Logbuch

ALLGEMEINBILDUNG.

Insbesondere Ammis können so strohdumm sein, dass es weh tut. Jedenfalls bemerkt man es hier als Europäer schmerzlicher, da sie ja Fleisch von unserem Fleisch sind, meist Armutsmigranten aus den Ländern historischer Kultur. Es fehlt, sagen wir es offen, Joe Six-Pack an Allgemeinbildung. Was genau ist das?

Gar nicht so einfach zu definieren! Was ist eine passable Allgemeinbildung? Historisches Wissen gehört dazu, Grundkenntnisse der Naturwissenschaften; ein Instrument sollte man spielen können und zwei oder drei Sprachen sprechen. Seine Werte erklären können, zumindest ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn man wirklich fehlt. Lebensklugheit.

Teil des Rufes nach einer guten Allgemeinbildung ist auch eine gewisse Skepsis gegenüber Expertenwissen, das sich seiner selbst allzu sicher ist. Ein Beispiel: Ich bin kein Virologe, habe aber während der COVID-Epidemie nie geglaubt, dass der Virus von Fledermäusen aus chinesischen Wildtiermärkten stammt. Die Allgemeinbildung hört auch auf das Bauchgefühl und den Hinterkopf.

Jetzt sagte der amerikanische Vizepräsident, alle großen Kriege der Weltgeschichte seien durch Friedensverhandlungen beendet worden. Nun, einer meiner Ahnen hat als Bürgermeister in Oberhausen Sterkrade nach dem Ersten Weltkrieg zehn junge Männer stellen müssen, die von den Franzosen an der Ruhr aus Sühne standrechtlich erschossen wurden, weil es mit den Reparationen nicht so lief, wie die Sieger von WW I sich das dachten.

Darf ich mal fragen, welche Friedensverhandlungen nach dem Ersten und welche nach dem Zweiten stattfanden? Der Hinterwäldler in der amerikanischen Regierung ist einer. Und meinem Großvater ist das damals wahrlich nicht leicht gefallen. Die Nazis haben ihn später als „Politischer“ ins KZ gesteckt. Er hat in meiner Familie einen guten Ruf. Wir erinnern uns stolz an den Ruhrkampf von 1923. Jedenfalls wurden die beiden Weltkriege, die mein Vaterland vom Zaun gebrochen hat, nicht am Verhandlungstisch beigelegt.

Ich sage das ohne jede Botschaft und ohne jeden Rat im Zeitgenössischen. Ich sage es, weil es so war. Eine Frage der Allgemeinbildung. Als nächstes bitte ich darum, dass der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik erklärt wird. Auch das gehört zum Mindesten. Jedenfalls wenn man die Welt regieren will.

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DER ROBERT GEHT.

Die Macht gelüstet es immer nach Ruhm. Und nichts schmerzt sie mehr als dessen Schwinden. Dieser Gedanke des großen Hölderlin kommt mir in den Sinn, da ich den Abgang des Grünen-Politikers Robert Habeck verfolge. Der Mann ist entzaubert und verwindet es nicht.

Habeck, der Robert für die seinen, sagt, er gebe sein Bundestagsmandat nun auf, damit er nicht wie ein Gespenst über die Flure des Reichstages schleiche und man hinter ihm her munkle: Jener war mal Vizekanzler. Im Englischen: ein „hasbeen“. Er wolle nun akademisch wirken. So sieht Phantomschmerz aus. Und der unbeholfene Versuch, einen neuen Trivialmythos zu schaffen, den des Intellektuellen. Der Kinderbuchautor als Weltgeist.

Ein wenig John F. Kennedy, eine Spur Gandhi, etwas Mandela und viel Bob Dylan… Was treibt diese Leute? Warum will sie nichts sehnsüchtiger als Ruhm, die Macht? Selbst die zerronnene sehnt sich nach dem Zauber des Nachruhms. Vielleicht will man so die Entbehrungen verklären, die die Lasten des Amtes mit sich gebracht haben.

Ich glaube, es ist mehr. Wen die Launen der Politik aus dem Sumpf der Grabenkämpfe in ein Amt gehoben haben, der möchte diesen Ruf zu Höherem nur sich selbst geschuldet wissen. Banales Scheitern sehnt sich dann nach großer Tragik. Wenn die Fortune schwindet, will man wenigstens den Ruf behalten, eine Vorsehung gewesen zu sein.

Dem liegt im Unterbewussten eine tiefe und böse Angst zugrunde. Es lauert immer und überall eine Depression. Ich glaube, dass Merz hört, wie hohl er klingt. Söder spürt seine Banalität. Ich glaube, dass Klingbiel merkt, wie er immer mehr die Statur von Kohl annimmt. Der Zauber schwindet. Nur Merkel, die ewige Rechthaberin, verwaltet ihr zweifelhaftes Erbe zu Tode. Was zu allem bleibt, ist Gähnen. Es droht das Entsetzen vor der Belanglosigkeit. Hölderlin ist dem entflohen, indem er Wahnsinn simulierte. Auch ein Weg.

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DIE WARE LIEBE.

PR-Leute sind Söldner. Berufsbedingt sind sie deshalb nicht mit dem Hinweis zu erschrecken, dass für einen Feldzug Sold gezahlt wird. Wenn der Zaster fehlt, dann wird es schon eher ungemütlich. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Journalisten sind niemandem verpflichtet denn der Wahrheit. Sie verstehen sich als Vierte Gewalt im Staat. Ihre Motivation nennen sie selbst Haltung, womit eine moralische Qualität eigener Art gemeint ist. Das gehe anderen ab, glauben sie.

Der erste Bruch in diesem Bild entsteht dadurch, dass die Vorgesetzten der Journalisten, Verleger genannt, durchaus ein Geschäft betreiben; des Geldes wegen. Es gibt aber auch Gesinnungstäter, denen das Geld weniger wichtig ist als eine bestimmte Gesinnung. Im Internet ist daran nichts besser. Der zweite Bruch.

Der dritte war früher die Abhängigkeit von Werbekunden, die sich ihre Marketingexzesse redaktionell ummanteln ließen. Da ging einiges; man vertraue mir: Ich weiß, wovon ich spreche. Im Internet ist daran nichts besser. Aber selbst eine abgehärtete Söldnerseele ist noch zu überraschen.

Jetzt lese ich von einer neuen Ethik. Der Vorreiter neuen Verlegertums in Berlin, er nennt sich Pionier, rühmt sich seiner Unabhängigkeit. Er mache keine Werbung. Nein, er lebe von der Vermietung seines Bötchens als Event Location. Das nennt man, wenn der begrifflichen Sauberkeit verpflichtet, dann wohl bezahltes PR. Ich höre zudem von einem Stiftungschef, der sich hier goodwill verspricht, dass man bis zu einer halben Million an Unterstützung nimmt.

Der fünfte Bruch (oder sind wir schon beim sechsten) liegt darin, dass man nicht nur diskrete Schecks nimmt, sondern bei öffentlichen Mitteln zugreift. Das Geld der Steuerzahler in den Taschen der NGOs, die man sich als wohlgefüllt denken darf. Auf ein Schamgefühl hofft man hier vergebens. Nicht mal ein vages Problembewusstsein, zu deutsch Ordnungspolitik.

Es gilt das Thatcher-Wort, wonach das Problem des Sozialismus darin besteht, dass einem irgendwann das Geld anderer Leute ausgeht. Die Ware Liebe.

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Alzheimer hat mich

Ich find mich nicht mehr zurecht. Bitter, aber wahr. Es demoralisiert so, selbst zu erkennen, dass man gaga wird. Aus der Apotheke im Bahnhof bringe ich neben den Gingko-Tropfen und dem Viagra die Apotheken-Umschau mit. Und am Kiosk kaufe ich mir den Spiegel und einen Pulk Sonntagszeitungen, dabei aus Versehen auch die BILD. Zuhause lege ich die Beine hoch und beginne mein staatsbürgerliches Sonntagsvergnügen: ich tue was für meine poltische Bildung.

Kopfschmerzen sind eine Volkskrankheit, sagt mir das Titelbild. Ich wollte doch den Spiegel lesen, wohl vergriffen, das Apothekerblatt genommen. Nein, es war nicht der Titel der Apotheken-Umschau, das ist der Titel des neuen Spiegel. Nur Menschen meines Alters können ahnen, wie weh das tut, wenn Du an Deinem Verstand zu zweifeln beginnst. Wie kommt das Thema der Apotheken-Umschau auf den Spiegel? Ich begreife es nicht. Alzheimer hat mich.

Zum Glück für meine Aufklärer-Seele gibt es auch an diesem Wochenende eine große investigative Geschichte: Der ADAC fälscht in dreister Manier seine Auto-Prämierungen zum Gelben Engel, um den Faktor Zehn. Der Pressechef der Gelben Mafia räumt das ein und geht. Und wo steht das Stück des Investigativen? In der BamS. Im Springerblatt. Nichts davon im Spiegel.

Dann wird, höre ich im Radio, nachgelegt: Ein Autoexperte kündigt an, dass man nun auch an den Pannenstatistiken des ADAC zweifeln müsse. Woher hat das die alte Tante RBB? Wo steht das ursprünglich? Im Focus. Der Spiegel hat noch immer nichts eigenes. Mein Neffe spielt im Internet und sagt: SPON kupfert das nur ab.

Die Leute, die ich früher beim Spiegel kannte, sind da nicht mehr. Das passiert, altersbedingt. Aber ich höre, die sind jetzt bei der Welt, dem blauen Flaggschiff Springers. Dort, wo sich heute ein stadtbekannter Zyniker über Kinderarmut als Thema erhebt. Wie klein ist das denn? Und der Berliner Büroleiter der Bild ist jetzt Stellvertretender beim Spiegel. Ich verstehe es nicht.

Meine Brille verlege ich, die Hose bleibt gelegentlich auf, und meine Brieftasche gehört schon eine ganze Weile wem anders. Manchmal werde ich morgens wach und bin hocherfreut, dass schon wieder eine andere Frau neben mir liegt, bis ich dann beim Frühstück merke, es ist doch meine. Na ja, die Brille. Und das Alzheimer eben.

Dann am Abend die Erlösung. Der Spiegel kommt mit der elektronischen Geschichte, die die da immer machen. Und es steht drin, dass man jetzt gar keinem ADAC-Test mehr trauen darf. Na also, das Sturmgeschütz der Demokratie! Ich finde meine Brille wieder und lese den Exklusivbericht mit heißer Erwartung, wie in alten Tagen. Die Luft weicht dann gänzlich aus mir, als ich unten angekommen bin. Dort steht lapidar: dpa. Die haben nur eine Agentur verwurstet. Genug Enttäuschungen für einen Tag. Ich greife zur Apotheken-Umschau.

Quelle: starke-meinungen.de