Logbuch

KAFKA LESEN.

Franz Kafka erzählt in seinem Fragment UND ALLMÄHLICH WIRD ES MITTAG von dem Versicherungsangestellten Georg Simson, der eines Morgens erwacht und all seiner Gewohnheiten verlustig gefangen ist. Ein ehedem klar strukturierter Tagesablauf steht vor einer unendlichen Folge offener Entscheidungen, die wiederum ein ganzes Register von grundsätzlicheren Fragen voraussetzen, deren Urgründe freilich auch zu klären sind. Georg Simson ist schon nach dem Frühstück, das zu bewältigen schwer genug war, völlig fertig.

Er weiß, dass er gegen Neun im Kontor zu sein hätte, aber schon die Frage, was er anziehen soll, lässt ihn auf dem Stuhl am Küchentisch erstarren. Die Kafkasche Tragik ergreift auch den Leser; man will ja helfen. Prag in der Zwischenkriegszeit. Heute stellte sich das Fiasko so nicht. Man verlegte die Tätigkeit für die Versicherung ins Home Office. Georg könnte seine Jogginghose anbehalten und müsste nur mit dem Oberteil seiner Kleidung eine vollzogene Morgentoilette vortäuschen. Sollte aus den Konferenzen am Küchentisch mal wirklich Fragen auf ihn zu laufen, die der Entscheidung bedürften, könnte er sie auf die Gruppe rückdeligieren, wo sie auf die Gewohnheiten anderer träfen.

Helfen kann auch die Anschaffung eines Hundes, den man zwar während der Videokonferenzen ins Schlafzimmer sperren muss, wo er das wohlige Bett genießt, mit dem man aber vormittags wie gegen abends und um drei Gassigehen muss, was dessen Initiative ist; wozu allerdings ein Wechsel der Joggingklamotten nicht von Nöten ist. Den jungen Mann vom Lieferdienst mit dem lustigen Turban kennt Bello irgendwann, so dass man die Mute-Taste nur kurz gedrückt halten muss, wenn Pizza kommt.

Durch die Nacht bringt ihn „binge viewing“ auf Netflix. Bei Kafka ist das Ende offen; wie gesagt, es handelt sich um ein Fragment, das Max Brod ohne Zustimmung des Autors herausgegeben hat. Aber ich glaube, dass der todessehnsüchtige Georg nur deshalb nicht von eigener Hand fällt, weil auch das eine Gewohnheit voraussetzt, die er ja nicht mehr hatte. Und so wird es allmählich Mittag. Zuviel Kafka ist nicht gesund.

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KÜNSTLICHE INTELLIGENZ.

Wenn’s zu einem Niedergang der berühmten Berliner Philharmoniker kommen sollte, ich lege mich fest, so begann er gestern Abend. Unambitioniert bis ins Mechanische wurde von einem Gastdirigenten aus Brünn in Böhmen ein regionales Stück seiner Heimat exekutiert, aber eben auch Bela Bartok und Ludwig Van: Das geht zu weit.

Die Gesichter der ehedem grandiosen Musiker meines geliebten Orchesters studierend, konnte ich darin lesen, wie sie beim Spiel sinnieren, dass sie morgen noch zu REWE müssen und den Müll mit runternehmen, während sie also ihr Repertoire pflichtgemäß abgeigten. Fehlerfrei gewiss, präziser ging es kaum, aber auch ohne jede Inspiration. Es wäre leichter gewesen aus einem nassen Lappen einen Funken zu schlagen.

Der russische Herr am Pult, das einst Sir Simon Rattle adelte, schwänzte wie immer; der böhmische Herr, sein gestriger Vertreter, ein mittleres Talent, wie man es jeder Musikschule in Oer-Erkenschwick wünschen würde. Eine Offenbarung des Mediokren aber der Poet in Residence Seong-Jin Cho. Ein Laffe. So klingt Ludwig Van, wenn man ihn in Sagrotan eingelegt hat. Sauber und aseptisch. Runtergeklimpert. Und das beim dem legendären Es-Dur-Konzert für Klavier und Orchester, mit dem er sich einst über Napoleon erhob.

Es gibt wenig Musik, die so heroisch und zugleich grazil ist; eine geniale musikalische Erhebung zum Adel des Charakters. Nichts davon springt über. Ordnungsgemäß abgefertigt. In der Pause blicke ich in das enttäuschte Antlitz einer jungen Frau, die ihre Frustration mit mir teilt und es auf den Punkt zu bringen weiß. Sie sagt: „Das war, KI spielt Beethoven.“

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AMI GOES HOME.

Vor einem guten halben Jahrhundert war alles anders. Die USA führten einen schmutzigen Stellvertreterkrieg in Vietnam gegen kommunistische Antipoden, den sie als koloniales Unterfangen von den Franzosen geerbt hatten. Ich trug einen Sloganbutton, der zur Unterstützung des Vietcong aufrief, und ein T-Shirt mit dem Ponem des Kubaners Che. Ich hatte die FR und die Peking Rundschau abonniert und romantisierte die Vorstellung einer Kulturrevolution. Man las Herbert Marcuse aus Berkeley und hörte über ihn von Studentenprotesten in Amerika.

Vieles davon war zu einem guten Teil auch postpubertäre Spinnerei, Dinge, die vor allem wegen der damit verbundenen Provokation ihren Wert hatten. Es ging darum, Spießer zu provozieren, auch als brave Kleinbürgersöhnchen. Aus Berlin hörten wir Eleven der Provinz den Slogan „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört zum Establishment.“ Dabei waren wir noch mehr Knaben denn Männer. Aber das Fluidum der Proteste beseelte den Zeitgeist. Das geht mir wegen der Libertinage nicht aus dem Kopf, obwohl schon im Studium politisch klüger.

Zu spinnen ist der Jugend Recht, jedenfalls der Kindheit. Jetzt räsoniere ich: Vor einem guten halben Jahrhundert war eigentlich doch nicht alles anders. Es meldet sich in mir wieder eine Wahrnehmung der USA, die ich ausgewachsen glaubte. Es ist ein merkantiler Imperialismus, der sich auch seiner vordergründigsten Interessen nicht schämen will. Man muss wissen, was ein Leviathan meinte, um das epochale Bild des Thomas Hobbes zu verstehen, ein Ungeheuer. Eine Sklavenhaltergesellschaft kehrt in diesen Tagen zu ihrer alten Nonchalance zurück.

Ich war mit 17 ein politischer Spinner. Und hatte doch, denke ich jetzt für einen kleinen Moment, in vielem recht. Ami goes home. Hier aber Europa als Gegenbild zu den heutigen Weltmächten zu sehen, ist geschichtslos. Die Engländer haben vom Sklavenhandel erst abgesehen, als sich dieser nicht mehr ökonomisch lohnte. Dann aus humanitären Gründen, klar. Jetzt bauen wir Europa als bessere Welt? Da bin ich aber mal gespannt.

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Käseblättchen: Vom Dahinsiechen der Presse in die unendlichen Weiten des Banalen

Der Verleger einer Lokalzeitung im Bayerischen berichtet vor den larmoyanten Redakteuren der Käseblätter der Nation aus seiner Familie. Wenn er seinen Kindern pädagogisch wertvolle Vorträge halte, dann würden diese mit gedehnter Stimme fragen: „Papa, wen interessiert das?“

Deshalb hält er Reichweite für das entscheidende Kriterium von Relevanz. Auflage machen. Clicks erzeugen. Das war der lichtvollste Beitrag auf einem gutbesuchten Kongress zum Lokaljournalismus. Auf Wunsch der steuerfinanzierten Bundeszentrale für politische Bildung hatten sich die Köpfe der Provinzpresse in Bayreuth versammelt, um Wunden zu lecken. Das Zeitungssterben ist unten angekommen. Ausgedünnte Redaktionen kämpfen um’s Überleben. Der Politik wäre es aber lieb, wenn die „Partizipation“ vor Ort blühte. Der politischen Klasse bricht ansonsten ein leicht zu führender  Multiplikator weg.

Auffällig ist, dass die klassische Trennung zwischen der Ökonomie einer Zeitung, dem Geldverdienen, und der Redaktion, dem Blatt selbst, aufgehoben ist. Die Chefredakteure haben den betriebswirtschaftlichen Terror der Verleger so weit verinnerlicht, dass auch sie die Zahlen zum alleinigen Maßstab der Qualität machen. Reichweite ist Relevanz. Das geht so weit, dass die Journalisten es für ihr publizistisches Anliegen halten, dass in der Zeitungszustellung der Mindestlohn verhindert wird. Weiterhin sollen nächtens Menschen das bedruckte Papier in die Briefkästen stopfen, die dafür  zwei Euro in der Stunde erhalten.

Wenn Reichweite Relevanz ist, also das Boulevard-Prinzip gilt, so müsste man Kasse machen können mit dem Prinzip des vorauseilenden Gehorsams. Von Wohlfühlzeitungen ist die Rede, die das liefern, was die schweigende, aber wohl noch lesende Mehrheit erwarte. Man hält sich mit der tollen Darstellung einer Umgehungsstraße und Karten über Handysendemasten auf, deren Publikation hoch beliebt war. Die Nachfrage, wozu das politisch geführt habe, bleibt unbeantwortet.

Da die Presse historisch ein Teil der Holz verarbeitenden Industrie war, schrecken sie die neuen Zeiten des Digitalen und Elektronischen. Zugleich weiß sie, dass dieses Medium unter den technischen die Vorherrschaft erringen wird. So wie wir die römische Tonscherbe und den ägyptischen Papyrus verabschiedet haben, werden wir uns vom schlechten Papier des Käseblättchens entwöhnen. Man betört sich mit Modeworten um „online-Journalismus“ und der wechselseitigen Befruchtung von off- und online. Allein die Fähigkeit, ein Schaubild mit google-Inhalten im Internet generieren zu können, riecht schon nach den neuen Zeiten. Hinzu kommt etwas, das man als Leserservice begreift; das sind Tipps im Duktus der Gebrauchsanweisungen für Halbdemente in Altersheimen.

Vor allem aber soll in den Blättern stehen, was die Leute interessiert. Das Allgemeinmenschliche wird wieder entdeckt. Keine Politik, jedenfalls keine Kampagnen, keine Kontroversen, nein, Stimmungsbilder und bunte Seiten im Sinne von Kaleidoskopen. Und wenn doch, dann die Kampagnen und die Kontroversen des gesunden Volksempfindens. Eine Mischung aus Apotheken-Umschau und dem amerikanischen Propagandasender FOX gilt als Vorbild. Als ich einwende, das rieche für mich nach dem Mief der fünfziger Jahre, werde ich beschieden, dass alles einmal wiederkomme. Man will mehr auf die Markt- und Trendforschung hören, weil die ja wisse, was die Menschen wollten.

Ich kenne diesen Weg. So wurde die Frankfurter Rundschau an die Wand gefahren. Irgendwann hatte sie nur noch die Relevanz der Reichweite, bis dann allerdings auch diese ausblieb. Wer was Gescheites lesen wollte, musste zur FAZ, auch wenn das eigentlich nicht seine Couleur war. Das Blatt wurde insolvent und musste von der FAZ gekauft werden. Man hatte das Boulevardprinzip für sich angenommen, ohne Boulevard zu können und ihn auch blutig zu wollen. Den macht im Frankfurter Raum noch immer die BILD. Mit Boulevard gewinnt, wer ihn kann. Auch im Internet.

So werfen die Käseblättchen über Bord, was sie können, und entschließen sich zu Rezepten der allmählichen Adaption von facebook-Allüren und Stimmungsbildern der Heimatfront. Ein Mief der Restauration durchzieht den untergehenden Berufsstand. Er geht einen Weg in die unendlichen Weiten des Banalen.

Quelle: starke-meinungen.de