Logbuch

LEIDKULTUR.

Der Begriff einer leitenden Kultur löst Kontroversen aus; daran ist ja zunächst nichts schlechtes. Angeblich gibt es nämlich einen Mangel an „leadership“, wie die Meinungsführer im Personalwesen sagen. Zu wenig Führer? Echt? Na, wenn das der Führer wüsste.

Beginnen wir mit der Religionsfreiheit: Das ist die Freiheit von der Religion, nicht die Freiheit der Religiösen zu Übergriffen. Wenn eine solche Vorstellung davon, dass Glaubensfragen eine reine Privatangelegenheit sind, Sinn macht, muss sie für alle Religionen gleichermaßen gelten. Ja, auch für die christlichen. Exempel: In Amtsstuben oder Schulklassen gehören keine Golgathakreuze.

Und natürlich gehört der Weihnachtsbaum nicht zur Leitkultur, insofern man darunter eine Regulierung des öffentlichen Lebens versteht. Baum darf, muss aber nicht. Wie die Ostereier sind lamettabehangene Tannen keine Verfassungsinstitute. Jedes Brauchtum hat jedes Recht, solange nicht die Rechte anderer dadurch massiv beeinträchtigt werden. Etwas nicht mögen oder sich beleidigt fühlen, das ist keine massive Beeinträchtigung, klar?

Aber man redet gegen Windmühlen, wenn Neid, Missgunst und Hass das soziale Klima bestimmen. Muss nicht das „positive Recht“ reichen? Taugen Gesetze dazu? Kann die Justiz Frieden stiften? Dann reichte ja die Maxime, dass alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten. Das mag im Staatlichen als Prinzip genügen, im Sozialen ist das zu knapp.

Das Recht auf Privatheit; hier liegt möglicherweise der Kern. Was geht den Nachbarn nichts an, schon gar nicht den Staat? Wann endet die Schulpflicht? Und haben das auch die Öffentlich-Rechtlichen Medien verstanden? Und die Missionare aller Religionen, auch der politischen? Schon ein Leid mit der Leitkultur.

Das Selbstbestimmungsrecht des Individuums, das ist doch ein Konzept. Und die soziale Weisheit, dass starke Zäune gute Nachbarn machen. Schließlich „sprezzatura“ für alle. Verbindlich. Was das ist, das kriegen wir aber erst später.

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OVER & OUT.

Bei großen mythischen Traditionen gilt es Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Ich habe eine meiner Studierstuben mit einer riesigen Reproduktion eines Dürer-Werkes verziert und zu allem Überfluss noch einen ersteigerten Ölschinken aufgehängt, auf der gegenüberliegenden Wand. Jetzt blickt das eine Porträt unseres Religionsstifters das andere an, in beiden Fällen das Antlitz Jesu auf dem Weg nach Golgata, mit Dornenkrone. Ein gespenstischer Raumschmuck im Studierzimmer.

Der Mythos „Schweißtuch“, sprich des SUDARIUMS, soll aus den Apokryphen stammen, einem für die Endfassung der Bibel verworfenen Evangelium. Das ist, wie Kipling sagt, eine eigene Geschichte. Es geht um ein authentisches Bild Christi, das entstanden sein soll, als ihm eine mitleidige Frau ein Tuch reichte, mit dem er sein verschwitztes Gesicht habe trocknen können. Die Dame gegenwärtigte dann darauf das Wunder eines Porträts. Jahrhunderte bestimmte diese Reliquie die bildliche Darstellung des Herrn. Das war er wirklich, dachte man. No fake news.

Bei Dürer präsentieren zwei Engel, was sonst die HEILIGE VERONICA hochhält. Deren Existenz im Klarnamen ist aber ein veritabler historischer Irrtum. Weil das mythengeile Volk kein Latein konnte, haben sie die priesterliche Bezeichnung des WAHREN BILDES (lateinisch: vera icon) verballhornt. Die Heilige Vera, kurz für Veronica, war ein Volksglaube. Jeder Glaube ist eben das, die rigorose Sinnstiftung bei unzulänglichen geistigen Mitteln.

Also, von der Vera Icon wird im nächsten Jahr noch einiges zu erzählen sein. Das könnte ein Aufsatz oder ein Büchlein werden. Zudem habe ich gestern in der benachbarten Baumschule für 210€ einen drei Meter hohen Gingko gekauft, den mein Gärtner noch vor Sylvester setzen wird. Und dann soll es 2024 bei SPRINGER eine Festschrift über mein berufliches Wirken geben; ich habe schon ins Manuskript schauen dürfen. Ich habe den akademischen Fachkollegen mehr als zu danken. Es geht thematisch um AUTHENTIZITÄT, also vera icon.

Dankbar schließe ich so das alte Jahr und blicke auf ein neues. Over & out.

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ANGEBOTSVERKNAPPUNG.

Die Öffnungszeiten der Restaurants ändern sich: ab Donnerstag, so lautet die neue Parole. In der ersten Wochenhälfte geht nichts mehr. Sonntags auch zu. Und dann vergeben sie zum Wochenende hin einen Tisch für 90 Minuten. Friss, zahl und verpiss Dich!

Das wird nicht gutgehen. Ich verstehe ja, dass Personal knapp ist und der Kostendruck hoch. Aber die zeitliche Verknappung und damit die Verdichtung auf Vollbetrieb an drei Tagen, das ist ein Irrweg. Es wird die Kundschaft auf die Fastfood-Läden verlagern. Schon heute ist das Angebot in einer Bäckerei besser als im gängigen Restaurant. Mein Tipp: nach den (belegten) Handwerkerbrötchen fragen.

Auch auf Autobahnen Fast-Food-Ketten. Ich habe jetzt sogar gelernt mit einem Automaten zu reden, der mir bei McDoof die Bestellung abnimmt. Das sogenannte Frühstück war zwar lausig; aber es gab eines. Bei WürgerKing zahle ich für einen Burger mittels Drive-In fast zehn Euro, das simple Brötchen zwanzig Mark. Aber 24/7. Lausiger Kompromiss. So wird das nichts.

Auch in der Systemgastronomie gehobener Art findet eine radikale Angebotsreduktion statt. In Berlin gehe ich gern in ein Hotelrestaurant mit vorzüglichem Service. Riesenhotel, beste Lage, Topkellner. Und eine sehr, sehr kleine Karte, die über Monate nicht wechselt. Ich habe aber keine Lust zwischen zwei Gerichten, die mir munden, zu wählen.

Und bei den Familienrestaurants radikale Qualitätsunterschiede, je nachdem, wer in der Küche ist. Ist die Mama krank, gibt es Convenience aus der Metro und schlimmeres. Wir fallen in eine Service-Wüste zurück. Ich werde mir eine zweite Tiefkühltruhe in den Keller stellen. Dann halt selbst.

Für unterwegs wieder Butterdose und Thermoskanne. Heimlich, weil spießig. Aber was will man machen? Vom Bordbistro der Bahn oder Sandwiches im Flieger schweigt des Sängers Höflichkeit.

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Der PR-Papst, eine echte Marke

Darf man den Stellvertreter Christi mit einem Konsumgut vergleichen, einer banalen Marke? Kann es das geben, Public Relations (PR) im Vatikan? Darf man den Unfehlbaren mit einem Pop-Sänger wie Bob Dylan in einen Topf werfen, indem man ihm dessen Lied von den Zeiten, die sich ändern, als Motto zuschreibt?

Ein Schwefelgeruch umweht diese Fragen. Sie riechen nach Blasphemie. Nun, andere Religionen mögen Bild- und Denkverbote durchsetzen wollen, dieser Papst wirkt so ganz anders als ein engstirniger Inquisitor, der Ungläubige auf’s Schafott schleppen will. Vielleicht wirkt er nicht mal katholisch, jedenfalls nicht so, wie es der einstige Vorsitzende der Glaubenskongregation, genannt Bücherratz, in den roten Schuhen darstellte. Martin Luther hätte ihn gemocht, diesen populistischen Italiener aus Südamerika, der da in Rom wieder Füße wäscht. Er schaut dem Volk auf’s Maul.

Wer Franziskus aber für einen Opportunisten hält, der unterschätzt ihn. Das gewinnende väterliche Lächeln, die schwarzen orthopädischen Schuhe, die ganz vorsätzliche Bescheidenheit, die er fast aufdringlich vermittelt, dürfen nicht dazu verleiten, die Erscheinung dieses Papstes als Ausdruck seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen zu missdeuten. Hinter dem bürgerlichen Namen dieses Jorge Mario Bergoglio steht ein SJ. Er ist der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl. Man darf bei Jesuiten alles annehmen, aber nicht Naivität im Sinne eines Minderbemittelten. Der Schwarzbeschuhte ist raffinierter als der Rotbeschuhte. Der Beweis für diese Charakterisierung ist erbracht: Nicht nur die Katholiken, die ganze Welt hält Franziskus für authentisch.

Bei Gläubigen vom Kaliber eines Norbert Blüm erlebt man regelrechte Zustände der Euphorie, jener Freude, die die Frohe Botschaft des Evangeliums auslösen soll. Blüm ist jener Politikertyp, der der Gewerkschaftsbewegung entstammt und die katholische Soziallehre bis an den Rand des Sozialismus trieb. Wer will, dass solche Menschen fremdeln, der muss ihnen Stücke vorführen, wie sie bis vor kurzem in Limburg aufgeführt wurden. Der Limburger Bischof Tebartz van Elst war diesen Menschen nicht authentisch. Er verkörperte nicht jene Marke, denen sie Vertrauen entgegenbringen konnten. Man muss nicht homophob sein und nicht Sozialist, um die Limburger Inszenierung von männergesellschaftlichem Luxus  befremdlich zu finden. Inszenierung? Ist auch Franziskus eine inszenierte Marke? Man kann das denken, ohne es herabsetzend zu meinen.

Worin liegt die Wirkkraft großer Marken? Was zeichnet in der Welt der Konsumgüter solche Produkte wie Nivea, Aral oder Apple aus? Sie sind Komposita, bestehen aus einem instrumentellen Teil, dem eigentlichen Gegenstand, und einem symbolischen. Der symbolische Markencharakter weist über das eigentliche Produkt hinaus und verbindet unser Empfinden mit einer assoziativen Welt, die wir für wünschenswert halten. Diese Welt wünschenswerter Geschichten, die wir im Hinterkopf oder im Bauch mit einer Marke verbinden, ist das Grundregister unserer Kultur. Für die Christenheit gilt, dass ein ganz wesentlicher Teil aus dem Evangelium stammt. Jesus ist uns auch in ganz profanen Zusammenhängen der Messias. Aber die Mythen der Marken sind älter als das Neue Testament. Wenn wir bei Apple einen angebissenen Apfel sehen, so weiß unsere Seele, dass wir über Genesis reden, den Sündenfall, das Verhängnis, weil wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Marken sind auch heute noch symbolische Derivate unserer Kultur und unserer Religion. Die Wurzel gehen bis zu Moses und zu Homer.

Wesentlich für Markenkraft ist aber nicht nur der Wiedererkennenswert und die Tiefgründigkeit der Wurzeln, sondern ihr paradoxer Charakter. Marken sind spontan authentisch, zugleich aber umweht sie etwas Geheimnisvolles. Große Marken haben etwas Mysterisches; wir fühlen uns angezogen, durchschauen sie aber nicht wirklich. Es bleibt etwas Dunkles. Ihre Symbolkraft ist enigmatisch, sie gibt immer auch Rätsel auf.  Der Popstar Bob Dylan hat diese Markenstrategie bis zur Perfektion über ein ganzes Lebenswerk ausgedehnt. Man kann ihn nicht ausinterpretieren. Theologisch: Verkündigung, die sich der Exegese verweigert; Protestanten hassen das, Katholiken lieben es. Deshalb hat die Zeitschrift Rolling Stone mehr als Recht, wenn sie Franziskus unter das Motto des Dylan-Songs „The times, they are a‘ changin“ stellt. Dylan war der säkulare Messias der Generation Joschka Fischer. Franzismus ist die Marke Menschenfischer, die die Apostel in ihren Bezeugungen über das Leben des Jesus aus Nazareth entwickelt haben. Die Demut Jesu kommt aber nicht in roten Schuhen daher. Sie fliegt nicht First.

Wer Franziskus mit kalten Augen betrachtet, wird die Allgegenwart des Paradoxen nicht verkennen können. Zu allen weltlichen Kardinalfragen hat der Unfehlbare eine Meinung, die in einem vagen „Einerseits-Andererseits“ endet. Man soll Homosexuelle nicht diskriminieren. Aber auch nicht heiraten oder adoptieren lassen. Wir sind alle Kinder Gottes, aber die Weiber gehören nicht unter die Sakramentsverleihung. Wir kommen wie der Heilige Franziskus von Assisi aus gutem Haus, wissen uns also auch mit Diktaturen zu arrangieren, aber wenden unseren Blick in die Slums. Wir reformieren die Vatikanbank, um sie der Kritik an Geldwäsche zu entziehen, aber wollen eine Kirche der Armen. Franziskus zeigte, so hört man, Nähe zur revolutionären Befreiungstheologie, gehört ihr aber nicht an. Er kritisiert den Raubtierkapitalismus und will Mildtätigkeit. Dass Suppenküchen die Armut stabilisieren und nicht politisch beenden, ein solcher Gedanke ficht ihn nicht an. Der Mythos des Menschenfischers, den dieser Papst reaktiviert, soll am Ende zugleich ein Mysterium sein. Franziskus ist Jesuit.

Das Authentische einer Marke ist immer eine Inszenierung. Sie ist besonders gelungen, wenn wir ihr glauben wollen, aber sie nicht ergründen wollen, weil wir sie als vorsätzliches Enigma auch gar nicht ergründen können. Mit den Augen eines Protestanten betrachtet, ist dieser Papst ein Genie der PR. Sein Konzept ist biblischen Ursprungs. Er ist der füßewaschende Menschenfischer. Und in der Kirche hat diese Politik einen Markennamen: „servus servorum Dei“. Franziskus gibt mit jesuitischer Raffinesse den „Diener der Diener des Herrn“, ohne dass das demokratische Züge hätte und er Gleicher unter Gleichen wäre („primus inter pares“). Franziskus ist als Marke eine großartige Paradoxie.

Quelle: starke-meinungen.de