Logbuch
HUMOR
Wenn man „trotzdem“ lache, dann sei das Humor. Sprichwörtlich. Also so etwas wie SCHADENFREUDE in eigener Sache. Über sich selbst Spott empfinden können. Seltene Gabe.
Ein gelungener Witz ist ein seltenes Glück. Viele Scherze sind einfach fad. Man hat sie schon so oft gehört, dass es peinlich wirkt, wenn der Erzähler des abgedroschenen Humors erneut Beifall erwartet. Noch peinlicher wirkt, wenn der Tabubruch, den der Witz begeht, ein Tabu bricht, das uns heilig erscheint, unberührbar, jedenfalls als ein zu vermeidendes Thema. Vermintes Gelände.
Wie bei allem, es liegt das Gift in der Dosis. Ein leichte Peinlichkeit mag noch erheiternd wirken, eine Grobheit erfreut nur derbe Charaktere. Was aber allzu oft verunglückt, ist IRONIE. Das Ironische meint das Gegenteil des Gesagten, verlangt also einen feinsinnigen Zuhörer, der das versteckte Ironiesignal auch empfängt. Man muss das Paradox wahrgenommen haben, wenn man es komisch finden will. Ironie geht bei Böswilligen und bei Dummen immer schief. Gleichzeitig gilt sie aber als Königsdisziplin des Humors.
Der englische Gentleman, der MISTER BEAN spielt, hat behauptet, dass das Recht, jemanden zu beleidigen, über dem Recht stehe, nicht beleidigt zu werden. Das ist strittig, insbesondere bei jenen Zeitgenossen, die Tabubrüche nur zulassen wollen, wenn es nicht ihre eigenen Tabus sind, sondern die der anderen. Man lerne also, dass Ironie fast immer schief geht, Humor oft und werde schweigend bitter. Echt? Oder war das ironisch?
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IDYLLE
Auf der wunderschönen Mittelmeerinsel liegt das Dorf der Bewohner ganz oben an der Spitze des Vulkans, am Ende eines Eselpfades. Wegen der Piraten.
Der idyllische Ort war beherrscht von alltäglichem Raub und Mord, Vergewaltigung und Brandschatzen. Weil das Mediterrane ein Hort der Piraterie war. Niemand hat hier sein Häuschen an den Strand gebaut, um die Sonne anzubeten und dem geharzten Wein zu frönen. Und was den Fischern und Bauern Heim war, hatte hohe Mauern, eiserne Türen und sorgsam verborgene Brunnen. Das Leben war hart und böse.
Das zu erinnern, zeigt welche Scheinwelt der Massentourismus seinen Anhängern gebaut hat; Traumfabriken. Club Mediterrane. Udo Jürgens singt vom griechischen Wein und die Caprifischer genießen den Sonnenuntergang. Frivole Orte für frivole Vergnügungen, diese Capris. Es klingt die Erinnerung an eine vergangene Zeit in den Lockdown, während TUI weitere Staatshilfen für ein untergegangenes Geschäftsmodell fordert. Sehnsucht nach den Seifenblasen. Als noch im Himmel Jahrmarkt war.
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FAIR PLAY
Gerechtigkeit ist oft eine unlösbare Neiddebatte. Außer: der Fall ist als SPIEL vereinbart und die REGELN sind klar. Dann braucht es nur noch den „guten Verlierer.“
Als „sportlich“ im weiteren Sinne gilt, wer sich fair verhält. Man akzeptiert in bestimmten Bereichen des Lebens den Spielcharakter und die damit verbundenen Regeln. So kann ein gutes gesellschaftliches Leben gelingen. Es braucht aber nicht nur den fröhlichen Gewinner, sondern vor allem einen GUTEN VERLIERER. Wer das Leben aber als ein Freund-Feind-Verhältnis deutet, findet Frieden nur in der Vernichtung des Feindes. Wie grausam, wie furchtbar.
Donald Trump ist, wie andere Cäsaren, ein schlechter Verlierer; er wird seine Wahlniederlage niemals anerkennen. Da er der Imperator nach Volkes wirklichen Willen war, muss ein Wahlergebnis, das etwas anderes sagt, eine Fälschung sein. Die Zahlen lügen, wenn sie der tieferen Wahrheit widersprechen. Es gibt dann einen „deep state“ und letztlich das Wirken des Teufels. Schlechte Verlierer sind gefährlich.
Ich lese das mit dem GUTEN VERLIERER in einer Zeitschrift, die es mal abgelehnt hat, einen Aufsatz von mir zu veröffentlichen; übrigens in einem Ton der Herausgeber, der unverschämt war. Sie wollten mich nicht und haben es gleich zu einer Beschämung des Abgelehnten genutzt. Stattdessen lese ich jetzt dort Geschwätz von einschlägigen Dampfplaudern. Aber eben auch Gutes, wie das jetzt zum Fair Play. Ich bleibe dem Blatt treu. Ich versuche halt, auch im Spiel um die Wissenschaft, ein guter Verlierer zu sein. Vlt. ein Wert an sich.
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Der Mensch ist, was er isst
Die ukrainische Zopftrulla gibt eine Pressekonferenz in der Berliner Charité und kommt auf Krücken wegen ihres unter Haftbedingungen in ukrainischen Kerkern verschlimmerten Bandscheibenvorfalls. Sie trägt dabei hochhackige schwarze Pumps.
Aber vergessen wir mal für einen Moment die große Politik. Reden wir vom Essen. Drei Vorfälle sind zu berichten. Der erste fand letzte Woche statt im Museum Tavern in Bloomsbury, London. Ich lunche mit der Redenschreiberin des Bürgermeisters, einer jungen Konservativen des modernen Schlages, die ihren Chef immer Boris nennt, manchmal auch Boris the Beast. Herr Johnson, so heißt Boris hinten, ist ein Genie der politischen PR und wird als künftiger Premierminister im Vereinigten Königreich gehandelt. Ich will der jungen Dame über die Schulter blicken, denn sie macht einen wirklich guten Job. Was bestellt sich die Mittzwanzigerin? Ein „Fishfinger Sandwich on brown bread“. Dabei handelt es sich um diagonal aufgeschnittenes Butterbrot aus geschrotetem Mehl und als Belag des Butterbrotes in reichlich Remoulade drei panierte Fischstäbchen. Ich werde nicht mehr.
In Heathrow („Thieve Row“) auf meinen Flieger wartend, gehe ich auf facebook und entdecke ein Foto, das jemand von seinem Abendessen gemacht hat. Das ist ein echtes Phänomen. Menschen fotografieren ihr Essen und stellen das dann stolz ins Netz. Es handelt sich um eine klebrige Masse, die aussieht, als habe sie schon mal jemand zu sich genommen. Es sind, so erfahren wir, Spaghetti mit Garnelen und einer Ziegenkäse-Weißweinsauce. Ekelhaft. Nie würde ein Italiener Meeresfrüchte mit Milchprodukten mischen. Man kocht das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter. Ich entfache eine wilde Diskussion auf facebook, indem ich meine Verachtung formuliere. Dabei fällt auch die Nudelvariante Carbonara, in der man auch nicht Speck und Sahne mischt. Nein, schreibt der inkriminierte Meisterkoch, für Carbonara nehme er Dosenmilch. Ich werde nicht mehr.
Jetzt nach Frankreich. Der chinesische Präsident Xi Jinping war zu Gast beim Premierminister und es gab im Elysée-Palast zu einem elend süßen 97er Chateau d‘Yquem Stopfleber, Huhn mit Kartoffeln und Schoko-Dessert von einer so leidlichen Qualität, dass die Ministerin für Außenhandel hinterher ihrem Ekel („dégueulasse“) Worte verlieh, die eine Kamera aufnahm. Nun, Nicole Bricq, so heißt die Hochgewachsene, wird damit wohl aus dem Kabinett fliegen. Ihr Chef ist zwar Sozi, aber wir sind im Land der Haute Cuisine. Da würden sie für Ziegenkäsesauce an Garnelen oder Fischstäbchen als Brotbelag die Guillotine rausholen. Gut so.
Wenn wir über Europa reden, handeln wir von europäischer Geschichte und Kultur. Die Kulinaristik ist ein wesentlicher Pfeiler dessen. Dazu gehört der mediterrane Kult um Getreide („pasta“), um Wein und Öl und auch die Frage, warum man das Zicklein nicht in der Milch der Mutter kocht. Und dieses Europa reicht, ungeachtet der jeweils herrschenden Regime, bis an den Ural. Da hat der Herr von Siemens einfach Recht; man darf sich diesen Blick nicht durch kurzfristige Turbulenzen verstellen. Primat der Ökonomie. Damit sind wir dann doch wieder auf dem Weg in die große Politik. Das wollten wir für heute eigentlich lassen.
Quelle: starke-meinungen.de