Logbuch
PARASITEN.
PR ist der Parasit einer freien Presse. Deshalb hat PR das allergrößte Interesse an der Gesundheit des Wirtstieres. Eine schöne Definition. Stammt von mir.
Für Werbung braucht man nur ein Scheckbuch; sie ist bei Verlagen käuflich. Für PR bedarf es eines gewissen Geschicks. Man muss einen genügend guten Nachrichtenwert anbieten können, der den Journalisten das abwägende Kalkül erlaubt, den Nebeneffekt eines gezielten Interesses zu tolerieren. Dann ist PR ein Geschäftsmodell, wenn man diesen Doppelnutzen möglich macht. Die Pressefreiheit ist durch müßige Verleger in Gefahr, nicht durch PR.
Ich lese einen klugen Aufsatz von Mathias Lindenau über die politische Figur des Parasiten, ein Vorwurf vor allem im Rechtspopulismus gegen Fremdes. Dabei wird herausgearbeitet, dass der politische Begriff dem biologischen Kern widerspricht. Der Parasit lebt nicht von andere, sondern mit ihnen. Er ist ein Symbiotiker.
Zitat: "Cymothoa exigena, die große Assel, frisst zwar die Zunge ihres Wirtsfisches von innen heraus auf, um sich an deren Stelle in dessen Mund festzusetzen und auf diese Weise ohne weitere Anstrengungen an dessen Nahrungsaufnahme teilzuhaben, tötet ihn dabei aber nicht." Der Parasit lebt auf Kosten anderer, die er deshalb zu erhalten gedenkt. Wie die PR eine freie Presse.
Logbuch
SCHNAPPSCHUSS.
Deutsche Bundesminister stehen im kriegsgezeichneten Kiew mit dem VIP-Bürgermeister auf einem Balkon, halten Sektgläser und haben offensichtlich Spaß. Kriegstourismus.
Das ist ein übles Bild, dass da Frau Faeser, der Innenministerin, und Herrn Heil, dem Sozialminister, unterlaufen ist. Es zeigt Partylaune an der Front. Ich kenne Hubertus, er ist ein anständiger Kerl. Und von der Nancy höre ich das auch. Offensichtlich ein missglückter Moment. Lehrsatz: Bilder können lügen.
Das glauben wir aber nicht. Wenn der Schnappschuss trifft, ist er tödlich. Die suggestive Kraft des Fotodokuments ist zu groß. Als Beweis bei Gericht anerkannt. So sind wir erzogen: Dem gesprochenen Wort wissen wir zu misstrauen, dem fotografischen Abbild nicht, wenn es SYMBOLCHARAKTER gewinnt. Lehrsatz: Fürchte die autonome Kraft des Symbols.
Solche Symbole bestätigen nämlich VORURTEILE, die wir ohnehin haben. Das gefällt uns, wenn wir in unseren RESSENTIMENTS Recht behalten. Das ist unser Teil der Schuld, die des Publikums. Zur Schuld der Akteure gehört, dass sie MISSVERSTANDEN werden konnten; solche Risiken geht man als Profi nicht ein. So was lässt man die PR inszenieren.
„Ein Politiker ist für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich“, hat Cato, der Ältere gesagt. Der im Ahrtal lachende Laschet hat den Preis dafür gezahlt. Und deshalb wirkt der Kanzler so roboterhaft, wie ein zwangsneurotischer Apparatschik, der Scholzomat. Nur keinen Fehler machen.
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VERKEHRSERZIEHUNG.
Eine freiberuflich tätige EU-Bürgerin in deutlicher Animationspose hat mich in Fragen des Verkehrs belehrt. Des Geschlechtsverkehrs. Und zu Grundsetzen der autofreien Mobilität. Eine wahre Begebenheit.
Eigentlich bin ich ein car guy. Zu Zwecken der Leibeserziehung fahre ich gelegentlich Rad (Müller&Wiese), auch ohne die Anweisung der einschlägigen OrientierungsApp. Ich biege also spontan aus dem Wald kommend statt nach links in Richtung Wirzenborn nach rechts in Richtung Großholbach. Und verirre mich im folgenden im Wald. Leichte Panik: Der Akku fast leer. Sehe dann aber ein einzelnes Gebäude, das ich an einer Straße wähne, und nähere mich ihm. Das Landhaus bei Großholbach. Ich wollte eigentlich zur Wirzenborner Liss, ein Ausflugslokal (der gedeckte Apfelkuchen ist zu empfehlen). Aber gut, halt ein Landhaus (wohl eher kein Ausflugslokal).
Kurz vor der Straße dann am Wegesrand, von einer Einfahrt die Straße betörend, ein besetzter Campingstuhl. Darin weilt, eine Zigarette rauchend, eine tiefdekolltierte junge Frau, die ich nach dem Weg fragen kann. Die Rettung. Not lost in Limburg. Ich steure mit dem Rad also auf sie zu und hebe nett an: Hallo, Frau Gevatterin. Wo es denn auf der Straße nach Montabaur gehe, links oder rechts rum?
Sagt sie mir: „Musst Du kommen Auto. Mach ich nicht auf Fahrrad.“ So, jetzt Ihr.
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Alzheimer hat mich
Ich find mich nicht mehr zurecht. Bitter, aber wahr. Es demoralisiert so, selbst zu erkennen, dass man gaga wird. Aus der Apotheke im Bahnhof bringe ich neben den Gingko-Tropfen und dem Viagra die Apotheken-Umschau mit. Und am Kiosk kaufe ich mir den Spiegel und einen Pulk Sonntagszeitungen, dabei aus Versehen auch die BILD. Zuhause lege ich die Beine hoch und beginne mein staatsbürgerliches Sonntagsvergnügen: ich tue was für meine poltische Bildung.
Kopfschmerzen sind eine Volkskrankheit, sagt mir das Titelbild. Ich wollte doch den Spiegel lesen, wohl vergriffen, das Apothekerblatt genommen. Nein, es war nicht der Titel der Apotheken-Umschau, das ist der Titel des neuen Spiegel. Nur Menschen meines Alters können ahnen, wie weh das tut, wenn Du an Deinem Verstand zu zweifeln beginnst. Wie kommt das Thema der Apotheken-Umschau auf den Spiegel? Ich begreife es nicht. Alzheimer hat mich.
Zum Glück für meine Aufklärer-Seele gibt es auch an diesem Wochenende eine große investigative Geschichte: Der ADAC fälscht in dreister Manier seine Auto-Prämierungen zum Gelben Engel, um den Faktor Zehn. Der Pressechef der Gelben Mafia räumt das ein und geht. Und wo steht das Stück des Investigativen? In der BamS. Im Springerblatt. Nichts davon im Spiegel.
Dann wird, höre ich im Radio, nachgelegt: Ein Autoexperte kündigt an, dass man nun auch an den Pannenstatistiken des ADAC zweifeln müsse. Woher hat das die alte Tante RBB? Wo steht das ursprünglich? Im Focus. Der Spiegel hat noch immer nichts eigenes. Mein Neffe spielt im Internet und sagt: SPON kupfert das nur ab.
Die Leute, die ich früher beim Spiegel kannte, sind da nicht mehr. Das passiert, altersbedingt. Aber ich höre, die sind jetzt bei der Welt, dem blauen Flaggschiff Springers. Dort, wo sich heute ein stadtbekannter Zyniker über Kinderarmut als Thema erhebt. Wie klein ist das denn? Und der Berliner Büroleiter der Bild ist jetzt Stellvertretender beim Spiegel. Ich verstehe es nicht.
Meine Brille verlege ich, die Hose bleibt gelegentlich auf, und meine Brieftasche gehört schon eine ganze Weile wem anders. Manchmal werde ich morgens wach und bin hocherfreut, dass schon wieder eine andere Frau neben mir liegt, bis ich dann beim Frühstück merke, es ist doch meine. Na ja, die Brille. Und das Alzheimer eben.
Dann am Abend die Erlösung. Der Spiegel kommt mit der elektronischen Geschichte, die die da immer machen. Und es steht drin, dass man jetzt gar keinem ADAC-Test mehr trauen darf. Na also, das Sturmgeschütz der Demokratie! Ich finde meine Brille wieder und lese den Exklusivbericht mit heißer Erwartung, wie in alten Tagen. Die Luft weicht dann gänzlich aus mir, als ich unten angekommen bin. Dort steht lapidar: dpa. Die haben nur eine Agentur verwurstet. Genug Enttäuschungen für einen Tag. Ich greife zur Apotheken-Umschau.
Quelle: starke-meinungen.de