Logbuch
SCHMACKO.FATZ.
Seltsamer Widerspruch: in der Spitzenküche feiert man das absolut Exotische. Zuhause hauen sie sich ein Ei in die Pfanne. Oder nehmen unterwegs Leberkässemmeln. Aufschlussreich.
In der KULINARISTIK werden Gerichte komponiert und gebaut wie Pralinen. Der Koch neigt sich mit einer langen Pinzette über einen Hauch von Fisch, dem er noch ein exotisches Aroma mitgibt, ein Blättchen seltener Bergkräuter, von persischen Jungfrauen gepflückt. Der Wein ein völlig entlegenes Tröpfchen. Austern und Schalentiere aller Art. Auch faulendes Fleisch und halbrohe Innereien. In Japan hatte ich noch lebendes Getier.
Der Verfeinerung des Geschmacks sind keine Grenzen gesetzt. Man mag über die Ethik der Stopfleber streiten, aber was der Drei-Sterne-Koch im Elsässischen daraus zaubert, ist göttlich. Dazu einen sehr alten, eindeutig überlagerten Dessertwein. Ultimativ.
So, und jetzt fragen wir die Gourmets nach ihren Lieblingsgerichten. Kommt dann Fasanenwade an Bärlauchschaum? Weit gefehlt. Pellkartoffeln mit geschmolzener Butter. Oder mit Quark. Oder das Spiegelei. Strammer Max. Auch: kesselwarme Fleischwurst im Brötchen. Fish & Chips. Ja, auch Currywurst Pommes rot weiß von Dönninghaus.
Ich habe schon eine Glatze hingelegt für ein Dinner; acht Gänge mit Weinbegleitung. Aber das Bauernfrühstück aus meiner Eckkneipe mit einem Gedeck, kein Zwanni, das ist für den Hungrigen der Himmel auf Erden. Ein Gedeck ist ein Helles mit Doppelkorn; ein Bauernfrühstück, das sind Bratkartoffeln mit Ei und Speck sowie Gewürzgurke mit kleinem Salat. Das nur als Erläuterung für die ewigen Banausen der Haute Cuisine.
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AUF WIEDERSEHEN.
Mit einem Auge sehe ich ein Bild von den exzessiven Trauerfeiern in England. Dass man sich wiedersehe, steht dort. Eine Lüge, aber trotzdem wohl tröstend.
Dass man ein Begräbnis zum monumentalen Kitsch machen kann, das ist jetzt bewiesen. Staatsschauspielende, noch über den Tod hinaus. Die Volksseele liebt solche Rituale. Mich berührt das eher als eine Peinlichkeit. Und ein Anachronismus; jedenfalls seit der Französischen Revolution. Aber unsere Sentimentalität mit dem Sterben hat natürlich einen tieferen Grund. Wir wollen nicht hinnehmen müssen, dass etwas endgültig ist. Unser Lebenswillen besteht darin, dem Schicksal zu trotzen. Jeden Morgen neu. Sonst könnte man ja auch gleich liegenbleiben.
Während des Zweiten Weltkriegs haben sich die von uns überfallenen Engländer Trost gespendet, indem sie das Lied von Vera Lynn mitsangen: „We will meet again! Don’t know how, don’t know when…“ Eine kontrafaktische Annahme für die dann im Krieg umgekommenen Menschen, euphemistisch „Gefallene“, die die Schützengräben nicht wieder hergegeben haben. Aber Ausdruck des Willens zum Kampf, und wenn er das Leben kostet.
Die religiöse Annahme einer Wiedergeburt oder eines Ewigen Lebens ist der naive Trotz gegenüber der Vergänglichkeit. Fiktional kühn. Vielleicht macht dieser Trotz einen Grund für den Erfolg des Christentums aus. Das Angebot einer fundamentalen Illusion. Denn eigentlich kann man nicht akzeptieren, was man bei aller Evidenz akzeptieren müsste. Wir haben nur eine kurze Zeit auf Erden. Jeder, der ein Elterngrab zu pflegen hat, kann das wissen.
Der wirkliche Trost über die Vergänglichkeit sind, so banal das klingen mag, Kinder und Kindeskinder. Brutpflege. Am Ende landet die Philosophie immer lapidar im Biologischen. Vielleicht ist das gut so. Der Rest sind, schönes Wort, halt Lebenslügen.
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MARKTWIRTSCHAFT.
Was für die Kartoffel und den Kohl gilt, das Prinzip regionaler Nachhaltigkeit, das soll auch den Energiemarkt bestimmen. Weg von den Monopolen. Heimische Energie. Die grüne Wende.
Weite Teile unserer Energieversorgung stehen vor der Verstaatlichung, weil sie die Risiken der Beschaffung als private Betriebe nicht mehr tragen können. Das gilt jedenfalls für den Gasmarkt. Das läuft dann so gut wie andere Behörden, zum Beispiel die Bahn.
Die Energieversorgung mit Öl ist in Händen internationaler Konzerne, die sich wie ein Kartell verhalten, zum Teil mit der Beteiligung von Staaten. Sie nehmen es von den Lebendigen und schützen ihre Oligopole.
Für die Kernenergie habe ich schon immer gesagt, dass sie nicht von börsennotierten Unternehmen betrieben werden kann, da das Restrisiko nicht versicherbar ist, zum Beispiel. Willkommen im militärisch industriellen Komplex.
Die Weltmärkte für Kohle funktionieren nicht anders als die für Öl oder Gas. Und grüner Wasserstoff ist ein Einhorn, das erst noch gefangen werden muss. Ich könnte verraten, wie man Einhörner fängt; das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Deshalb ist es so wertvoll, dass der Anlagenbau zur Nutzung von Sonne und Wind in der Hand inländischer mittelständischer Hersteller ist und die Anlagenbetreiber aus sehr vielen dezentralen Privatleuten bestehen. Die gut ausgebauten Netze bringen den Nordseewind auf die Alm und die mediterrane Sonne auf die Hallig. Und die Branche ist eine friedliche Genossenschaft von Herstellern, Betreibern und Nutzern. Mittels günstiger Energiepreise betreibt man nationale Wirtschaftspolitik. Deutliche Exportüberschüsse. Alles gut.
Finde die Fehler.
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Von der Todessehnsucht der Spieler
Von dem spielsüchtigen Ulli H., Wurstfabrikant beim FC Bayern, und anderen Todes-Kranken soll die Rede sein. So sie bei einen Staat im Staat beschäftigt sind, entgehen sie in Deutschland ja der Justiz. Aber nicht dem Urteil der Zeitgenossen. In der Bar des Widder in Zürich treffe ich einen Sebastian, der ein Buch über den unaussprechlichen britischen Investmentbanker Kweku Adoboli geschrieben hat und erzählen will. Dem jungen Mann, er war zur Tatzeit 29 und sein Boss 24 Jahre alt, wurde in England der Prozess gemacht. Wäre er bei Arsenal gewesen, dann vielleicht nicht (die deutsche Krankheit), aber er war nur bei UBS. Der Staatsanwalt bezeichnete ihn als „gambler“, sprich als Zocker oder Spieler. Alle Spieler wollen verlieren, sie sind in Wahrheit von Untergangssehnsucht getrieben.
Die Taten waren zunächst aber eine Ruhmesgeschichte. Der schwarze Brite saß bei der UBS London am „Delta One Desk“ des „Synthetic Equities Trading“. Man will gar nicht so genau wissen, was ein synthetisches Vermögen ist, aber das Handeln damit scheint sich zu lohnen. Im Jahr 2007 erzielte die Aktivität unseres ghanaischen Investmentbankers einen Umsatz von 50 Milliarden US-Dollar, also 50.000 Millionen, dem ein Ergebnis von 65 Millionen Dollar entsprach. Das ist ja mit einer Umsatzrendite von 0,13 Prozent nichts von vorneherein Unvernünftiges in der Welt des Investmentbankings. Nun darf man annehmen, dass davon ein Zehntel als Bonus gezahlt wurde, womit unser junger Mann netto, cash in de Täsch, mit 3 oder 4 Millionen US-Dollar als Weihnachtsgeld seine Eltern in West Yorkshire besuchen konnte. Good Boy!
Als die Märkte solche Geschäfte nicht mehr hergaben, deckte das junge Genie seine Geschäfte mit erfundenen Kunden und Luftgeschäften. Im ersten Quartal 2010 machte er noch einen Profit von 11 Millionen Dollar, hatte dazu aber 16 Millionen Dollar an Luftgeschäften in den Büchern. Er nannte diese Luftgeschäfte übrigens „umbrella“, zu deutsch „Schutzschild“, aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen, woher Sie das Wort kennen. Das Ende des Abenteuers bei der UBS in London kennen wir alle; die UBS soll nur eine Handbreit von der Existenzbedrohung entfernt gewesen sein. Aus dem Schlussplädoyer des dann angeklagten Investmentbankers: „I find it paradoxical that a bank is allowed to bring an employee to court who is a product of the way the bank itself behaves. I find it equally paradoxical that such banks continue to exist even though they do our society immense damage.“ Basti kann das auswendig, und wir trinken darauf noch einen Hell Boy.
Worin liegt das wirklich Paradoxe jenes Investmentbankings, das uns als Zockerei oder Casino beschrieben wird? Es geht nicht nur darum, dass überbezahlte junge Leute über die Stränge schlagen. Es geht auch nicht darum, dass hier die ökonomische Struktur einer Wette herrscht. Seit den Skandalen um die Festsetzung des Leitzinswertes Libor in überaus eigenartigen Absprachen wissen wir, dass der Wettkampf nicht fair ist. Lassen Sie mich das am Beispiel einer Sportwette erläutern. Sie können Ihr Sparbuch auf’s Spiel setzen für eine Wette, wie denn Bayer Leverkusen spielen wird. Und Sie können, wenn das Talent reicht, im Profifußball auf den Platz laufen. Problematisch wird es nur, wenn Sie beides tun: wetten und spielen. Denn dann stellt sich die Frage: Wetten Sie so, wie Sie spielen werden, oder spielen Sie so, wie Sie gewettet haben?
Bei den Wetten der internationalen Kapitalmärkte bieten die Spieler selbst, sie sind Spielmacher im bösen Sinn des Wortes. Die Spielmacherei gelingt, wie im Sport, nicht immer, aber wohl eine gewisse Weile. Und was erzeugen die sehr hohen Wettgewinne bei den anderen Herrschaften auf der Tribüne? Skepsis? Einsicht, dass dies ein kurzes Abenteuer sein kann? Nein, es erzeugt bei vielen Gier. Und so steigen andere in ein Wettgeschäft ein, von dem sie wissen könnten, wie es gestrickt ist. Die Logik solcher Spekulationen in den Sphären der synthetischen Derivate besteht in der Zeitachse: Es gibt auf dem Zeitstrahl eine Strecke, auf der man an dem kollektiven Wahnsinn mit sehr guten Renditen, jedenfalls exorbitanten Boni teilnehmen kann, und es gibt ganz sicher ein Ende, an dem das Kartenhaus zusammenfällt. Zum Ausstieg wird aber nicht geläutet. Man frage Bernie Madoff, der davon gelebt hat, die Sackgasse, in die er seine Anleger gelockt hatte, zu verlängern. Es war am Ende eine lange Sackgasse, aber sie hatte ein Ende.
Was ist nun die Spielsucht des Ulmer Metzgerbubs beim FC Bayern? Da ihm die Expertise für’s Toreschießen zukommt und die für Bratwurst, er aber weder Banklehre noch Ökonomiestudium hat, ist das Daddeln eine Sucht ohne Expertise, ein reines Glücksspiel. Wie bei allen Spielern dieser Destination geht es mit dem Gewinnen-wollen so zwanghaft zu, das das Verlieren-müssen zur Gewissheit wird. Das hier notorische Motto „no risk, no fun“ ist eine Maxime der Todessehnsucht. Darüber sollte das Image als Wohltäter, das Ulli H. gepflegt hat, hinwegtäuschen. Aber es nicht „caritas“, die diese Menschen treibt; es ist nicht mal „eros“, sie sind eine Beute des „thanatos“, wie die alten Griechen die Liebe zum Tode nannten. Wenn schon nicht verachtenswert, so sicher tragisch.
Quelle: starke-meinungen.de