Logbuch

FREUND & FEIND.

Die einzige Art, einer Versuchung zu widerstehen, hat der englische Gentleman Oscar Wild, der wohl Ire war, gesagt, ist ihr zu erliegen. Das gilt insbesondere für Komplimente.

Wenn man Freunde hat, ist man ohnehin beschenkt. Wenn die dann noch ihr Herz auf der Zunge tragen, darf man doppelt froh sein. Jedes Kompliment annehmen. Man weiß ja nie, ob noch eines kommt. Und darauf achten, dass Beschenkte freigiebig sein sollten. Komplimente machen!

Wenn man sich in den Stürmen des Lebens Feinde erworben hat, greift eine ernstere Unterscheidung. Es gibt jene Gegner, auf deren Abneigung man stolz sein kann. Von einem Arsch für einen Arsch gehalten zu werden, das lässt sich ertragen. Stolz sollte man darauf zwar auch nicht sein (das wäre der Ehre zu viel), aber man kann es ertragen.

Von einem Zeitgenossen verachtet zu werden, dem man Unrecht getan hat, das fühlt sich nicht so gut an. Da sollte man seinem eigenen Talent, sich selbst mit Lebenslügen zu trösten, lieber nicht nachgeben. Um Nachsicht bitten. Reue zeigen. Das gilt auch für sogenannte Kollateralschäden.

Kollateral ist ein Opfer, das nicht hätte sein müssen; aber das eben doch etwas abgekriegt hat, in den Kleinkriegen, die das Geschäftsleben und die Politik so ausmachen. Die versehentlichen Opfer gehören in ein Ehrengrab. Damit ist dann aber auch gut. Zu Sentimentalitäten besteht nämlich nie Anlass.

Ich erinnere gern jenen Vers aus Brechts Dreigroschenoper, der da lautet: „All meinen Feinden will ich verzeihen. Doch vorher schlage man ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ Echt jetzt? Nein, ist schwarzer Humor. Englischer eben. Siehe oben.

Was bleibt? Die Bitte um Nachsicht.

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GESSLER-HUT.

Der Ur-Schweizer Wilhelm Tell hat es an Unterwürfigkeit mangeln lassen, als er den Hut seines politischen Herren nicht grüßen wollte. Symbolische Anerkennung einer Vorherrschaft verweigert.

So könnte es mit Kruzifixen gemeint gewesen sein. Ich erinnere, dass ein bayrischer Provinzpolitiker diese Symbole der Hinrichtung Jesu noch kürzlich in alle öffentlichen Räume hängen wollte. Als warnenden Hinweis für jene mit anderem Gott und, schlimmer noch, an jene ohne.

So kann es uns Staatsbürgern mit wirklichen Hoheitszeichen gehen, der Uniform mit Mütze beim Polizisten oder der Robe des Richters oder ganz einfachen Symbolen der Straßenverkehrsordnung, sagen wir, dem Stoppschild. Symbole der Macht, die ungefragt Autorität beanspruchen.

Im Rechtsstaat ist das streng codifiziert, welcher Fetisch Macht über mich hat. Welchen Gesslerhut ich zu grüßen habe. Die Herrschaft jenseits der Gesetze, das Ideologische, der Zeitgeist, sie versuchen das auszuweiten. So soll ich Gender-Regeln in meine Sprache aufnehmen, die fachlich schlecht begründet sind, aber eben ideologisch inbrünstig daherkommen. Und Straßen umbenennen, weil sie an Geschichte erinnern, die nicht mehr als vorbildlich gilt.

Das stünde in der Verfassung. Unsinn. Es entspräche aber dem Geist der Verfassung. Nebelgebilde des Wunschdenkens. Diese Sternchen und andere Albernheiten sind Gesslerhüte, deren Befolgung zeigen, dass ich dem Machtanspruch ihrer Anhänger Gehorsam entgegenzubringen bereit bin. Bin ich das? Unterwerfung unter die Selbstlegitimierten?

Apfelschuss bei Schiller. Eidgenossen. Wenn man sich so gegen die Vorherrschaft verschwört, begründet das vlt. eine Bruderschaft, die in einem freien Land enden kann. Dieses Rütli-Ding der Schweizer. Friedrich Schiller muss daran etwas fasziniert haben. Daher Wilhelm Tell als Held des Ungehorsams. Eidgenössisches als Utopie. Lesegebot.

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HOFNARREN.

Die Kulturgeschichte der Narren, die die Majestäten belustigen durften, indem sie mit Witz gelegentlich die Wahrheit sagten, ist noch nicht geschrieben.

Aber sie ist reich, diese Narrengeschichte. Nicht alles Zwerge, mancher Titan darunter. Intellektuelle verbargen sich unter der bunten Kappe. Philosophische Kapazitäten im Kampf gegen die kleine Münze der Moral. Charakter gegen die Intrige, die Banalität der höfischen Niedertracht. Der Narr als Erscheinung des Weisen. Nicht immer, aber oft. Ich verehre Narren. Ich bin nachsichtig selbst mit Irren.

Der TAGESSPIEGEL hat seinen Kolumnisten Harald Martenstein vergrault, letztlich entsorgt. Damit beweist er, der als Organ die Ursachen der Dinge aufklären will, wes Geistes Kind er inzwischen ist. In ihm gärt jener biedere Ernst, der den Narren schon lange mundtot sehen will. Ideologisch selbstbewiss sind diese zeitgeistigen Kleinbürger bis an die Grenze der Idiotie.

Was war vorgefallen? Es wurde ein TABU so berührt, dass man vom einem Tabubruch reden konnte, womit nur die Opferung des Lamms den Tempel wieder reinigt. Das Tabu darf laut Philisterkritik nicht gesehen, nicht genannt werden, nicht berührt. So stirbt Satire. Es war nicht mal die IRONIEFALLE, die das Gesagte für das Gemeinte hält, obwohl Ironie das Gesagte niemals meint. Das ist ja der gewöhnliche Tod der Narren.

Es war die FALLE der DIFFERENZIERUNG, wo es den Biederen der neuen Zeiten moralisch geboten scheint, rigoros zu verallgemeinern. Radikal wird Assoziationen Raum gegeben, wo jemand einen feinen Unterschied machen wollte. Volkszorn gegen Verstand. Also das besondere Gift des Kognitiven. Wer darüber den Verstand nicht verliert…

Dass der Inquisitor den Delinquenten sein Todesurteil im Blatt veröffentlichen ließ, gilt nun einigen biederen Nachwuchsnarren als Beweis der Liberalität dieser Inquisition. Innere Pressefreiheit, höre ich, aber doch wohl im Akt der Zensur! Das ist so bitter, dass selbst Narren verstummen. Man forsche: NON EST DEUS.

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Wer ist Freund, wer Feind?

„Und was ist, wenn hier Arschlöcher gegen Arschlöcher kämpfen?“ Eine ungeheuerliche Frage. Unangemessen formuliert, für den Stammtisch geeicht. Ich habe sie noch im Ohr aus einem spontanen Kommentar zum Bürgerkrieg in Syrien. Sie fällt mir wieder ein, als ich auf Facebook die glühenden Verehrungen der Revolte in der Ukraine lese. Eine Volk erwacht zur Freiheit, wirft die Sowjetketten ab, will nach Europa, lerne ich. Mir gefällt die Tonlage trotzdem nicht.

Wenn ich am demokratischen Wesen der ukrainischen Revolte zweifle, bin ich dann ein Russenknecht? Natürlich ist Putin ein russischer Machtpolitiker mit imperialistischen Ambitionen. Das Schröder-Wort vom lupenreinen Demokraten ist  bestenfalls dumm, vielleicht sogar verbrecherisch. Aber mir gefällt auch die andere Seite nicht. Neben den Preisboxern und der Zopftrulla stehen in Kiew Faschisten als Regierungspartei auf dem Podium. Ich kann das nicht übersehen.

In der Physik gibt es Lehrsätze. Ganz besonders wichtige Lehrsätze heißen Hauptsätze. Ich erinnere mich an den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, zum Beispiel. Mein Opa Heini war der Meinung, dass es solche Hauptsätze auch in der Geschichte gibt. Er zitierte gerne: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“ Damit begründete er seine Nichteinmischung in Konflikte. Das war unpolitisch und nicht differenziert, weil das Pack die roten und die braunen Schläger waren, die er in einen Topf warf. Weimarer Verhältnisse.

Das Wesen der Politik, hat ein deutscher Staatsrechtler gesagt, sei eine Freund-Feind-Beziehung. Da ist was dran, vielleicht taugt es sogar zum Zweiten Hauptsatz der Historie. Mein Opa Heini kannte sogar noch Erbfeinde. Für ihn war das der Franzmann. Für andere seiner Zeit waren es die Juden, die zur Feindschaft und dann zur Vernichtung anstanden. Wenn Feindschaft bedeutet, dass das Recht entsteht, dem anderen den Schädel einzuschlagen, vielleicht sogar die Pflicht, würde ich um einen Moment des Zögerns bitten.

Gegner sind Feinde, die sich nicht vernichten, sondern nur besiegen wollen. Wenn in der Ukraine zwei Gegner aufeinander treffen, so kann man Partei nehmen und eine Meinung haben, wer denn gewinnen sollte. Oder es lassen. Und nachdenken, was bei einem Unentschieden zu tun ist. Vor allem aber muss man dann mit keinem von beiden Gutfreund sein. Der größte zivilisatorische Fortschritt bestünde darin, dass aus Feinden Gegner werden. Und ich mit niemanden von diesen befreundet sein muss.

Quelle: starke-meinungen.de