Logbuch

NEUES AUS DER NUMISMATIK.

Wer noch mit Emscherwasser getauft ist, weiß was ein Heiermann ist. Oder eine Glatze. Bald aber werden die Relikte des „allgemeinen Äquivalents“ (Marx) verschwunden sein. Die Verflüssigung der Liquidität (pun intended) begann mit Papiergeld und Wechseln.

Bald ist es ganz vorbei. Es verschwindet gerade das Geld. Zuerst die Münze, dann die Scheine. Auch die Karten werden das Zeitliche segnen. Ich halte nur noch das Handy hin, zeige ihm mein Ponem und die Knete ist weg. Was macht das mit uns?

An Münzen bedarf es für den Handlungsreisenden nur noch des Euro für das Autobahn-WC wie bei der Haushälterin als Chip für den vermaledeiten Einkaufswagen. Ich nutze in der großen Stadt Droschken, die mir eine App besorgt. Das Luder meint einen Erziehungsauftrag zu haben; es lockt mich ständig in dieses Uber-System der Halbprofessionellen, das mir nicht gefällt. Oder lotst mich in diese hybriden Reisschüsseln aus dem Haus Toyota. Man wird erfindungsreich; ich behaupte beim Bestellen jetzt stets, wir seien zu 8, dann kommt eine geräumige Wanne.

Als Münzen noch aus edlen Metallen gegossen oder geprägt wurden, konnte der Materialwert über dem nominalen Geldwert liegen. Das forderte das Geschick der Geldwechsler. Solche physischen Grenzen sind der Inflation nicht mehr gesetzt. Das Handy nimmt jeden Betrag. Ich habe keine Ahnung, wo Apple den Zaster eigentlich anschließend herkriegt.

Das ist Hyperinflation: Du hast keinen Groschen im Säckel, aber es ist Dir auch egal, was es kostet. Dazu ein aufgeschnappter Hinweis aus einer Hotelbar in der großen Stadt. Eine Professionelle erwähnt, wie ich aufschnappe, gegenüber einem Gast mit deutlicher Schlagseite, er könne auch mit PayPal zahlen, wenn er das auf dem Handy habe. So weit sind wir also.

Cäsar war übrigens der erste römische Kaiser, der sein Porträt noch zu Lebzeiten selbst auf dem silbernen Denarius hat sehen können. Brutus hatte aber PayPal. Dumm für ihn gelaufen.

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PROMMI-LOKAL.

Die deutsche Hauptstadt hat keine Mitte. Der Ortsteil, den Touristen MITTE nennen, ist ein Homunculus. Hier ist nichts gewachsen, schon gar nicht organisch. Die gesperrte Friedrichstraße ist dafür ein Pragmasymbol.

Einst pulsierte hier das großstädtische Leben, in den „roaring twenties“, dann verödete die Mangelwirtschaft der DDR das Quirlige zu Repräsentation, schließlich die Nach-Wende Pracht der seelenlosen Anhäufung von Klötzen auf angrenzenden Freiflächen. Wer Paris kennt oder auch nur Karlsruhe oder Mannheim, weiß was ich Klumpenbildung nenne, aber eben keinen Städtebau.

Der Essay über die Unwirtlichkeit der Städte muss über diese Insel (Eigencharakterisierung) in Brandenburg geschrieben worden sein. Den Osten meide ich komplett. Und nach MITTE gehe ich nur, weil dort eines meiner Stammlokale liegt, genannt „die Kantine“.
Ein Dienstort für die politische und die publizistische Klasse. Ansonsten sieht mich außerhalb meines Kiezes eigentlich nur Charlottenburg.

Hier ist der Italiener von Helmut Kohl, der, so die Sagenwelt, dann der von Gerd Schröder wurde; Pofalla und Westerwelle wohnten im gleichen Haus. Inzwischen hat in der italienischen Familie der freundliche Sohn die Rolle des alten Grandlers übernommen. Toller Laden. Nein, ich sage nicht wo. Hier findet keine Touristenberatung statt.

Wie komme ich drauf? Nun, gestern war ich bei einem anderen Italiener in Charlottenburg, weil ein alter Freund mich zu Venezianischer Kalbsleber lud. In der Ecke am Tresen saß drei Stunden lang Angela Merkel. Der Andrea genannte Patron („Andrea, für Deutsche: Andreas“) umschwärmte die Altkanzlerin. Noch in meinem Beisein informierte ein BILD-Grande per Handy seine Boulevardkollegen.

Der Grund? Wenn Paparazzi lauern, kommt sie nicht mehr. Wir sind die nämlich leid und wollen unsere Ruhe. So ist Berlin.

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ORTE DER OFFENBARUNG.

Plan zu einem Buch über kuriose Orte der Weltgeschichte; solche, an denen die Geschichte sich selbst erkannte. Orte also, an denen die Menschheit einen BEGRIFF von sich selbst bekam. Meist Schlachtfelder.

Vor ziemlich genau hundert Jahren entstand der BEGRIFF der Massengesellschaft, natürlich im aufblühenden Amerika, der Nation der massenhaften Migration. Fälschlicherweise wird die Massenproduktion eines Autos durch Henry Ford hier immer wieder als Exempel herangezogen. Der Irrtum liegt nahe, da das Fordsche Modell T ganz augenscheinlich Massenproduktion bedeutete, die Wiege der Industrie, an die viele pilgerten; soweit ich weiß sogar Ferdinand Porsche.

Aber Fließbänder gab es vorher und für die Zeitgenossen eindrucksvoller. Die Taylorisierung von Massenproduktion begann, Ford soll sie sich angeschaut haben, in den SCHLACHTHÖFEN Chicagos. Und dazu gehörte die Konservendose auf der Absatzseite wie Massenmigration aus Osteuropa im Arbeitsmarkt. Beschaffungsseitig riesige Viehherden, zunächst getrieben, dann aus Eisenbahnwagen. Nicht nur in den miserablen Arbeitsbedingungen, sondern gerade in diesen Massenmedien Bahn und Büchse sahen die Zeitgenossen eine neue Zeit. Der Kapitalismus offenbarte sich als Begriff der Massenproduktion.

Nach den physischen Massenmedien kamen bald die kommunikativen: große Zeitungen und das Kino, Hearst und Hollywood. Schöner Stabreim: Bahn & Büchse, Hearst & Hollywood. So liegt der Nukleus der Massengesellschaft in den Fleischtrögen der Schlachthäuser Chicagos. SPAM hieß mal „spiced ham“, Würzfleisch. Bert Brecht hat die Symbolkraft sofort verstanden, als er den Roman von UPTON SINCLAIR namens JUNGLE las, der als Beginn des investigativen Journalismus galt. Aber das ist, wie Kiplling sagt, eine andere Geschichte.

Schlachthäuser sind nicht nur für Veganer ein schweres Thema. Da droht der Begriff zur Kategorie zu werden. Beruflich habe ich mich mal mit der Gewinnung von „fötalem Kälberserum“ für Zwecke der Biotechnologie auf den Schlachthöfen der Welt beschäftigt; aber das will jetzt nun wirklich niemand mehr wissen.

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Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun?

Politik als Beruf? Beruf aus Berufung? Tugend der Pflichterfüllung? Unterbezahlt, aber unbeugsam? Was für ein idiotisches Deutschtum.

Da lobe ich mir die angloamerikanische Ansage: We are in it for the money. Wenn es das Amt nicht bringt, so doch die Geschäfte, die man anschließend mit dem Amtsbonus machen kann. In God we trust, the rest pays cash! Es gibt nur zwei „ehrliche“ Motive, die die Triebe der Menschen bestimmen: Sex und Macht. Geld ist das Mittel zu beidem. Alles andere ist protestantische  Staatsethik, sprich Doppelmoral. Punkt. Trotzdem redet die Nation von Skandal, wenn sich Politiker mal selbst belohnen. Am lautesten tönen jene kleinen Geister, die für sich selbst eine „work-life-balance“ fordern, sprich Müßiggang.

Der mögliche Aufstieg von Herrn Pofalla irritiert die Öffentlichkeit. Nach seinem Dienst als Kanzleramtsminister will er nun angeblich Vorstand der Bahn AG werden. Und eine Familie gründen. Ich verstehe das. Herr Pofalla wohnt in Berlin über meiner Stammkneipe. Während ich in tiefer Nacht schon beim zweiten oder dritten Glas Wein bin, kommt der junge Mann nach Hause, schwer bewacht und sicher todmüde. An Samstagen sehe ich ihn manchmal Plastiktüten schleppend vom Einkaufen kommen, begleitet von einer sehr jungen Frau. Jetzt also Beruf und Familie. So geht eine bürgerliche Existenz.

Der mögliche Abstieg von Herrn Asmussen irritiert die Leute auch. Der Mann war immerhin EZB-Direktor und soll jetzt bei Arbeitsministerin Andrea Nahles als Staatssekretär dienen. Das beruhigt die Nation, weil  man dann sicher ist, dass das Haus von Frau Nahles nicht ohne Sachverstand bleibt. Beunruhigend scheint vielen seine Begründung. Er wolle sich stärker seiner Familie widmen. Ich verstehe das. Verglichen mit der Belastung von Spitzenjobs in Industrie und bei Banken sind Beamtenjobs ab der zweiten Reihe eher so, dass man Arbeit und Leben ausbalancieren kann. So kommt man wieder zu einer bürgerlichen Existenz.

Die allgemeine Befindlichkeit ist von dem Phänomen geprägt, dass die Wehleidigkeit der Faulen mit Neid gepaart ist. Niemand von den Durchschnittsverdienern, die einen Siebenstundentag durch eine einstündige Mittagspause mit anschließendem Spaziergang in zwei Hälften teilen, die wiederum durch Kaffee am Morgen und Nachmittagskäffchen geviertelt werden, hat auch nur halbwegs eine Ahnung davon, wie hoch die Belastung an der Spitze von Staat oder Industrie ist. Ja, man kommt nicht mal mehr zum Kinderzeugen.

Ein zweites Phänomen ist die Erwartung, die die „nine-to-fiver“ an Politiker richten. Politiker sollen sich pflichterfüllend für das Amt verzehren.  Pflicht, Du erhabener Name! So ruft der Preuße gen Himmel und ergeht sich in Sekundärtugenden. Angela Merkel hat ihren Erfolg zu einem guten Teil der Tatsache zu verdanken, dass sie genau diese Erwartung zu bedienen weiß. Es geht ihr um Deutschland. Dem entsprechen ihre protestantisch karge Erscheinung und die bitteren Falten um den verkniffenen Mund. Kein Bunga-Bunga, das die Berlusconis dieser Welt auszeichnet, jene Milliardäre, die sich zwischen ihren Geschäften vor Gericht um die Volljährigkeit ihrer Mätressen kümmern müssen. Bei uns werden die Wulffs gerichtet, die selbst in ihren angeblich Sünden so klein sind, dass es beschämt.

Also sagen wir der Nation: Hört auf mit dieser verlogenen Doppelmoral, ihr Kleingeister! Die Helden haben eine Auszeichnung und ein Ausruhen verdient. Die Jungs wollen jetzt Familienglück und Knete auf dem Konto. Was ist daran falsch? Das ist seit den Buddenbrooks das bürgerliche Glück. Das sei ihnen nun wirklich gegönnt. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt! Es war doch klar, dass die Rolle des preußischen Staatsdieners nur vorgespielt war, eine politische Inszenierung, weil der Wähler in deutschen Landen die Wahrheit nicht verträgt. Warum sollte der teutonische Wähler nun seine Naivität gegen jene wenden dürfen, von deren Posen er sich zuvor hat begeistern lassen?

Quelle: starke-meinungen.de