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ZU DEN PROZEDUREN.

Wenn mich nicht Geschäfte in die Mauern der Metropole zwingen, lebe ich im Westerwald. Man kann von mir insofern gern als Waldmenschen reden, fällt mir auf, da ich gerade in einem Büchlein aus meiner Handbibliothek stöbere, das sich „Herzensergießungen eines kunstliebenden Waldmenschen“ nennt, 1796 anonym erschienen. Erworben habe ich das recht bestoßene Exemplar anlässlich eines Ausflugs in ein entfernteres Mittelgebirge, die Märkische Schweiz, auf einem dortigen Flohmarkt. Dazu sind zwei, drei Anmerkungen fällig.

Erstens ist es nicht zu verstehen, warum der schwärmende Tourismus im späten 19. Jahrhundert alle möglichen Hügeleien mit dem Hochwertattribut, den Schweizer Alpen vergleichbar zu sein, versehen hat; man spricht von der Sächsischen und der Märkischen Schweiz. Über den Westerwald wird aber nur rumgemeckert. Über seine Höhen zöge der Wind so kalt. Wie vordergründig. Das tadle ich als Waldmensch.

Zweitens ist entsetzt, wer in der Märkischen Schweiz das Örtchen Buckow aufsucht und die Idylle nachfühlen will, in der der große Bert Brecht seine Buckower Elegien geschrieben hat, wenn ihn nicht der Chauffeur an den Schiffbauerdamm zu Berlin ins Theater fuhr. In der spießigen Siedlung am See steht noch das alte Haus, den Garten aber haben sie mit einer ausgedehnten Bretterbude übelster Architektur verschandelt, die sich Museum nennt. In seiner Piefigkeit monströs. Ein Skandal.

Drittens, da ich schon meinen Zorn runterzähle, nennen sie die Bude das „Weigel-Brecht-Haus“, ein Exempel woker Idiotie. Der Alte hat da mit drei seiner Konkubinen gehaust; so fängt es mal an. Und dann dieses autoritäre Matriarchat der DDR-Kulturpolitik, ein Margot-Syndrom, für die Insider, oder eben Elena-Kult. Brecht selbst hatte übrigens, in die DDR gezogen, seine Rechte nach Westdeutschland zu Peter Suhrkamp gegeben und sich einen Schweizer Pass besorgt; den der wirklichen Eidgenossenschaft. Radwechsel: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme; ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.“

So fasst der brechtkundige Wäller sich an den Kopf. Übrigens ist, nach dem Lateinischen „silva“ für Wald, der Schutzheilige des Wällers der Heilige Silvester, was Waldmensch heißt, dessen segensreiches Wirken wir heute feiern. Alles hängt mit allem zusammen. Same procedure as every year.

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BITTE KEINE VERBITTERUNG.

Wer die Spitzen des Kulinarischen zu erkunden weiß, beschäftigt sich nicht mit dem Niedersten im Lebensmittelhandel, dem Getränkemarkt, jener Halle voller Paletten übler Baustellenbiere. Im peinlich proletigen Berlin wirbt eine Kette dieser Getränkemafia mit dem Slogan „Ick koof bei Hoffmann“, unterirdischer Unterschichthumor. Aber gemach. Hier taucht neuerdings im Sortiment ein Boonekamp auf, ich sehe den kulinarischen Kenner aufhorchen, der Mönchswalder Bitter aus der Weinbrennerei zu Wilthen, die sich seit 1842 der Verwendung von Gebirgskräutern rühmt. Das Örtchen liegt bei Bautzen in der Oberlausitz und war zu DDR-Zeiten als Stadt des Weinbrandes bekannt. Und wegen des politischen Knasts. Der Bitter kommt als Boonekamp in großen Flaschen zu 0,7 Liter. Ich kann gar nicht ausrechnen, wie viele der kleinen Underberg-Fläschchen das wären.

Ein Freund, vor dem ich unten noch zu warnen habe, sagt mir, dass die Hersteller von Bitter, die westlichen Becherovkas, sich über die letzten Jahre sehr stark zentralisiert hätten und der Markt faktisch in Händen der Tochter einer einzigen Familie sei; da will ich nicht ran, da ich mal für ihren schwerhörigen Vater gearbeitet habe. War nicht so rund, aber da schweigt des Sängers Höflichkeit. Es geht mir nur um die Frage, warum wir das Zeug überhaupt saufen. Bitter ist böse. Jetzt sind auch die Freunde des Negroni angesprochen, die Tunten mit den italienischen Cocktails oder jene, die Rosenkohl und Radicchio mögen.

Biologisch sind wir auf süß ausgelegt. Der Geschmack von reifen Früchten signalisiert uns ZUCKER, die Droge des Glücks. Wir sind Glucose-Junkies. Gewarnt werden wir Tierwesen vor Vergammeltem wie Aas oder dem giftigen Pilz durch Bitterstoffe, die schon die Zunge zu vernehmen weiß. Der Magen reagiert instinktiv mit einer Erhöhung der Säureproduktion; er ahnt, dass da Übles auf der Zunge liegt, das er gleich zu verarbeiten hat. Das ist die ganze Wahrheit hinter dem Versprechen der Bekömmlichkeit, Verdauungsförderung. Na und der stramme Allohol, der immer hilft, wenn in Maßen genossen.

Eigentlich ist der Bitter eine Mutprobe. Dazu kommt die Erfahrung, dass wirksame Medizin bitter. Das Bittere kommt von der Nachtseite des Lebens. Und dann haben wir das kulturelle Gedächtnis, dass alle großen Gefühle, alle ganz großen Gefühle bitter, allenfalls bittersüß. Ich könnte noch erwähnen, dass der bittere Trank die Labsal der Illuminaten war, wie mir mein Freund von oben versichert, den ich für einen Freimaurer halte. Wie jener, der da einst über Bautzen sang:
„Du, laß dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind stechen
und brechen ab sogleich.
Du, laß dich nicht verbittern in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern – sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.“

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KERNGESUND.

Wir nähern uns dem Jahresende, Abgabedatum für die Liste mit den guten Vorsätzen. Ganz oben bei mir auf der Liste: Keine flapsigen Bemerkungen mehr über Karl Lauterbach, den salzfreien Ölprinzen aus Tofu-Land. Damit ist jetzt Schluss, weil ich mich ernsthaft einer allgemeinpolitischen Aufgabe widmen werde. Ich widme mich künftig Fragen der GESUNDHEITSWIRTSCHAFT. Zunächst berate ich mich, da Nachhilfe dringend nötig, dann vielleicht die Politik, so das dort jemanden interessiert. Wenn nicht, ist es schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Als gelernter Berater weiß man, dass die Ameisenperspektive vom Adlerblick zu unterscheiden ist. Im Gewusel meines privaten Ameisenhaufens komme ich mit dem Angebot des deutschen Gesundheitswesens blendend klar. Man fühlt sich gut behandelt und darf auf Heilung hoffen. Voraussetzung dafür ist eine gewisse Agilität. Ich folge stets Empfehlungen von Fachleuten, die ich persönlich verhafte: „Wo würden Sie Ihre Frau hinschicken? Ich werde Sie nicht zitieren, aber geben Sie mir einen privaten Rat!“ So habe ich mittlerweile einen patenten Allgemeinmediziner, einen sehr guten Kardiologen, einen geschickten Zahnarzt, einen kundigen Dermatologen und bin in der großartigen Charité an ein neues Knie gekommen. Das alles geht auch auf Kasse.

Von anderen höre ich aber auch anderes. Undiagnostizierte Leiden in überfüllten Notaufnahmen. Kurpfuscherei. Aber das will ich jetzt und hier nicht breittreten. Es bleibt bei dem Befund, dass wir in Deutschland das beste Gesundheitssystem haben, wenn man es klug bis schlitzohrig zu nutzen weiß. Und Glück hat. Ja, es gibt eine soziale Selektion, wie bei anderen Fragen auch. Ob das als Zustand in der Politik allen genügt, da habe ich Zweifel. Damit zum Adlerblick.

Aus dem Neurechten Lager höre ich Töne, die mir noch aus dem England der Eisernen Lady vertraut sind. Magret Thatcher heißt jetzt Elon Musk und der ist zu einfachen Wahrheiten begabt. Sehr einfachen. Er sagt, dass der ungeheuere Mittelbedarf im Gesundheitswesen darauf zurückzuführen sei, dass die bürokratischen Entscheider dort Geld ausgäben, das ihnen nicht gehöre, und zwar für Menschen, die sie nicht kennen. Der Doppelfehler. So kritisiert die Neue Rechte den Sozialstaat, den sie eingrenzen oder gar abschaffen will. Selbst, wenn man dem politischen Angang nicht folgt, muss man einräumen, dass er nicht ohne Anlass ist. Wie so oft im Populismus. Berechtigter Anlass, falscher Grund, üble Schlussfolgerung. Der Dreischritt ins Verderben.

Darf ich zu den USA sagen, dass man hier in bestimmten Regionen wie Schichten ein medizinisches Entwicklungsland ist? Wovon also redet das Tesla-Genie Musk? Die Eiserne Lady hatte wenigstens noch den staatlichen NHS (National Health Service). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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Warum ich nicht glaube, was ich lese

Journalismus ist angeblich eine Haltung. So sagen die Blasierten. Mag sein, aber mit notorischen Haltungsschäden. Eine professionelle Deformation nennen die Franzosen die Spuren, die ein Beruf in der Seele des Berufstätigen hinterlässt. Ich mache jetzt seit gut dreißig Jahren PR und habe tagaus, tagein mit Journalisten zu tun und schaue genau so lange jeden Morgen in die Zeitungen, heutzutage halbstündig ins Internet. Einer meiner angelegentlichen Weggefährten ist gerade 80 geworden, der großartige Felix Schmidt, einst Leiter eines öffentlich rechtlichen Senders, Kulturchef des Spiegel, dann Stern-Chefredakteur und schließlich unabhängiger TV-Produzent („Talk im Turm“).

Die FAZ hat einen lieblos heruntergeschmierten Einspalter zu seiner Ehrung gebracht; deshalb lege ich hier nach. Dieser neurasthenische Publizist ist immer in seinem notorischen Ekel vor seiner eigenen Branche größer gewesen als andere in ihrer blasierten Begeisterung. Mit Felix Schmidt und Peter Sloterdijk habe ich das „Philosophische Quartett“ ersonnen, eine der besten ZDF-Serien; natürlich mittlerweile eingestellt. Herr Schmidt war übrigens beim Stern, als die die lausig gefälschten Hitler-Tagebücher gekauft und publiziert haben. Was habe ich von diesem wunderbaren Mann gelernt? Skeptizismus. Ich glaube nicht, was ich lese, insbesondere wenn die Story zu gut ist.

Was ist eine zu gute Story? Nehmen wir ein Beispiel: Der Alte hat eine Geliebte, eine junge Chinesin, die in gebrochenem Englisch Tagebuch schreibt. Stellen Sie sich vor, Sie sind die Ehefrau oder die Tochter eines früheren Staatschefs und lesen das folgende über Ihren Gatten respektive Vater: „Oh shit, oh shit… whatever why, I‘m so, so missing Tony. Because he is so, so charming and his clothes are so good. He has such good body and he has really, really good legs, butt…And he is slim tall and good skin…blue eyes, which I love, love his eyes…“  Butt heißt übrigens Hintern. Die Rede ist von Tony Blair, dem ehemaligen Premierminister des Vereinigten Königreichs.

Der Tagebuchauszug soll von Wendi Deng stammen, der ehemaligen Ehefrau von Rupert Murdoch, einem der mächtigsten und sicher reichsten Verleger Amerikas, einem Weltenlenker. Der Altersunterschied zwischen den beiden nunmehr Geschiedenen liegt bei 38 Jahren; Rupi hat sie gefreit, als er 68 und Wendi 30 war. Dem Ungestüm ihrer Jugend sollen in der 14jährigen Ehe auch Affären mit dem englischen Regierungschef und einem Vorstand  der Internetkrake Google zu verdanken sein. Blair habe sich heimlich auf der heimischen Farm eingefunden, als Rupi außer Haus war. Als Rupi dann die Gerüchte hörte, hat er das Personal befragt. Shit happens.

Gemein daran war, dass Blair seinen Wahlsieg in England, der ihn ins Amt gebracht hatte, angeblich dem Boulevardblatt The Sun verdankte, das Murdoch gehört. Ich erinnere mich noch an die Seite Eins nach dem Wahlsonntag. Es stand dort in typisch britischem Understatement: „The Sun won it!“ Nicht der Souverän, das Wahlvolk, hatte die Unterhauswahlen gewonnen, sondern, so die Schlagzeile, das Massenblatt. Demokratische Ordnungspolitik ist nicht die eigentliche Tugend der „tabloids“ in UK. Zudem war Tony Blair der Pate (englisch: „godfather“) eines der gemeinsamen Kinder von Rupi und Wendi. Da schlägt man doch nicht heimlich auf, um einen bei Mutti zu verstecken; ich bitte Sie.

Die Story stand in „Vanity Fair“ und wird nun von der „Welt am Sonntag“ fortgeschrieben. Ich glaube sie nicht. Die Story ist zu gut. Ich will nicht beckmessern, wie man das macht, mit einem Heer von Secret Service- Agenten im Schlepptau irgendwo einen heimlichen „One-Night-Stand“ abzuliefern. Ich will Ihr Auge nur auf ein Detail lenken. Die Multimillionärsgattin Wendi Deng soll, wie oben zu lesen, in Pidgin English angeblich in ihr Tagebuch gekritzelt haben, dass ihre erotische Präferenz unter anderen damit zusammenhänge, dass Sir Tony gute Kleidung trage.

Was immer die „desperate housewives“ dieser Gehaltsklasse in Silicon Valley antreibt, es ist nicht der Anzug des Auszuziehenden. Der Text hat eine implizite soziale Perspektive und stammt von einem Redaktionsproleten in der Fleet Street, ich wette. Hier schreibt Andy Cap aus Wolverhampton, der im Anorak zur Arbeit kommt, für die Essex-Girls, die sein Blatt kaufen. Wendi Deng war klüger als Bettina Wulff und hat das weder kommentiert noch sonst irgendwelche Fragen beantwortet. Fleet Street Smear, nennt man das in meinem Club.

Nun sitzt die englische Presse längst nicht mehr in der Fleet Street, sondern in den Docklands die Themse runter. Und man nennt das dichtende Prekariat in den Redaktionsstuben nicht ungestraft proletarisch. Aber, das war mein Punkt, ich glaube diese Geschichte nicht. Sie ist zu gut für das, was der Boulevard „gut“ nennt, weil wir, die Leser, das gut finden. Es ist unser schlechter Geschmack, der hier bedient wird. Wie bei Wulff. Kehren wir also vor der eigenen Tür. Das sei also zur Ehre des 80. Geburtstags von Felix Schmidt heute gesagt. Skepsis haben wir von ihm gelernt. Und die Achtung vor einem Beruf, der so oft deroutiert.

Quelle: starke-meinungen.de