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INFAMIE.

Heute bezeichnet das eine besonders hinterhältige und niederträchtige Angelegenheit. Früher war es ein verliehener Zustand der Ehrlosigkeit. Interessant zu wissen.

Der kirchlichen und feudalen Herrschaft des frühen Mittelalters waren Juden ein Dorn im Auge, Muslime und andere Heiden, insbesondere die Aufmüpfigen mit eigener Heilslehre (Häretiker genannt). Man nahm ihnen die EHRENRECHTE, womit sie keine Rechtsgeschäfte mehr tätigen konnten. INFAMIE wurde verhängt.

Die HEILIGE INQUISITION, insbesondere die spanische (die bei Monty Python immer von hinten angeritten kommt) perfektionierte die spontane Infamie zur systematischen Inquisition; die Folter wurde sorgfältig dokumentiert, was Fundamentalisten des Katholischen für einen Fortschritt halten. Bei leichteren Irrlehren wurde nur noch die Zunge des Infamen herausgeschnitten.

Wer Ehrverlust verhängen will, muss Ehrhaftigkeit kanonisieren; kann aber auch Ausnahmen genehmigen. Das nannte man PRIVILEG. Mancher Jude erfuhr das, wenn man ihn als Bankier im Adel brauchte. Der Rassismus durfte dann zurückstehen, für eine Weile. Vielleicht setzt hier der Bedeutungswandel des Begriffs an. Das schändliche Verdikt der Macht wird zum charakterlichen Feindbild des Ausgegrenzten umgelogen.

Heute gilt als infam, wer heimtückisch und skrupellos einen Hinterhalt stellt. Ohne den juristischen Begriff bemühen zu wollen, eine besondere Schwere der Tat. Also nicht nur unsportliches Verhalten, mangelndes FAIR PLAY, sondern eine richtig miese Nummer, durch die man seine EHRE einbüßt; wohlgemerkt als Täter, nicht als Opfer. Muss man ja dazusagen.

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SCHERBENGERICHT.

Die alten Griechen, Erfinder der Demokratie, stimmten regelmäßig in geheimer Wahl darüber ab, wer seine Heimat auf zehn Jahre zu verlassen habe. VERBANNUNG für unfähige Politiker.

Zwar nicht enteignet, aber doch entrechtet musste der vom anonymen Votum getroffene Oligarch sich auf ein ganzes Jahrzehnt verpissen. Die Wahlberechtigten ritzten den Namen ihres unbeliebtesten Zeitgenossen in eine Tonscherbe. Der dabei Meistgenannte konnte seine Koffer packen. Eine Anklage oder gar Aussprache fand nicht statt. Dies ist kein leerer Mythos; die Quellenlage ist gut, da tausende dieser Scherben ausgegraben wurden. Anders als bei heutigen Wahlen in Berlin sind die Stimmzettel erhalten.

Eine Volksabstimmung also, jedenfalls für die Stimmbürger, darüber, wer der Mehrheit auf den Keks ging, OSTRAKISMUS genannt, nach den Stimmzetteln auf altem Geschirr, den Scherben. Ich hatte dies hier für die EU-Mitglieder vorgeschlagen und angeregt, sich mit der Schreibweise des Namens VIKTOR ORBAN vertraut zu machen. Mir würden auch noch polnische Namen einfallen, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob ein solches Plebiszit nicht eine DIKTATORISCHE Maßnahme ist, auch wenn die attische Demokratie das anders sah.

Vor allem spricht die VERBANNUNG aber gegen den „Geist des Tages“. Wir haben heute Pfingsten, der Gedenktag der christlichen Kirchengründung, an dem der Heilige Geist über die Jünger kam. Über alle. Auch über die „geistig Armen“. Aber die Verbannung richtete sich ja nicht gegen die Doofen, sondern rächte sich an den Korrupten, deren Machtmissbrauch man beenden wollte. Dazu fallen mir quer durch Europa eine ganze Reihe von Namen ein. Her mit den Scherben!

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FREUNDBILD. AUFGEZWUNGENES.

Wenn ein Staat von seinem Recht Gebrauch macht, einem anderen Staat den Krieg zu erklären, verordnet er ein FEINDBILD. Na gut. Oder vielmehr schlecht. Mich bekümmert aber auch das FREUNDBILD.

Ich bin erwachsen geworden mit einem Krieg der USA gegen Vietnam; ein Krieg nicht in meinem Namen und nicht in meiner Sache. Die Amerikaner haben ihn von den Franzosen übernommen, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Hätte ich deshalb den nordvietnamesischen Staatschef namens Ho Tschi Minh zum FREUND gewonnen und ihn liebevoll „Onkel Ho“ genannt? Ich glaube nicht. Obwohl, bei Che Guevara lief das so. Bedenklich.

Wenn der Begriff des Politischen darin besteht, dass eine Freund-Feind-Beziehung etabliert wird, dann kann man vielleicht nachvollziehen, warum aus einem Nachbarn ein Gegner wurde und dann aus dem Gegner ein Feind. Das rechtfertigt nichts und ist bitter genug. Warum aber gilt dann reziprok, dass der Feind dieses Feindes jetzt, also durch den Krieg, mein Freund ist? Ich frage nach dem AUFGEZWUNGENEN FREUNDBILD.

In der NATO ist dies der berühmte Bündnisfall: Wird ein Partner angegriffen, so werten die anderen Partner das als Angriff auf sich selbst. Darum ist es wohl klug, sehr gründlich zu überlegen, wen man aufnimmt. Das gleiche könnte für die Europäische Union gelten. Man sollte wählerisch sein. Deshalb ein weiterer Gedanke: Könnte man nicht jedes Jahr ein Mitglied des Bündnisses ausschließen? Natürlich nur einstimmig, also, fast einstimmig. Wenn alle anderen Partner sich einig sind, dann fliegt einer raus; sagen wir für ein Jahr. Aus pädagogischen Gründen. Ungarn, zum Beispiel.

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Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun?

Politik als Beruf? Beruf aus Berufung? Tugend der Pflichterfüllung? Unterbezahlt, aber unbeugsam? Was für ein idiotisches Deutschtum.

Da lobe ich mir die angloamerikanische Ansage: We are in it for the money. Wenn es das Amt nicht bringt, so doch die Geschäfte, die man anschließend mit dem Amtsbonus machen kann. In God we trust, the rest pays cash! Es gibt nur zwei „ehrliche“ Motive, die die Triebe der Menschen bestimmen: Sex und Macht. Geld ist das Mittel zu beidem. Alles andere ist protestantische  Staatsethik, sprich Doppelmoral. Punkt. Trotzdem redet die Nation von Skandal, wenn sich Politiker mal selbst belohnen. Am lautesten tönen jene kleinen Geister, die für sich selbst eine „work-life-balance“ fordern, sprich Müßiggang.

Der mögliche Aufstieg von Herrn Pofalla irritiert die Öffentlichkeit. Nach seinem Dienst als Kanzleramtsminister will er nun angeblich Vorstand der Bahn AG werden. Und eine Familie gründen. Ich verstehe das. Herr Pofalla wohnt in Berlin über meiner Stammkneipe. Während ich in tiefer Nacht schon beim zweiten oder dritten Glas Wein bin, kommt der junge Mann nach Hause, schwer bewacht und sicher todmüde. An Samstagen sehe ich ihn manchmal Plastiktüten schleppend vom Einkaufen kommen, begleitet von einer sehr jungen Frau. Jetzt also Beruf und Familie. So geht eine bürgerliche Existenz.

Der mögliche Abstieg von Herrn Asmussen irritiert die Leute auch. Der Mann war immerhin EZB-Direktor und soll jetzt bei Arbeitsministerin Andrea Nahles als Staatssekretär dienen. Das beruhigt die Nation, weil  man dann sicher ist, dass das Haus von Frau Nahles nicht ohne Sachverstand bleibt. Beunruhigend scheint vielen seine Begründung. Er wolle sich stärker seiner Familie widmen. Ich verstehe das. Verglichen mit der Belastung von Spitzenjobs in Industrie und bei Banken sind Beamtenjobs ab der zweiten Reihe eher so, dass man Arbeit und Leben ausbalancieren kann. So kommt man wieder zu einer bürgerlichen Existenz.

Die allgemeine Befindlichkeit ist von dem Phänomen geprägt, dass die Wehleidigkeit der Faulen mit Neid gepaart ist. Niemand von den Durchschnittsverdienern, die einen Siebenstundentag durch eine einstündige Mittagspause mit anschließendem Spaziergang in zwei Hälften teilen, die wiederum durch Kaffee am Morgen und Nachmittagskäffchen geviertelt werden, hat auch nur halbwegs eine Ahnung davon, wie hoch die Belastung an der Spitze von Staat oder Industrie ist. Ja, man kommt nicht mal mehr zum Kinderzeugen.

Ein zweites Phänomen ist die Erwartung, die die „nine-to-fiver“ an Politiker richten. Politiker sollen sich pflichterfüllend für das Amt verzehren.  Pflicht, Du erhabener Name! So ruft der Preuße gen Himmel und ergeht sich in Sekundärtugenden. Angela Merkel hat ihren Erfolg zu einem guten Teil der Tatsache zu verdanken, dass sie genau diese Erwartung zu bedienen weiß. Es geht ihr um Deutschland. Dem entsprechen ihre protestantisch karge Erscheinung und die bitteren Falten um den verkniffenen Mund. Kein Bunga-Bunga, das die Berlusconis dieser Welt auszeichnet, jene Milliardäre, die sich zwischen ihren Geschäften vor Gericht um die Volljährigkeit ihrer Mätressen kümmern müssen. Bei uns werden die Wulffs gerichtet, die selbst in ihren angeblich Sünden so klein sind, dass es beschämt.

Also sagen wir der Nation: Hört auf mit dieser verlogenen Doppelmoral, ihr Kleingeister! Die Helden haben eine Auszeichnung und ein Ausruhen verdient. Die Jungs wollen jetzt Familienglück und Knete auf dem Konto. Was ist daran falsch? Das ist seit den Buddenbrooks das bürgerliche Glück. Das sei ihnen nun wirklich gegönnt. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt! Es war doch klar, dass die Rolle des preußischen Staatsdieners nur vorgespielt war, eine politische Inszenierung, weil der Wähler in deutschen Landen die Wahrheit nicht verträgt. Warum sollte der teutonische Wähler nun seine Naivität gegen jene wenden dürfen, von deren Posen er sich zuvor hat begeistern lassen?

Quelle: starke-meinungen.de