Logbuch

ECCE HOMO.

Auf einem Flohmarkt durchblättere ich einen noch ganz frischen Ausstellungskatalog einer Caravaggio-Geschichte in Madrid und versäume es, das Ding mitzunehmen, weil ich es nicht am Flugplatz durch die Sicherheit schleppen will; nun hängt es mir nach. Der Titel zeigt eine Ecce-Homo-Szene, wie sie im christlichen Mittelalter beliebt war, ein zentraler Moment der Passion.

Wir sehen den blutigen Nazarener mit einer Dornenkrone und in ein purpurnes Tuch gehüllt; die Verhöhnung des Märtyrers als König der Juden, in dem Moment da der Statthalter Roms ihn der rachsüchtigen jüdischen Menge präsentiert. Man weiß, wie das ausgeht. Jetzt aber sagt der Römer: „Hier ist der Kerl!“ Im Griechen nennt er ihn einen Menschen; die lateinische Vulgata macht aus dem Anthrops einen Homo und man weiß nicht so genau, ob Pontius Pilatus einen Ton des Mitleids mitschwingen ließ, als er „ecce homo!“ ausrief.

Der unsägliche Friedrich Nietzsche hat die Unverschämtheit besessen, seine Autobiographie so zu nennen. Überhaupt war der Umgang von Atheisten wie der der Christenheit selbst mit dem Leiden ihres Heilands oft sehr unvermittelt. So hat man die Szene etwa genutzt, um Antisemitismus gegen die Hohen Priester und Juden überhaupt zu schüren (und die eigenen Hände in Unschuld zu waschen, wie schon der einschlägige Römer, der den König der Juden ans Kreuz schlagen ließ).

Das Bild Caravaggios aber verschlägt einem den Atem. Er malt nicht das Leiden des Herrn in der Verhöhnung. Er malt auch nicht die böswilligen Spötter, die den Dornengekrönten einen Königsmantel überwerfen. Caravaggio malt sich selbst, wie der eben diese Passion malt. Glatt die Hälfte des Bildes zeigt ihn, den Maler bei der Arbeit. Er dreht sein Gesicht über die Schulter in die Kamera; den Malstock haltend, beide Hände hebend. Jesus in der Mitte, eher im Hintergrund. Man wäre vorsichtiger im Urteil, wäre die Kunstgeschichte nicht voll von solchen Dreistigkeiten; etwa der Eitelkeit der Stifter bis ins Gotteslästerliche folgend.

Caravaggio feiert sich als künstlerischer Schöpfer. Er selbst ist der Mensch, auf den gewiesen wird. Ecce homo. Das ist dreist. Schade, dass ich den Katalog nicht mitgenommen habe. Jetzt komme ich nicht aus dem Grübeln, wie weit Eigen-PR gehen kann.

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MARSMÄNNCHEN.

Die Primitiven schätzen Primitives. Man verkenne nicht den Einfluss der Trivialliteratur auf die Doofen. Etwa den des Unterschichtfernsehens und -kinos. Ich habe mich schon immer für Schundliteratur interessiert; damit habe ich ganze Generationen von Hochschullehrern irritiert. Jochen Schulte-Sasse etwa hat das in einem ausführlichen Buch über „Literarische Wertung“ festgehalten; Friede seiner Asche; dem Mann schulde ich tatsächlich was. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Man hat die fantastischen Wesen aus dem Weltall, die Außerirdischen, früher nach dem roten Planeten Marsmännchen genannt und sich darunter alberne kleine Wichte vorgestellt, die wie sprechende Tanksäulen aussahen. Sie kamen in fliegenden Untertassen. Man träumte ab da von einer bemannten Mars-Mission. Solche Trivialmythen wurden von einer Schundliteratur gepflegt, die sich Science Fiction nannte und keins von beidem war, weder höhere Wissenschaft noch gute Dichtung. Fiktiv, aber von faktischer Wirkung.

Wir wissen zum Beispiel nach einem Zeugnis des DeepMind-Gründers Demis Hassabis, dass Elon Musk sein Raketenbauprogramm damit begründet hat, dass man eines fernen Tages vielleicht der irdischen Katastrophe auf den Mars entweichen müsse und dort das menschliche Bewusstsein retten. Seine Samenbank stünde dann auf. Drunter tut er es nicht. Man fühlt sich an Stanley Kubricks Film Dr. Strangelove erinnert. Das ist kein Zufall.

Es geht tatsächlich um Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun, den Vater des amerikanischen Raumfahrtprogramms; keine Ahnung, wo der vorher war, bevor er die Kolonialisierung des Weltalls für Stars&Stripes betrieb. Er hat das später auch vergessen, was da in Peenemünde war. Dem Vater der großdeutschen Vernichtungswaffen jedenfalls verdanken wir auch Literarisches. In seinem Roman Projekt Mars beschreibt er die Erschaffung des Übermenschen auf dem Mars, so wird mir glaubhaft berichtet. Ich nehme das Buch nicht zur Hand.

Ich will in das krude Zeug gar nicht zu weit rein. Wahnsinn ist ansteckend. Leicht ist man infiziert. Es hat mir gereicht in der Inaugurationsrede von Donald Trump II zu hören, dass man die amerikanische Flagge dort auf dem Mars in den Grund rammen wird; wie wohl auch in Grönland, Gaza und Panama. Westward ho! Weichen wir aber nicht auf den Western als Trivialliteratur aus, es geht noch um Science Fiction.

Wir lernen etwas über die Genies der Gegenwart. Wer da wo sich wie gebildet hat. Im Roman des Wernher v. Braun von 1937 gibt es natürlich auch eine Regierung auf dem Mars, ein zehnköpfiges Gremium mit einem Führer. Jetzt kommt es: Der Führer auf dem Mars heißt Elon. Kein Scheiß.

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DER SUGAR DADDY.

Verrat ist ein böses Wort, aber formuliert jene Bitterkeit konservativer Wähler, die von den Christlichen wenigstens Solidität erwartet haben. Zumindest im kleinbürgerlichen Sinne, etwa der berühmten schwäbischen Hausfrau. Versprochen & gebrochen. Denn nun wachen die Bürgerlichen im Wahlvolk auf in Orgien der exzessiven Verschuldung, auch, so ihr Gefühl, zugunsten der Roten und der Grünen. Der Möchte-gern-Kanzler schreibt den gescheiterten Zeitgeist auch noch in der Verfassung. Dadurch haben die allseits buhlenden Schwarzen weitere Wählerkontingente an die Blauen abgegeben. Die AfD wird bei der nächsten Wahl ein Viertel holen, wenn nicht ein Drittel. Danke, Fritz!

Für das Rollenmodell des künftigen Kanzlers gibt es ein Wort, einen Fachbegriff, leider aus der Halbwelt. Dort nennt man den älteren Herren, der bei den leichteren Mädchen die Scheckkarten sprechen lässt, Zuckerpapa. Das väterliche Moment meint den deutlichen Altersunterschied, der süße jene sanfte Form der Ware Liebe, die allerdings mit Prostitution unzutreffend beschrieben wäre. Der Sugar Daddy kriegt nämlich nicht, wofür er zahlt, nur die Illusion dessen. Friedrich Merz lässt trotzdem die Puppen tanzen, als gäbe es kein Morgen; Milliarden hier, Milliarden dort. Geld kann man ja drucken.

Wenn es dabei um ein kleines Vermögen aus dem Sauerland ginge, sein eigenes, dass im Tanztee unter die Leute soll, wäre gegen die Großmannssucht wenig zu sagen. Der Spendable nimmt aber Schulden auf, für die wir Bürger bürgen und mittels Inflation aufkommen werden. Der lustige Leutnant verjubelt Wechsel, die auf die Zukunft unserer Enkel ausgestellt sind. Grotesk wird die Freigiebigkeit unseres Sugar Daddys dadurch, dass nicht nur seine Koalitionsmätressen zulangen dürfen, sondern auch die koketten Damen und Herren der Opposition. Wenn Fritze freigiebig ist, dürfen alle Puppen tanzen, auch die abgewählten.

Der nächste Herr, die gleichen Damen. Es geht ja um die Sache. So entsteht Kontinuität auf dem Ball der einsamen Herzen, den wir Parlament nennen. Eine Weinkönigin als Präsidentin passt dazu allemal.

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Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun?

Politik als Beruf? Beruf aus Berufung? Tugend der Pflichterfüllung? Unterbezahlt, aber unbeugsam? Was für ein idiotisches Deutschtum.

Da lobe ich mir die angloamerikanische Ansage: We are in it for the money. Wenn es das Amt nicht bringt, so doch die Geschäfte, die man anschließend mit dem Amtsbonus machen kann. In God we trust, the rest pays cash! Es gibt nur zwei „ehrliche“ Motive, die die Triebe der Menschen bestimmen: Sex und Macht. Geld ist das Mittel zu beidem. Alles andere ist protestantische  Staatsethik, sprich Doppelmoral. Punkt. Trotzdem redet die Nation von Skandal, wenn sich Politiker mal selbst belohnen. Am lautesten tönen jene kleinen Geister, die für sich selbst eine „work-life-balance“ fordern, sprich Müßiggang.

Der mögliche Aufstieg von Herrn Pofalla irritiert die Öffentlichkeit. Nach seinem Dienst als Kanzleramtsminister will er nun angeblich Vorstand der Bahn AG werden. Und eine Familie gründen. Ich verstehe das. Herr Pofalla wohnt in Berlin über meiner Stammkneipe. Während ich in tiefer Nacht schon beim zweiten oder dritten Glas Wein bin, kommt der junge Mann nach Hause, schwer bewacht und sicher todmüde. An Samstagen sehe ich ihn manchmal Plastiktüten schleppend vom Einkaufen kommen, begleitet von einer sehr jungen Frau. Jetzt also Beruf und Familie. So geht eine bürgerliche Existenz.

Der mögliche Abstieg von Herrn Asmussen irritiert die Leute auch. Der Mann war immerhin EZB-Direktor und soll jetzt bei Arbeitsministerin Andrea Nahles als Staatssekretär dienen. Das beruhigt die Nation, weil  man dann sicher ist, dass das Haus von Frau Nahles nicht ohne Sachverstand bleibt. Beunruhigend scheint vielen seine Begründung. Er wolle sich stärker seiner Familie widmen. Ich verstehe das. Verglichen mit der Belastung von Spitzenjobs in Industrie und bei Banken sind Beamtenjobs ab der zweiten Reihe eher so, dass man Arbeit und Leben ausbalancieren kann. So kommt man wieder zu einer bürgerlichen Existenz.

Die allgemeine Befindlichkeit ist von dem Phänomen geprägt, dass die Wehleidigkeit der Faulen mit Neid gepaart ist. Niemand von den Durchschnittsverdienern, die einen Siebenstundentag durch eine einstündige Mittagspause mit anschließendem Spaziergang in zwei Hälften teilen, die wiederum durch Kaffee am Morgen und Nachmittagskäffchen geviertelt werden, hat auch nur halbwegs eine Ahnung davon, wie hoch die Belastung an der Spitze von Staat oder Industrie ist. Ja, man kommt nicht mal mehr zum Kinderzeugen.

Ein zweites Phänomen ist die Erwartung, die die „nine-to-fiver“ an Politiker richten. Politiker sollen sich pflichterfüllend für das Amt verzehren.  Pflicht, Du erhabener Name! So ruft der Preuße gen Himmel und ergeht sich in Sekundärtugenden. Angela Merkel hat ihren Erfolg zu einem guten Teil der Tatsache zu verdanken, dass sie genau diese Erwartung zu bedienen weiß. Es geht ihr um Deutschland. Dem entsprechen ihre protestantisch karge Erscheinung und die bitteren Falten um den verkniffenen Mund. Kein Bunga-Bunga, das die Berlusconis dieser Welt auszeichnet, jene Milliardäre, die sich zwischen ihren Geschäften vor Gericht um die Volljährigkeit ihrer Mätressen kümmern müssen. Bei uns werden die Wulffs gerichtet, die selbst in ihren angeblich Sünden so klein sind, dass es beschämt.

Also sagen wir der Nation: Hört auf mit dieser verlogenen Doppelmoral, ihr Kleingeister! Die Helden haben eine Auszeichnung und ein Ausruhen verdient. Die Jungs wollen jetzt Familienglück und Knete auf dem Konto. Was ist daran falsch? Das ist seit den Buddenbrooks das bürgerliche Glück. Das sei ihnen nun wirklich gegönnt. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt! Es war doch klar, dass die Rolle des preußischen Staatsdieners nur vorgespielt war, eine politische Inszenierung, weil der Wähler in deutschen Landen die Wahrheit nicht verträgt. Warum sollte der teutonische Wähler nun seine Naivität gegen jene wenden dürfen, von deren Posen er sich zuvor hat begeistern lassen?

Quelle: starke-meinungen.de