Logbuch
DIE LILIENMANN.
Als Stammkunde eines Blumenladens genieße ich eine besondere Anredeform, die getrost als Sondersprache (Idiolekt) gelten könnte; es tut sich aber Kritik auf, ob ich als Deutschdeutscher diese Dialoge mit einer Vietdeutschen so wiedergeben darf. Versuch, einer Sprachverwirrung entgegenzuwirken.
Die Inhaberin meines kleinen Blumenladens in der U-Bahn Berlins kam Ende der Achtziger Jahre als Vertragsarbeiterin aus Vietnam in die damalige DDR und arbeitete in einer Schuhfabrik als Näherin. Die Umstände waren anders, als man es von einem Arbeiter- und Bauernparadies hätte erwarten können. Nach der Wende stand sie mit Mann und kleiner Tochter auf der Straße und floh in die Selbstständigkeit des Blumenhandels. Hier schien die Schwelle der Erstinvestionen niedrig. Sie ist sehr fleißig und lebt mit der exzessiven Selbstausbeutung vieler Familienbetriebe, zumal von Migranten. Ihre Tochter hat inzwischen Abitur und Studium absolviert und ist als Journalistin tätig. Respekt, in allen Punkten.
Nun zu unserem Spiel. Ich erwerbe bei ihr, wenn ich in der großen Stadt bin, wöchentlich einen Strauß Lilien, und zwar zum ausgewiesenen Preis. Sie begrüßt mich freundlich mit DIE LILIENMANN und spricht von sich in der dritten Person als DIE BLUMEFRAU. Wir haben Freude aneinander, was in dieser Stadt eine Ausnahme ist, weil die Eingeborenen eher einem schnoddrigen Ton ironischer Beleidigung pflegen. Dass es Vietdeutsche als Begriff überhaupt gibt, wusste ich vorher nicht; auch das Deutschdeutsche ist relativ, mein Urgroßvater migrierte aus Ostpreußen (heute Russland) an die Ruhr, für Berliner bin ich (man spricht das mit leichtem Ekel aus) ein Westdeutscher. Wir alle sind Ausländer, fast überall.
Jetzt die Frage, ob man den Idiolekt unserer Gespräche wortwörtlich wiedergeben darf. Oder liegt in dem Imitieren von Dialekt und Soziolekt eine Diskriminierung? Ich meine: Schwäbisch in Kreuzberg oder Türkisch in Moabit oder Denglisch in der Start-up-Bude, äfft man das nach? Sagt man als Westdeutscher „Dit iss Bahlin?“ Ich könnte auch umgekehrt fragen: Warum darf das nur die BVG? Lehrsatz: Mundart darf; hat schon Luther befunden, der die neuhochdeutsche Schriftsprache dadurch geprägt hat.
Schlussbemerkung der Inhaberin des Blumenladens, sicherheitshalber paraphrasiert: Es mögen sich bitte die raushalten, die nur zu Muttertag oder zum Valentinstag bei ihr auftauchen, dann allenfalls Hartgeld ausgeben und deren Blumenschmuck zuhause aus zwei Plastikrosen besteht, die sie auf dem Rummel geschossen haben. Davon könne kein Mensch leben. Recht hat sie, sagt hiermit und amtlich auch die Lililenmann.
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DAS HINTERHAUS.
So nannte Anne Frank ihr Tagebuch aus dem Versteck, als die Nazis das besetzten Amsterdam von der jüdischen Bevölkerung „säubern“ wollten; was den Schergen leider weitgehend gelang. Auch Anne Frank wurde umgebracht.
Noch im März 1945 starb sie, wenige Wochen vor der Befreiung, im KZ in Bergen-Belsen. Ihr Tagebuch von 1942 bis 1944 erschien 1947 in Holländisch erstmals. Ein Dokument, wie sich die Seele eines heranwachsenden Kindes gegen die Barbarei stemmt. Es folgt ein schwierige Publikationsgeschichte mit Versuchen auch der Holocaust-Leugnung. Heute besuchen jedes Jahr eine Million Besucher in Amsterdam das Hinterhaus, ein Museum zu ihrem Gedenken. Gut so, vielleicht etwas zu touristisch gehalten.
Das Hinterhaus ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte. Anlass für eine amerikanische Autorin jetzt eine „cold case investigation“ im Stile der „true crime novels“ zu veröffentlichen, die der Frage nachgeht, wer das Versteck damals an die Nazi-Polizei verraten haben könnte. Beim Sicherheitsdienst SD hatte Leutnant Julius Dettmann vom Referat IV B4 einen Tipp zum Versteck erhalten und schickte Unteroffizier Karl Josef Silberbauer los, der dort am 4. August 1944 fündig wurde. Wer aber war der Verräter bei dem „true crime“ ?
Mir behagt diese Verwurstung von Geschichte (Historie) zum Krimi-Stoff (Histörchen) nicht. In meiner Familie wiegt der Ernst dieser Zeiten nach. Tanten, die als Nonnen ein Waisenhaus in Holland leiteten, versteckten damals jüdische Kinder vor den Nazis, indem sie ihnen neue Identitäten gaben. Die Familie hatte mit einigen der so Überlebenden noch lange nach dem Krieg Kontakt; die Mutter von drei der versteckten Kinder überlebte zudem das KZ. Wären sie dabei erwischt worden, die tapferen Nonnen aus Deutschland, hätte es kurzen Prozess gegeben. Es ging gut; die versteckten Kinder überlebten. Das Thema hat eine gewisse Schwere.
Das verwurstet man nicht zum Krimistoff. Und selbst, wenn man nun den Verräter ermittelt hätte … Wir wollen hinter den Herren Silberbauer und Dettmann (siehe oben) bitte nicht all die Herren hinauf bis zu Hitler und Eichmann vergessen. Und jene Nachbarn, die hätten helfen können, aber weggeschaut haben. Ich lese in einer fabelhaften amerikanischen Rezension, die Frage, wo eigentlich das holländische Königshaus zu der Zeit war. Und wie die restliche Welt mit den jüdischen Flüchtlingen umgegangen ist. Gute Fragen, aber bitte nicht als larmoyanten Tatortstoff.
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MAVERICK.
Im Wilden Westen hieß der Gaul ohne Brandzeichen Maverick. Ein Ehrentitel für Ungebundene. Ein Selbstbildnis, das gefällt. Im Radio summt gerade jemand „I’m a lone lonesome rider“ und ich überlege, wie es wohl ist, wenn man durch die Wüste reitet auf einem Pferd ohne Namen („a horse with no name“). Der beste Western war eindeutig „Johny Guitar oder Wenn Frauen hassen“ mit der berühmten Lobpreisung des Kaffees. Ich zünde mir eine Camel plain an, steige in die Stiefel und ziehe mir den Stetson ins Gesicht. High Noon. Cowboy-Phantasien: Django.
Ich habe zu unterschiedlichen Zeiten in meinem Leben insgesamt zwei Parteien, zwei Gewerkschaften, einem Automobilclub, einer Kirche, den Pfadfindern, Schalke, Rotary und einer Organisation, über die ich nicht sprechen kann, angehört. Zu unterschiedlichen Zeiten und aus ganz unterschiedlichen Gründen. Fast alle habe ich wieder verlassen. Jetzt bin ich ein bindungsloses Subjekt. Fühlt sich nicht so schlecht an. Dass mit dem ADAC werde ich noch nachholen. Dann bin ich sie wirklich alle los.
Es gibt ein Lebensalter, in dem das YOU NEVER WALK ALLONE wie eine Drohung klingt. Ich erinnere mich gut an den jugendlichen Stolz des Pfadfinders, Kluft zu tragen, die Uniformierung als Aufwertung zu erleben. Heute wähle ich Kleidung eher aus dem gegenteiligen Prinzip. Ich trage keine Abzeichen mehr. Jedenfalls keine der Partei oder von Ähnlichem. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist da doch ein gewisser Phantomschmerz. Wovon könnte ich FAN werden? Welchem VEREIN möchte ich zugehören? Oder einer entlegenen RELIGION folgen? Oder einem GEHEIMBUND beitreten? Meinem Leben einen höheren Sinn geben. Eine historische Mission erfüllen.
Allen diesen LOGEN ist gemein, dass sie unter obskuren bis banalen Narrationen eine vulgäre Vereinsmeierei verbergen, wenn sie nicht abseitigen Zwecken dienen, also schlicht Organisierte Kriminalität oder Hochverrat sind. Das ist mir dann doch zu vordergründig. Da könnte ich auch Influenzer auf LinkedIn werden und mich üben in Eigenlob bis an die Grenze des Peinlichen; was sage ich, bis weit darüber hinaus. Twitter-Guru. Ikon bei Instagram. Professor des Jahres. PR-Preisträger. Alles Abstiege in einem bodenlosen Wettbewerb. Würdeverlust.
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Wir wollen unseren Kaiser Wilhelm wiederhaben
Oder irgendein anderes wirkliches Staatsoberhaupt. Bevor ins Schloss Bellevue Rostocker Pfarrer mit ihren Begleiterinnen zogen, war das Anwesen vorübergehend Heimstatt eines ambitionierten Paares aus Hannover.
Jener Bundespräsident kam als glamouröser Ministerpräsident ins höchste Amt, als man ihm nachsagte, er könne auch das mächtigste erwerben, also Bundeskanzler werden, also mit höchsten Erwartungen. Was die mediennotorische Bettina Wulff damals für das Berliner Schloss Bellevue mit dem mediennotorischen Christian plante, hat in der Zeitgeschichte einen Namen: Camelot. Das Schlagwort ist im Angloamerikanischen für ein kühnes politisches Projekt durchaus geläufig. Camelot bezeichnet ursprünglich den Hof von König Artus und seiner Tafelrunde, die den Heiligen Gral zu hüten hatte, und kommt in unseren Kontext über Jacqueline Kennedy. Sie hat es als junge Witwe nach JFK`s Ermordung in einem Interview vor fünfzig Jahren dem Journalisten Theodore White ins Stammbuch schreiben wollen, wohl weil sie ahnte, was an zwielichtigen Enthüllungen noch über das politische Erbe ihres Mannes hereinbrechen würde.
Camelot ist ein Paradigma der hochlegitimen Herrschaft, etwas, das im 18. / 19. Jahrhundert mit dem Dichterfürsten umschrieben wurde, die Einheit von Geschmack, Geist und Macht, neuester Mode und hoher Kultur. Der Neuen Zürcher Zeitung entnehme ich folgende Zuordnung von Jackies Anliegen: Sie begann, „einen Mythos in die Welt zu setzen, der im Laufe der Zeit einiges von seinem Glanz verlieren, aber nie vollständig zerstört werden sollte.
Sie schilderte (dem Journalisten) White das Weiße Haus unter John F. Kennedy als ein „amerikanisches Camelot“ – in Anlehnung an den mythischen Hof von König Artus im frühen englischen Mittelalter, der in der Sage als Licht in finsterer Zeit erscheint; dort regierten Geist und Vernunft, gediehen Visionen, die weit über die Enden der Gegenwart hinaus reichten. Auch das Weiße Haus unter ihrem Mann, dies wollte die junge Witwe in den Geschichtsbüchern lesen, sei ein solcher Ort der Besten und Edelsten gewesen.“
Die Nationen bezeichnen heutzutage ihre Zentren der Macht mit unspektakulären Metonymien. Der Westminster Demokratie reicht die Hausnummer in der Downing Street: Number 10. Das Kanzleramt nennt der ortsansässige Berliner in Würdigung der Kohlschen Architektur „Die Waschmaschine“. Da ist Camelot für das Weiße Haus vergleichsweise ambitioniert. Deshalb hat es gehalten; dazu fällt mir ein aktueller Beleg auf. Ich lese in diesen Tagen wieder von Camelot. Das Times Literary Supplement lässt einen Oxford-Professor ein deutsches Buch rezensieren, nämlich den Briefwechsel von Günter Grass und Willy Brandt, der gerade in Göttingen bei Seidel erschienen ist. T. J. Reed beginnt seinen Essay über Geist und Macht mit dem Satz: „It is common enough for writers and artists to gather at the court of power, Kennedy`s Camelot or anybody`s number 10, basking in the complacency of success.“
Nun, aus John F. Kennedy ist ein „Faszinosum“ geworden, er ist es offensichtlich bis heute geblieben, bei Christian Wulffs Bundespräsidentschaft muss der Versuch wohl als gescheitert angesehen werden. Jackie als „Gralshüterin der Camelot-Legende“ scheint einen besseren Job gemacht zu haben als die Hannoveraner PR-Managerin an Wulffs Seite, vorübergehend an seiner Seite, wie wir lernen mussten.
JFK wurde nicht zuletzt dank der Bemühungen seiner Ehefrau eben nicht nur der faktische Führer einer Weltmacht, er war eine Legende im Amt, in Europa möglicherweise sogar noch mehr als in den USA. Seine Bewunderer sahen hinter ihm nicht weniger als das Schöne, Wahre, Gute. Man verzieh ihm leichterdings private Verfehlungen einer Dimension, hinter denen die Ausschweifungen von Christian W. wie Schulbubenstücke wirken. Das Charisma von Camelot erhöhte einen, ich zitiere Zeitgenossen, gottverdammten irischen Katholiken mit Verbindungen zur Mafia und mäßiger politischer Bilanz. New Deal: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann. Frage, was Du für Dein Land tun kannst!“ Welch‘ ein Führer… Deutschland verdankt Kennedy viel, jedenfalls findet das der Berliner.
Im kollektiven Bewusstsein von Westberlin gibt es noch das Inseldasein mitten im Kalten Krieg, es gibt noch die Erinnerung an die Rosinenbomber der Luftbrücke gegen die sowjetische Blockade, und es gibt den 26. Juni 1963, als der amerikanische Präsident vom Balkon des Rathauses Schöneberg die eingeschlossene Stadt und das geteilte Land seiner Solidarität und seines Schutzes versichert hat: „Ich bin ein Berliner!“
Man unterschätzt die intellektuelle Klasse der Berater Kennedys, wenn man dies nur für eine hübsche Idee hielt, den Amerikaner einen Satz auf Deutsch sagen zu lassen. Es handelt sich um ein Zitat von imperialer Bedeutung, weil es den Herrschaftsanspruch eines Weltreiches im Namen aller freien Menschen („all free men“) gegen seine Feinde konnotiert. Ich zitiere die entsprechende Passage. „Two thousand years ago the proudest boast was ‚Civis Romanus sum‘. Today, in the world of freedom, the proudest boast is ‚Ich bin ein Berliner‘.“ Oder: „Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz ‚Ich bin ein Bürger Roms‘. Heute, in der Welt der Freiheit, ist der stolzeste Satz ‚Ich bin ein Berliner‘.“
Warum der Civis Romanus? Mit diesem Satz reklamierte in der Antike ein Bürger Roms weltweit seine Bürgerrechte. Er verstand sich nicht als territorial gebundener Untertan. Seine Staatsbürgerschaft war ein Menschenrecht. Dies ist völkerrechtlich ein sehr modernes Konzept und in der Zeit des Kalten Krieges eine wehrhafte Ansage an die sowjetische Diktatur.
Nun wird man einwenden, dass dies die eher bildungsfernen Berliner vor dem Rathaus Schöneberg gar nicht gewusst und sich halt nur über den lokalpatriotischen Satz Kennedys gefreut haben. Das ist richtig. Wesentlich ist mir aber nicht, was der Civis Romanus den Wessis auf dem Platz sagte, sondern was der Begriff über JFK sagte; warum er so argumentierte. Oder sich einen Stab leistete, der ihm so kluge Manuskripte schrieb; man weiß, dass hier hoch qualifizierte Harvardprofessoren wirkten, Intellektuelle, die wussten, was sie taten.
Das Cicero-Zitat stellte JFK in das Paradigma des humanistisch gebildeten Kopfes nicht nur einer Weltmacht, sondern der gesamten freien Welt, …the world of freedom… of all free men… So verbindet er den imperialen Anspruchs Roms mit der amerikanischen Verfassung… that all men are created equal…Welch‘ ein Führer. Kann man das im Deutschen noch so sagen: Welch‘ ein Führer? Seit sich dieses Land über zwölf Jahre einen Österreicher als deutschen Führer geleistet hat, der „der“ Führer hieß, ist es um das Wort des „duce“ assoziativ nicht so gut bestellt. Deshalb wär es besser, wir hätten wieder einen König oder Kaiser.
Quelle: starke-meinungen.de