Logbuch
DER VERLUST DER URTEILSKRAFT.
Wieder soll der Heilige Georg den Drachen töten. Es wird in England zu Rache aufgerufen, da ein Ungeheuer wüte, das zu töten sei. Gemach.
Was macht Propaganda mit uns? Sie setzt ein ungeheuerliches Ereignis zum Zeichen einer Zeit. Das ist intellektuell eine doppelte Bewegung. Zunächst werden wir Opfer einer gewaltigen Verdichtung: Eine einzelne Episode erlangt Symbolkraft für ein ganzes Universum. Die zweite Leistung ist die Ausschaltung jedweden Nachdenkens durch ein großes Gefühl, das uns zu einer Handlung, zumindest einer Haltung drängt. Vorurteile vereinnahmen uns.
Das Phänomen ist gleich mehrfach übergriffig. Ein einzelner Messermord im Englischen sei der Ausdruck des Untergangs einer ganzen Zivilisation, sagt der Vizepräsident der USA. Volkszorn wird angeheizt gegen eine zwar legitim gewählte, aber unerwünschte Regierung von Sozialdemokraten, von ehemaligen Bündnispartnern, denen man zusätzlich mangelnde militärische Expertise unterstellt, wenn nicht gar fehlenden Mut. Dekadenz in jeder Form.
Die propagandistische Verdichtungsleistung ist erheblich, da sich die Tatsachen als sperrig erweisen. Die böse Wilde im aktuellen Fall ist nicht durch eine ungezügelte Massenmigration ins Land gekommen, sondern Urgestein des britischen Commonwealth; sein religiös geprägtes Milieu macht 1% der Bevölkerung aus, aber er ist als „Handtuchkopf“ oder „Taliban“ (Selbstbeschreibung) kenntlich. Täter wie Opfer sind britische Staatsbürger. Aber im Symbolischen wird der bärtige Sikh zum Messermörder einer ganzen Zivilisation.
Jetzt schalten große Gefühle die Urteilskraft aus und lassen Zorn zur Rache auffordern. So geht Pogrom. Auf Londons Straßen weht nicht der Union Jack, sondern das Rote Kreuz auf weißem Grund, das Sankt-Georgs-Kreuz als Symbol einer urenglischen Identität. Es mischen sich Nationalismus mit Rassismus, angeblich Kern jener Identität, die hier gerade unter den Bus geworfen worden ist. Parlamentarismus taugt nun nichts mehr. So geht Faschismus.
Die entfesselte Vereinnahmung ist auf das Albernste inszeniert. Man bemerke die Widersprüche, um die große Emotion wieder der Urteilskraft zu stellen. Der amerikanische Vizepräsident, der sich hier wieder mal als Stimme der Neuen Rechten bewährt, ist mit einer Zuwanderin aus Indien liiert, die Mutter seiner Kinder. Wie kann man da die Vision der kulturellen Vergiftung fördern wollen? Aber selbst diese Frage ist schon krank; all men are created equal. Mehr ist hier gar nicht zu sagen.
Man studiere die üble Historie des Antisemitismus mit einer endlosen Folge genau dieser Entmündigungen durch symbolisch gesetzte Horrortaten. Kindesmord ist das Mindeste. Wer kalte Rache fordert, will warmes Blut sehen. Man lasse seine Urteilskraft nicht durch ungeheuerliche Ereignisse beeinträchtigen.
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DER KLEINE MANN.
Ich habe ein neues Wort gelernt und finde, dass es mir einen frischen Blick auf ein altes Problem eröffnet. Das gibt es ja, dass ein Begriff etwas begreiflich macht. Ich höre andere Schlaumeier von KLASSISMUS reden. Das meint nicht die Kunstepoche „Klassizismus“, sondern ein Phänomen der Klassengesellschaft, sprich der Diskriminierung der eigenen Landsleute unter sozioökonomischen Kriterien. Im Klartext: das ist, wenn ich die Unterschicht verachte, den sprichwörtlichen KLEINEN MANN. Irgendein Schnösel hat mal gesagt: „Eure Armut kotzt mich an!“
In meinem Hinterkopf summt der zynische Song des fabelhaften Randy Newmann über „short people“; der näselnde Star der Achtziger gibt Vorurteilen ungebrochen eine Stimme, um das Unausgesprochene ins Licht zu ziehen. Satire. In einer Kultur des Prahlens verachtet man jene, die es nicht geschafft haben, weil man glaubt, dass der Herr die Auserwählten schon in diesem Leben belohnt. Historisch war es die Arroganz der Adeligen gegenüber den Geschöpfen niederer Geburt, auf die die Hochwohlgeborenen herabblickten. Ein Phänomen der sozialen Ächtung.
Wir kennen das Phänomen mittlerweile, nachdem die Adeligen geköpft oder verbürgerlicht sind, nur noch aus jenen multikulturellen Gesellschaften, in denen ein bestimmter grüner Exotismus herrscht. Wokeness genannt. Der fremde Barbar erlebt Bewunderung als romantischer Wilder, während den eigenen Armen das Stigma des Pöbels aufsitzt. Der fabelhafte Sigmar Gabriel aus Goslar hat das kürzlich seiner Partei vorgeworfen, dass sie für „short people“ nur noch Verachtung habe. Das stimmt insoweit; falsch ist seine darüber hinaus gehende Beschreibung einer „Akademisierung“ der politischen Klasse. Von den neuen Kleinbürgern hat kaum jemand einen ordentlichen Abschluss. Halbbildung, so heißt das Problem. Alles Realschüler.
Vom Kreißsaal in den Hörsaal in die Kreisverwaltung, dann ins Parlament. Bestenfalls bräsige Bafög-Bätscheler. Keine Meister, weder als Handwerker noch als Akademiker. Die soziale Arroganz wohnt im Petit Bourgeois, der nach unten tritt, um oben Speichel zu lecken. Ich bin da mental proletarischer. Man verachte mir nicht den Facharbeiter, den Kumpel vor Kohle. Hohn galt im Bergbau den Obertägigen, die es als halbe Invaliden auf einen Job in der Kokerei geschafft hatten. Spott galt Graf Koks von der Gasanstalt. Recht so.
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VOLKSZORN.
Man soll zu Frieden aufrufen, wenn Rache politische Münze. Aber zugleich jedwedes Unrecht auch Unrecht nennen. Darum hat Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, neben der Waage auch ein scharfes Schwert. Nachdenken über Zivilisation.
Im Mutterland unserer Demokratie schwindet der soziale Frieden; es dringt ein Gift in die öffentliche Diskussion, das Zivilisation tötet und vagabundierenden Zorn beflügelt. Man muss zur Zurückhaltung mahnen und Trauer wie Mitleid ausdrücken können. Wie immer, wenn pogromische Stimmung aufkommt, steht am Anfang eine Ungeheuerlichkeit, der symbolische Bedeutung zugemessen wird. Dabei ist nicht jeder, der eine Tragödie für sich nutzt, lauteren Herzens.
Zurückhaltend zum aktuellen Fall. Hier wird ein unbescholtener Student Opfer eines Messermordes, den ein aus dem Indischen zugewanderter Sikh mit seinem rituellen Dolch vollführt und dem die hinzugerufene Polizei die falsche Bezichtigung, er sei rassistisch diskriminiert worden und habe in Notwehr gehandelt, glaubt, während sie das Opfer in Handschellen verbluten lässt. Es gibt im Englischen strikte Gesetze gegen Messerkriminalität, aber eben auch den Verdacht einer Zwei-Klassen-Politik, die die angestammte Bevölkerung notorisch gegen Zuwanderer aus dem Indisch-Pakistanischen benachteilige. Der Mörder ist inzwischen zu Lebenslänglich verurteilt. Der Volkszorn bleibt. Ich bemühe mich hier sehr um eine ausgewogene Darstellung und angemessene Sprache.
Der Rechtspopulismus gießt Öl ins Feuer. Und Polizei wie Regierende der Labour Party benahmen sich missverständlich, to say the least. Der mehrfache Hilferuf des in Handschellen Sterbenden, dass er nicht mehr atmen könne, hallt in England paradigmatisch nach wie er in den USA in einem anderen Fall nachklang. Der demokratische Staat steht nun polemisch im Ruf eines umgedrehten Rassismus, was den sozialen Frieden gefährdet, Zivilisation erschwert, Bürgerkriegsstimmung aufkommen lässt. Nicht alles unmotiviert. Viel böses Gift.
Die Decke der Zivilisation erweist sich als dünn. Das ist meine Sorge, während meine Worte auf das peinlichste bemüht sind, nicht irgendeines der Unrechte Recht zu nennen. Die Häme der politischen Rechten gegen Liberalität schmerzt, aber auch die Ambiguität, in die sich die englische Sozialdemokratie begeben hat. Das sollte uns Warnung sein. Justitia hat nämlich neben Waage und Schwert noch eine Augenbinde; sie übt blindlings Recht gegen Jedermann.
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Davos: Da, wo’s wirklich kracht
So ist Kapitalismus heute: Philanthropisch gesinnte Menschen aus den Spitzen der Weltwirtschaft treffen sich in einem Bergdorf und tragen keine Krawatten. Die Welt ist zu retten, da will man sich moralisch nicht lumpen lassen und ist dabei. Das World Economic Forum (WEF) tagt, die Elite der Welt ist in dem Schweizer Örtchen Davos versammelt. Aus alter Gewohnheit lungere ich hier herum und starre auf die Klinik, in der Thomas Mann den „Zauberberg“ geschrieben hat und Susanne Klatten sich verführen ließ oder so ähnlich. Von zwei meiner Begegnungen in Davos ist dem Rest der Menschheit zu berichten, weil sie vom Zustand der Welt künden.
Bevor die Großkopfeten ins Bett gehen, nehmen sie als letzten Termin des Abends einen sogenannten „Nightcap“ wahr, also einen Umtrunk, bei dem ein Absacker angeboten wird. Und gepflegte Konversation mit Bill Gates und Joe Kaeser, jedenfalls mit Joe Kaeser, der noch immer nicht anständig rasiert ist. Ich verlaufe mich im Belvedere, dem Bums der Steigenbergers in Davos, und scheitere auf dem Weg von der Bar zu „Herren“ an einer jungen Dame, die mein rotes Bändchen sehen will. Ich habe kein rotes Bändchen, weil ich zu diesem Nightcap nicht geladen bin. Also muss ich woanders für kleine Jungs gehen.
Geladen sind aber Herr Doktor Philipp Rösler und Ehefrau Wiebke. Herr Rösler, vormals „Fipps“ und bundesdeutscher Wirtschaftsminister sowie FDP-Vorsitzender, gehört hier hin, denn Herr Rösler ist designierter Geschäftsführer des WEF. Er hat sein Leben als Politiker für beendet erklärt und wird nun die Beratungsfirma des calvinistischen Veranstalters weltweit vermarkten. „Fipps is the upcoming Host of Davos“, heißt es. Er dürfte für viele Asiaten so aussehen, wie einer, der es geschafft hat, selbst wenn er für deutsche Augen aussieht wie einer, der rein gar nichts geregelt gekriegt hat. Na ja, dann kann er den Freunden des Reises ja das mit dem Fröschekochen und seinem unglaublich schlauen Trick noch mal erzählen. Neben dem FDP-Granden im Bonsai-Format stehen der Multimillionär Carsten Maschmeyer, Ex-AWD-Chef, und seine Begleiterin Veronica Ferres. So geht heute Elite.
Die Motti der Veranstaltung beschwören in einem rührend schlechten Schwyzerdütsch-Englisch die globale Verantwortung der Eliten für die Zukunft der Welt. In diesem Jahr ist man ganz besonders für sauberes Wasser. Der Genfer Calvinismus, dort vor über 450 Jahren geboren,erlebt hier fröhliche Urstände. Rückenwind kommt aus der amerikanischen Weltmacht, die ja in diesem Geist groß geworden ist. Der Liberalismus dieser Prägung will nicht nur unser Geld, sondern auch noch den Eindruck erzeugen, dass er zu den Auserwählten gehört, denen das Himmelreich sicher ist. Sie nehmen uns die Knete und die Moral. Die Rutenläufer der Weltwirtschaft geben sich hier für eine Woche wie die Schulbuben im Kindergottesdienst. Es wabert ein Ausmaß an bigotter Doppelmoral durch das Örtchen, dass der Brechreiz zum ständigen Begleiter wird.
Zweite Begegnung. An der Bar, von der ich kurz zur Toilette strebte, sitzt neben mir, echt steil anzusehen, eine Italienerin namens Monica, die in Florenz einen Catering-Service betreibt und hier in Davos zum WEF als Escort tätig ist. Sie wissen schon… Ich hatte den Mut, sie gleich anzusprechen, da ich am Vortag im Schweizer BLICK, der örtlichen BILD, eine nette Story über sie gelesen hatte, einschließlich einschlägiger Nobelfotos. In der Preisklasse gibt es keine Pornobilder, die Damen wollen aussehen wie Damen. Nach einem eher steifen Martini beklagte sie, dass die Herren in Davos trotz des strammen Fallhonorars von 2500 Franken meist „nur reden“ wollten, über Kunst und so…, sprich „einen Freund suchen und keine Geliebte“. Und dass das Gelabere eben länger dauere als die ursprünglichen horizontalen Handlungen ihres Gewerbes. Das senke die Frequenz. Sie macht, zugegeben von mir nachdrücklich befragt, Bemerkungen über „die Männer“ in der Elite, die ich hier nicht wiederholen möchte.
Cara mia, sage ich, warum bist Du hier? Sie will nicht so richtig raus mit der Sprache. Als ich nachfasse, rhetorisch versteht sich, deutet sie auf einen Zeitungsartikel in „La Repubblica“, den sie umkringelt hat. Der 77-jährige Silvio Berlusconi hat das Abonnement gekündigt, das er bisher mit 14 jungen Damen hatte, die regelmäßig seine Parties bevölkerten oder sonst irgendwie bei ihm nach dem Rechten sahen. Die Damen hatten eine Bereitstellungspauschale von 2500 Euro pro Monat bezogen, alles andere gab es on top im sogenannten Arbeitspreis. Er sei großzügig gewesen, wird mir versichert. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau Veronica Lario könne er sich den Hofstaat nicht mehr leisten. Monica seufzt über die guten alten Zeiten. Das ist der Niedergang des mediterranen Katholizismus und der Einzug amerikanischer Verhältnisse, findet Monica. Man muss ihr Entsetzen über die Weltherrschaft des Calvinismus teilen. Selbst in Italien geht der rheinische Kapitalismus zu Ende und der brandenburgische zieht ein. Gruß in die Heimat!
Quelle: starke-meinungen.de