet. Einer meiner angelegentlichen Weggefährten ist gerade 80 geworden, der großartige Felix Schmidt, einst Leiter eines öffentlich rechtlichen Senders, Kulturchef des Spiegel, dann Stern-Chefredakteur und schließlich unabhängiger TV-Produzent („Talk im Turm“).
Die FAZ hat einen lieblos heruntergeschmierten Einspalter zu seiner Ehrung gebracht; deshalb lege ich hier nach. Dieser neurasthenische Publizist ist immer in seinem notorischen Ekel vor seiner eigenen Branche größer gewesen als andere in ihrer blasierten Begeisterung. Mit Felix Schmidt und Peter Sloterdijk habe ich das „Philosophische Quartett“ ersonnen, eine der besten ZDF-Serien; natürlich mittlerweile eingestellt. Herr Schmidt war übrigens beim Stern, als die die lausig gefälschten Hitler-Tagebücher gekauft und publiziert haben. Was habe ich von diesem wunderbaren Mann gelernt? Skeptizismus. Ich glaube nicht, was ich lese, insbesondere wenn die Story zu gut ist.
Was ist eine zu gute Story? Nehmen wir ein Beispiel: Der Alte hat eine Geliebte, eine junge Chinesin, die in gebrochenem Englisch Tagebuch schreibt. Stellen Sie sich vor, Sie sind die Ehefrau oder die Tochter eines früheren Staatschefs und lesen das folgende über Ihren Gatten respektive Vater: „Oh shit, oh shit… whatever why, I‘m so, so missing Tony. Because he is so, so charming and his clothes are so good. He has such good body and he has really, really good legs, butt…And he is slim tall and good skin…blue eyes, which I love, love his eyes…“ Butt heißt übrigens Hintern. Die Rede ist von Tony Blair, dem ehemaligen Premierminister des Vereinigten Königreichs.
Der Tagebuchauszug soll von Wendi Deng stammen, der ehemaligen Ehefrau von Rupert Murdoch, einem der mächtigsten und sicher reichsten Verleger Amerikas, einem Weltenlenker. Der Altersunterschied zwischen den beiden nunmehr Geschiedenen liegt bei 38 Jahren; Rupi hat sie gefreit, als er 68 und Wendi 30 war. Dem Ungestüm ihrer Jugend sollen in der 14jährigen Ehe auch Affären mit dem englischen Regierungschef und einem Vorstand der Internetkrake Google zu verdanken sein. Blair habe sich heimlich auf der heimischen Farm eingefunden, als Rupi außer Haus war. Als Rupi dann die Gerüchte hörte, hat er das Personal befragt. Shit happens.
Gemein daran war, dass Blair seinen Wahlsieg in England, der ihn ins Amt gebracht hatte, angeblich dem Boulevardblatt The Sun verdankte, das Murdoch gehört. Ich erinnere mich noch an die Seite Eins nach dem Wahlsonntag. Es stand dort in typisch britischem Understatement: „The Sun won it!“ Nicht der Souverän, das Wahlvolk, hatte die Unterhauswahlen gewonnen, sondern, so die Schlagzeile, das Massenblatt. Demokratische Ordnungspolitik ist nicht die eigentliche Tugend der „tabloids“ in UK. Zudem war Tony Blair der Pate (englisch: „godfather“) eines der gemeinsamen Kinder von Rupi und Wendi. Da schlägt man doch nicht heimlich auf, um einen bei Mutti zu verstecken; ich bitte Sie.
Die Story stand in „Vanity Fair“ und wird nun von der „Welt am Sonntag“ fortgeschrieben. Ich glaube sie nicht. Die Story ist zu gut. Ich will nicht beckmessern, wie man das macht, mit einem Heer von Secret Service- Agenten im Schlepptau irgendwo einen heimlichen „One-Night-Stand“ abzuliefern. Ich will Ihr Auge nur auf ein Detail lenken. Die Multimillionärsgattin Wendi Deng soll, wie oben zu lesen, in Pidgin English angeblich in ihr Tagebuch gekritzelt haben, dass ihre erotische Präferenz unter anderen damit zusammenhänge, dass Sir Tony gute Kleidung trage.
Was immer die „desperate housewives“ dieser Gehaltsklasse in Silicon Valley antreibt, es ist nicht der Anzug des Auszuziehenden. Der Text hat eine implizite soziale Perspektive und stammt von einem Redaktionsproleten in der Fleet Street, ich wette. Hier schreibt Andy Cap aus Wolverhampton, der im Anorak zur Arbeit kommt, für die Essex-Girls, die sein Blatt kaufen. Wendi Deng war klüger als Bettina Wulff und hat das weder kommentiert noch sonst irgendwelche Fragen beantwortet. Fleet Street Smear, nennt man das in meinem Club.
Nun sitzt die englische Presse längst nicht mehr in der Fleet Street, sondern in den Docklands die Themse runter. Und man nennt das dichtende Prekariat in den Redaktionsstuben nicht ungestraft proletarisch. Aber, das war mein Punkt, ich glaube diese Geschichte nicht. Sie ist zu gut für das, was der Boulevard „gut“ nennt, weil wir, die Leser, das gut finden. Es ist unser schlechter Geschmack, der hier bedient wird. Wie bei Wulff. Kehren wir also vor der eigenen Tür. Das sei also zur Ehre des 80. Geburtstags von Felix Schmidt heute gesagt. Skepsis haben wir von ihm gelernt. Und die Achtung vor einem Beruf, der so oft deroutiert.
Quelle: starke-meinungen.de