Logbuch

MONEY NEVER FUNNY.

„When in Rome, do as the Romans do!“ So lautet eine polyglotte Reiseempfehlung amerikanischer Zunge. Ich folge ihr, um nicht aufzufallen; wenn auch mit geringem Erfolg.

Im Café Wien in Wernigerode (Harz) ist Geschichte präsent. Der Laden stammt aus dem 16. Jahrhundert, als Posamentier- und Putzgeschäft gegründet, und seitdem in der Hand örtlicher Konditoren, einige Jahre durch das Regime der HO geschliffen, aber noch in Takt. Den Gast begrüßt ein Schild mit dem Hinweis, dass er vom Personal platziert werde. Der DDR-Charme des Harz, wo er Sperrgebietiet, weil Grenze zum Klassenfeind, war.

Der Gast am Nachbartisch reißt beim Bezahlen einen Witz, den die Bedienung komisch finden muß, da sie herzlich lacht. Er fragt, auf die Rechnung starrend: „Ist das Zloty oder Westmark?“ Die Kellnerin lacht echt. Ich verstehe es nicht mal. Aber, da man in Rom es so machen soll, wie die Römer, merke ich mir den.

Als mein Zettel für vier Fiaker (am Ort gesüßter Kaffee mit Kirschwasser und Sahnehäubchen zu 5€ das Stück) kommt , gucke ich auf den Zettel und frage das mit den Zloty oder der Westmark. Der junge Mann schaut mich fassungslos an und sagt in leicht gebrochenem Deutsch: „Karte oder bar!“ Ich schaue ihn an. Er kommt aus dem Indischen und lächelt mich mit der stets freundlichen Gnadenlosigkeit von indischen Geschäftsleuten an, wenn es um Geld geht.

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ERNTEDANK.

Eine Horde sektiererischer Frömmler landete auf dem Plymouth Rock, einem Felsen in der Neuen Welt, den sie nach dem heimatlichen Hafen benannt hatten, und begannen mangels ordentlicher Proviant im einsetzenden Winter zu verhungern. So weit, so gut.

Leider ließ sich die indigene Bevölkerung zu einem Akt der Barmherzigkeit hinreißen und gab den Inglesen zu essen. Nicht ahnend, dass damit der Völkermord an den roten Indianern eingeleitet war. Das feiert der Amerikaner bis heute als ERNTEDANK. Dazu versammelt er seine Familien um einen Truthahn, dessen Hals stark dem der Dame des Hauses ähnelt.

Es wäre besser gewesen, wenn nicht die Pilgrim Fathers auf dem Plymouth Rock gelandet wäre, sondern der Plymouth Rock auf den Pilgrim Fathers. Sagt mein amerikanischer Freund. Sein Präsident hat vor dem Fest zwei der hässlichen Vögel begnadigt. Bizarr. Die spinnen, die Amis.

Nun also, Schwarzer Freitag. Seit Tagen faseln davon die Schleichwerbungen im Netz davon. Ladenhüter mit zwanzig Prozent Rabatt, nicht mal zum halben Preis. In Berlin stellen die Woken ihren Müll schlicht auf den Bürgersteig und schreiben ZUM VERSCHENKEN dran.

Aus so einem Karton fische ich ein abgegriffenes Taschenbuch mit dem Titel „Nobody loves a drunken indian“ von einem Clair Huffaker. Alter Schwede. Mit Häuptling Flatternder Adler. Wundere mich, dass die Woken das loswerden wollten.

 

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DIE MOFFEN.

Der niederländische Nachbar hat falsch gewählt. Ein rechtspopulistischer Hetzer in blonder Attitüde ist beliebtester Politiker. Das widerspricht unserer Erwartung an die netten Nachbarn. Das ist ja gerade so, als würde bei uns die AfD-Frontfrau Weidel Kanzlerin.

Dabei war der Holländer immer unser besseres Ich. Das ist mein Ernst. Im katholischen Teil meiner Familie flohen Klosterfrauen vor Hitlers Schergen hierhin und betrieben ein Kinderheim, in dem sich auch jüdische Kinder verstecken konnten und so überlebten.

Aber auch vordergründigere Vorzüge sind zu rühmen, das grenzüberschreitende Einkaufen („Die zwei Brüder von Venlo“), die wunderbaren Nordseestrände oder der Bessen Genever und die Küche Südostasiens, ein koloniales Erbe. Und große Mädchen mit loser Moral habe ich zu rühmen. Vor allem aber diese Kombination von Weltläufigkeit und liberalem Denken. Niemand spricht ein besseres Englisch als Kees, der Weltenbürger.

Jetzt wird die Zuwanderungsfrage wahlentscheidend. Islamfeindlichkeit schwelt und wird geschürt. Ich lerne daraus. Für die Migration gilt der Paracelsus-Satz: Das Gift liegt in der Dosis. Man kann offenbar selbst die weltläufigste Bevölkerung überfordern.

Ich werde mir meine Moffenliebe durch das blonde Fallbeil aber nicht verwirken lassen.

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Alzheimer hat mich

Ich find mich nicht mehr zurecht. Bitter, aber wahr. Es demoralisiert so, selbst zu erkennen, dass man gaga wird. Aus der Apotheke im Bahnhof bringe ich neben den Gingko-Tropfen und dem Viagra die Apotheken-Umschau mit. Und am Kiosk kaufe ich mir den Spiegel und einen Pulk Sonntagszeitungen, dabei aus Versehen auch die BILD. Zuhause lege ich die Beine hoch und beginne mein staatsbürgerliches Sonntagsvergnügen: ich tue was für meine poltische Bildung.

Kopfschmerzen sind eine Volkskrankheit, sagt mir das Titelbild. Ich wollte doch den Spiegel lesen, wohl vergriffen, das Apothekerblatt genommen. Nein, es war nicht der Titel der Apotheken-Umschau, das ist der Titel des neuen Spiegel. Nur Menschen meines Alters können ahnen, wie weh das tut, wenn Du an Deinem Verstand zu zweifeln beginnst. Wie kommt das Thema der Apotheken-Umschau auf den Spiegel? Ich begreife es nicht. Alzheimer hat mich.

Zum Glück für meine Aufklärer-Seele gibt es auch an diesem Wochenende eine große investigative Geschichte: Der ADAC fälscht in dreister Manier seine Auto-Prämierungen zum Gelben Engel, um den Faktor Zehn. Der Pressechef der Gelben Mafia räumt das ein und geht. Und wo steht das Stück des Investigativen? In der BamS. Im Springerblatt. Nichts davon im Spiegel.

Dann wird, höre ich im Radio, nachgelegt: Ein Autoexperte kündigt an, dass man nun auch an den Pannenstatistiken des ADAC zweifeln müsse. Woher hat das die alte Tante RBB? Wo steht das ursprünglich? Im Focus. Der Spiegel hat noch immer nichts eigenes. Mein Neffe spielt im Internet und sagt: SPON kupfert das nur ab.

Die Leute, die ich früher beim Spiegel kannte, sind da nicht mehr. Das passiert, altersbedingt. Aber ich höre, die sind jetzt bei der Welt, dem blauen Flaggschiff Springers. Dort, wo sich heute ein stadtbekannter Zyniker über Kinderarmut als Thema erhebt. Wie klein ist das denn? Und der Berliner Büroleiter der Bild ist jetzt Stellvertretender beim Spiegel. Ich verstehe es nicht.

Meine Brille verlege ich, die Hose bleibt gelegentlich auf, und meine Brieftasche gehört schon eine ganze Weile wem anders. Manchmal werde ich morgens wach und bin hocherfreut, dass schon wieder eine andere Frau neben mir liegt, bis ich dann beim Frühstück merke, es ist doch meine. Na ja, die Brille. Und das Alzheimer eben.

Dann am Abend die Erlösung. Der Spiegel kommt mit der elektronischen Geschichte, die die da immer machen. Und es steht drin, dass man jetzt gar keinem ADAC-Test mehr trauen darf. Na also, das Sturmgeschütz der Demokratie! Ich finde meine Brille wieder und lese den Exklusivbericht mit heißer Erwartung, wie in alten Tagen. Die Luft weicht dann gänzlich aus mir, als ich unten angekommen bin. Dort steht lapidar: dpa. Die haben nur eine Agentur verwurstet. Genug Enttäuschungen für einen Tag. Ich greife zur Apotheken-Umschau.

Quelle: starke-meinungen.de