Logbuch
MEMENTO MORI.
Gestern wäre eine gute Gelegenheit für Bomber Harris gewesen, alle Lobbyisten loszuwerden. In Berlin tagte gleichzeitig das Wirtschaftsforum der SPD und der Wirtschaftsrat der CDU, in Walking Distance voneinander getrennt. Ich war auf beiden Feten und kann berichten, dass niemand die Grünen und die Gelben vermisst; bei den Grünen ist das weniger auffällig, da das Geschrei aus der Fraktion die verlorene Regierungstätigkeit ersetzt. Noch, also vorübergehend.
Was mir für meine Generation auffällt: Die anderen alten weißen Männer werden älter. Einzelne sind fast schon Greise, andere fehlen ganz. Nur ich bin in voller Blüte. Forever young. Von einem Intimfeind höre ich schließlich, dass er ernsthaft erkrankt ist; schade, er fällt damit als billiges Opfer für Rufmord aus; nicht mal üble Nachrede geht noch. Man ist zur Höflichkeit verdonnert. Spaß vorbei.
Politisch gibt es nichts Neues. Die Schwarzen erweisen sich wieder als Kanzlerwahlverein, die Roten sind vom Phantomschmerz irritierte Scheinriesen. Man spielt all überall in einer anderen Liga. Ich war früh im Bett. Im eigenen.
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DER TON DER KINDHEIT.
Wir wissen es nicht, aber wir haben es, ein Gedächtnis für den Ton unserer Kindheit. Insbesondere die Heimatvertriebenen hören ihn sofort, noch bevor es ihnen klar wird, und reagieren mit Urvertrauen. Natürlich ohne jede Rechtfertigung, aber eben doch. Muttersprache ist mehr als ein Vokabular; es ist ein Ton.
Den Schwaben sagt man nach, dass sie ihren Dialekt nie ganz verlieren; noch mehr gilt das für die Badenser oder die Menschen aus der Saarregion. Franken sind urbehindert. Es ist ungerecht. Der erdverbundene Niedersachse spricht angeblich lautreines Hochdeutsch, wie bäuerlich blöd er auch immer sein mag. Dem blitzgescheiten Sachsen hängt dagegen ein lebenslanges Stigma an. Zu der lokalen Lautung, dem Dialekt, kommt die soziale Gliederung; man kann sehr proletarisch klingen, selbst wenn man Obersteiger oder Lateinlehrer war.
Gestern treffe ich in einer Berliner Praxis auf eine junge Türkin, die nicht nur fließend Deutsch spricht, sondern sogleich meine Aufmerksamkeit als Erzählerin fesselt. Tolle Olle, denke ich. Ich brauche eine gewisse Zeit, dann wage ich die böse Frage nach der eigentlichen Herkunft, aber eben so, wie ich sie meine: Ich frage Frau Dogan, wo sie aufgewachsen ist. In Bochum, genauer in Wattenscheid. Da habe ich studiert. Zwei Ruhrpottseelen finden sich im schnöden Berlin.
Für uns Kinder des Reviers, die wir mit Emscherwasser getauft sind, ist der Ton der Heimat ein Erkennungszeichen. Zumal wenn in Bottropsky die Ostpreußen auf die Pollacken treffen oder den Türkischmann, hier eine junge Frau. Der Ton der Heimat. Übrigens all jener, die eigentlich eine andere hatten oder keine und zugewandert sind. „Anton, sächtä Scherwinski für mich…“
Die Heimat der Muttersprache sitzt tief; sie hat keine Hoheitsfunktion, aber ist doch ein sentimentales Refugium. Meine Frau Mutter hat stets Wert darauf gelegt, dass der Junge hochdeutsch spricht; die guterzogenen Zöglinge eines Arzthaushaltes galten als Vorbild. So bin ich zweisprachig aufgewachsen. Ich kann Ruhrpottproll und Gumminasium-Deutsch. Latein kam erst später.
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RASSE.
Es gibt Themen, die eine gewisse Umsicht schon deshalb erfordern, weil mit ihnen zu andere Zeiten viel Schindluder getrieben worden ist. Dazu gehört, jedenfalls für einen Deutschen, die Frage, was unter Menschen unterschiedliche Rassen ausmachen. Und welche Folgerungen man daraus zieht.
Ich rede in New York mit einem amerikanischen Juden und einem Afroamerikaner, deren Familien aus osteuropäischer Armut und Verfolgung hier gelandet sind und wegen des Sklavenhandels der Niederländer und Briten. Melting Pot. Beide tragen die These vor, dass es keine menschlichen Rassen gebe. Das klingt unwahrscheinlich, wenn man sich die unterschiedliche Optik der drei Klugscheißer am Tisch ansieht.
Deshalb begrifflich präzise. Es gibt zwischen uns drei eine biologische Varianz, die sich beziffern lässt. Ungefähr 1% Differenz herrscht in der DNA zwischen dem Kaukasier und seinen beiden Kumpels. Der Kaukasier, das soll ich sein. Gut 99% des Erbgutes ist identisch. Man sieht, dass die Soziobiologie eine Berechtigung hat und wie groß sie ist.
Rasse ist jenseits dessen ein „soziales Konstrukt“; sagen wir ein soziales und kulturelles und akzidentelles Konstrukt. Sie ist erlernt. Wirkliche Wirklichkeit, aber historische. Darin liegt keine humanistische Gleichmacherei. Wir drei sind ganz gut voneinander zu unterscheiden; darauf legt jeder für sich Wert. Der Kraut am Tisch vielleicht noch am wenigsten. Aber in einem Land, in dem wieder von „White Supremacy“ die Rede ist, wird man sich räuspern dürfen, wenn der Ku Klux Klan ausreitet.
Angesichts einer anderen Gefahr, die der Fortschritt der Medizin bringt, darf der Gedanke des Akzidentellen gelobt werden. Im Vorhaben der Menschenzucht liegt kein Segen. Weder in der Inzucht noch der ingenieurmässigen. Menschen sind dann am besten, wenn sie der Natur ihren Lauf lassen. Impulsgesteuerter Begattungswillen. Wir sind Konstrukte des Zufalls. Der hat uns als Species aufrechtgehen und nachdenken lassen. New York, der Schmelztiegel, ist dafür ein gutes Beispiel. Und die drei schrägen Vögel unterschiedlicher Rasse.
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Davos: Da, wo’s wirklich kracht
So ist Kapitalismus heute: Philanthropisch gesinnte Menschen aus den Spitzen der Weltwirtschaft treffen sich in einem Bergdorf und tragen keine Krawatten. Die Welt ist zu retten, da will man sich moralisch nicht lumpen lassen und ist dabei. Das World Economic Forum (WEF) tagt, die Elite der Welt ist in dem Schweizer Örtchen Davos versammelt. Aus alter Gewohnheit lungere ich hier herum und starre auf die Klinik, in der Thomas Mann den „Zauberberg“ geschrieben hat und Susanne Klatten sich verführen ließ oder so ähnlich. Von zwei meiner Begegnungen in Davos ist dem Rest der Menschheit zu berichten, weil sie vom Zustand der Welt künden.
Bevor die Großkopfeten ins Bett gehen, nehmen sie als letzten Termin des Abends einen sogenannten „Nightcap“ wahr, also einen Umtrunk, bei dem ein Absacker angeboten wird. Und gepflegte Konversation mit Bill Gates und Joe Kaeser, jedenfalls mit Joe Kaeser, der noch immer nicht anständig rasiert ist. Ich verlaufe mich im Belvedere, dem Bums der Steigenbergers in Davos, und scheitere auf dem Weg von der Bar zu „Herren“ an einer jungen Dame, die mein rotes Bändchen sehen will. Ich habe kein rotes Bändchen, weil ich zu diesem Nightcap nicht geladen bin. Also muss ich woanders für kleine Jungs gehen.
Geladen sind aber Herr Doktor Philipp Rösler und Ehefrau Wiebke. Herr Rösler, vormals „Fipps“ und bundesdeutscher Wirtschaftsminister sowie FDP-Vorsitzender, gehört hier hin, denn Herr Rösler ist designierter Geschäftsführer des WEF. Er hat sein Leben als Politiker für beendet erklärt und wird nun die Beratungsfirma des calvinistischen Veranstalters weltweit vermarkten. „Fipps is the upcoming Host of Davos“, heißt es. Er dürfte für viele Asiaten so aussehen, wie einer, der es geschafft hat, selbst wenn er für deutsche Augen aussieht wie einer, der rein gar nichts geregelt gekriegt hat. Na ja, dann kann er den Freunden des Reises ja das mit dem Fröschekochen und seinem unglaublich schlauen Trick noch mal erzählen. Neben dem FDP-Granden im Bonsai-Format stehen der Multimillionär Carsten Maschmeyer, Ex-AWD-Chef, und seine Begleiterin Veronica Ferres. So geht heute Elite.
Die Motti der Veranstaltung beschwören in einem rührend schlechten Schwyzerdütsch-Englisch die globale Verantwortung der Eliten für die Zukunft der Welt. In diesem Jahr ist man ganz besonders für sauberes Wasser. Der Genfer Calvinismus, dort vor über 450 Jahren geboren,erlebt hier fröhliche Urstände. Rückenwind kommt aus der amerikanischen Weltmacht, die ja in diesem Geist groß geworden ist. Der Liberalismus dieser Prägung will nicht nur unser Geld, sondern auch noch den Eindruck erzeugen, dass er zu den Auserwählten gehört, denen das Himmelreich sicher ist. Sie nehmen uns die Knete und die Moral. Die Rutenläufer der Weltwirtschaft geben sich hier für eine Woche wie die Schulbuben im Kindergottesdienst. Es wabert ein Ausmaß an bigotter Doppelmoral durch das Örtchen, dass der Brechreiz zum ständigen Begleiter wird.
Zweite Begegnung. An der Bar, von der ich kurz zur Toilette strebte, sitzt neben mir, echt steil anzusehen, eine Italienerin namens Monica, die in Florenz einen Catering-Service betreibt und hier in Davos zum WEF als Escort tätig ist. Sie wissen schon… Ich hatte den Mut, sie gleich anzusprechen, da ich am Vortag im Schweizer BLICK, der örtlichen BILD, eine nette Story über sie gelesen hatte, einschließlich einschlägiger Nobelfotos. In der Preisklasse gibt es keine Pornobilder, die Damen wollen aussehen wie Damen. Nach einem eher steifen Martini beklagte sie, dass die Herren in Davos trotz des strammen Fallhonorars von 2500 Franken meist „nur reden“ wollten, über Kunst und so…, sprich „einen Freund suchen und keine Geliebte“. Und dass das Gelabere eben länger dauere als die ursprünglichen horizontalen Handlungen ihres Gewerbes. Das senke die Frequenz. Sie macht, zugegeben von mir nachdrücklich befragt, Bemerkungen über „die Männer“ in der Elite, die ich hier nicht wiederholen möchte.
Cara mia, sage ich, warum bist Du hier? Sie will nicht so richtig raus mit der Sprache. Als ich nachfasse, rhetorisch versteht sich, deutet sie auf einen Zeitungsartikel in „La Repubblica“, den sie umkringelt hat. Der 77-jährige Silvio Berlusconi hat das Abonnement gekündigt, das er bisher mit 14 jungen Damen hatte, die regelmäßig seine Parties bevölkerten oder sonst irgendwie bei ihm nach dem Rechten sahen. Die Damen hatten eine Bereitstellungspauschale von 2500 Euro pro Monat bezogen, alles andere gab es on top im sogenannten Arbeitspreis. Er sei großzügig gewesen, wird mir versichert. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau Veronica Lario könne er sich den Hofstaat nicht mehr leisten. Monica seufzt über die guten alten Zeiten. Das ist der Niedergang des mediterranen Katholizismus und der Einzug amerikanischer Verhältnisse, findet Monica. Man muss ihr Entsetzen über die Weltherrschaft des Calvinismus teilen. Selbst in Italien geht der rheinische Kapitalismus zu Ende und der brandenburgische zieht ein. Gruß in die Heimat!
Quelle: starke-meinungen.de