Logbuch

GENERATION Z.

Der Bewerber erscheint in sehr lockerer Freizeitkleidung, was mich weniger irritiert als die weißen Knöpfe in seinen Ohren, die aber, so lerne ich, kompensieren, dass sein Smartphone leise gestellt sei, da er ja im Gespräch. Im Verlauf dessen spricht er dann auch offensichtlich mit einem Anrufer, während er mich anschaut; es verlautet: „Du, kann grad nicht, bin im Business.“ Dann setzt er die Ansprache vermutlich mit mir fort, da er erläutert, warum er 36 Arbeitstage gerne als Urlaub hätte, den er jeweils spontan zu nehmen gedenkt. Weil ja vorher nicht klar, wann das Wetter geeignet.

Ich frage, wie er auf die Zahl kommt. Nun, die hätte man im Öffentlichen Dienst auch, wo seine Freundin tätig sei. Er könne die ja schlecht allein in Urlaub fahren lassen. Das ist wahr. Also stellen wir den Pinsel ein. Er würde gern morgens nicht so ganz früh beginnen und bietet „halbe neun“ an; bereits am ersten Tag erscheint er erst um 09.05 h, weil es mit Parkplätzen im Schatten schwierig war. Echt, in Berlin ist es schwierig einen freien Parkplatz zu finden? Ich nehme das Ende der Debatte vorweg. Es geht nicht nur um den Schatten; er kann zudem nicht rückwärts einparken.

Bei einer anstehenden Literaturrecherche verwechselt er dann eine Bibliothek mit einer Buchhandlung und meldet sich per Handy (siehe oben) von Dussmann; die hätten das Buch nicht vorrätig. Er hat es aber bei „Audible“ bestellt. Da müsse ich (!) dann nicht so elend viel blättern und könne es mir in der U-Bahn vorlesen lassen. Praktisch. Ich habe nicht den Mut zu erwähnen, dass ich nicht U-Bahn fahre. Nicht in Berlin. Nicht im weißen Stöpseln im Ohr. Und nicht mein eigener Hiwi bin.

Wegen des Sommers erörtern wir in der Folgewoche das Institut „Hitzefrei“ unter der Überschrift „Home Office“, weil das Angebot eines Büros mit Klimaanlage ökologisch nicht zu rechtfertigen. Davon würden die Polkappen abschmelzen. Im Zuge der Debatte um schattige Parkplätze, die jeden zweiten Tag wieder aufflammt, erfahre ich, dass er gar keinen Führerschein hat. Wie er dann mit dem PKW ins Office komme (in das vom Business), möchte ich wissen. Nun, seine Freundin, die Beamtin, bringe ihn. Und die sei es auch, die nicht rückwärts fahren könne. Und sie müsse von dort ja auch noch zu Fuß ins Amt kommen. Und er ohnehin pünktlich Schluss machen, weil sie unter dem Baum auf ihn warte, wo sie im Schatten parke.

Man kann in der Probezeit fristgerecht kündigen. Und zwar jederzeit. Ich weiß jetzt, was „work-life-balance“ ist. Alta Schwede.

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HAMLET.

In Berlin nix los. Wie beim ollen Hamlet im Staate Dänemark. Gestern die Sopranistin bei den Symphonikern barfuß auf der Bühne. Gab die Ophelia, Hamlets Geliebte, musikalisch allenfalls mittelmäßig. In der Pause gegangen. Damit Hamlets Empfehlung gefolgt: „Geh in ein Kloster!“ Hamlet, das ist der, der schon mal aus Versehen seine Berater umbringt. Wie der Merz den Schnieder.

Die journalistischen Auguren der Hauptstadt murmeln dunkle Gerüchte um das politische Ende des Friedrich Merz als Kanzler von Schwarz-Rot. Dabei kommt immer wieder der Vergleich zu Angela Merkel, die länger durchgehalten habe. Was war Muttis Geheimnis? Ich habe die Antwort. Die Protestantin aus dem Osten lebte unter der Patronage von Volker Kauder.

Das ist das Geheimnis: Kauder machte Merkel möglich. Immer steht hinter der Lichtgestalt eine dunkle. Franz Müntefering hinter Gerhard Schröder, Herbert Wehner hinter Willy Brandt. Die Rolle sollte Jens Spahn für Merz spielen, aber der fällt aus wg. Mutterschaftsurlaub.

Moment mal. Wehner hat Brandt doch zu stürzen geholfen. Und Münte war weiß Gott nicht Gerds Glück. Stimmt. Achtet auf die dunklen Gestalten, namentlich die Fraktionsvorsitzenden. Wo ist er, der ewige Luca Brasi? Wer macht für Merz diese Dreckarbeit? Der macht die Drecksarbeit selbst? Echt? Dann ist allerdings etwas faul im Staate Dänemark. Tja, das könnte es sein.

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WAS DER DOKTOR SAGT.

Ärzte gelten, wenn Chefs ihrer Krankenanstalt, als Halbgötter in Weiß, was zum Teil dem notorischen Kittel geschuldet und zum Teil der gnadenlosen Hierarchie in Kliniken. Wirkliche Grundlage ist aber die schon religiöse Verehrung durch den Patienten, der Heilung erfährt, eine Wundertat, die ansonsten nur Gottessohn für sich reklamiert. Und natürlich ist man ganz infantil froh, wenn vom Schmerz befreit.

In dieses göttliche Gewerbe ist Konkurrenz eingetreten, unerwünscht und schlecht gelitten. Der Geduldige (das heißt eigentlich Patient) wartet nicht die Diagnose vom Onkel Doktor ab, sondern befragt vorher dessen Kollegen im Internet, Dr. Google. Mit dessen KI-generierter Diagnose sitzt er nun, gänzlich ungeduldig, vor dem Arzt, den er schlecht gelaunt zu belehren gedenkt, wenn der nicht gleich spurt und verordnet, was an Droge gewünscht. Lehrsatz: Es konstituiert sich verdeckt mittels Künstlicher Intelligenz ein normativer Diskurs dazu, was Gesundheit eigentlich ist; das ist nicht nebensächlich.

Ich rede darüber mit einer wirklichen Koryphäe, einem medizinisch wie ethisch hochgebildeten Arzt, der, obwohl sonst sanftmütig, ganz banal Zorn zeigt. Der Doc ist sauer. KI kann nicht heilen, sagt er. Wenn er ans Bett träte, passiere mehr als Stochastik; das ist Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zurecht für die Krückenwissenschaft der Kybernetik gehalten wird. Mir wäre als Patient schon recht, wenn es um mich als Individuum ginge.

Meine Skepsis ist deshalb so groß, weil ich schon als Laie sehe, wie, ich nenne ein Beispiel, in der Propaganda für die Abnehmspritze der Gesundheitsbegriff verschoben wird, um das Lieblingswesen der Pharmaindustrie zu schaffen, den Chroniker. Denn da sind sie von der primitiven Mentalität des Pushers der Drogen-Subkultur; sie schaffen sich sehr gern eine Stammkundschaft, to say the least. Da hilft die Stigmatisierung von Persönlichem als Perversion.

Ich rate zu einer großen empirischen Studie unter dem Titel „Was Doc Google rät“. Freilich nicht um mit den Diagnosen zu hadern, sondern um zu erfahren, was die Leute dort so erfragen. Anamnese. Denn Medizin ist Mentalität. Woran leiden die Menschen wirklich? Natürlich ist das dann ein Parameter der Politik. Deshalb wird sie auch niemand finanzieren wollen, die Studie. So, jetzt übermittle ich Blutdruck, Temperatur und Zucker an mein iPhone und ermittele so, was es zum Frühstück gibt. Echt? Bircher Müsli? Gymnastik? Nein. Full English. Und dann die Spritze.

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Könige und Bettler haben das Recht, unter Brücken zu schlafen

Soziale Gerechtigkeit ist kein Staatsziel. Davon steht auch nichts, rein gar nichts in unserer Verfassung. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist etwas ganz anderes. Nein, es ist nicht Aufgabe der Politik für eine Vergleichbarkeit der Lebensverhältnisse zu sorgen. Nein, es ist nicht erstrebenswert, wenn das soziale Gefälle in einer Gesellschaft von Staats wegen durch Transferkulturen abgebaut wird.

Die Ungleichheit der Menschen ist es, die die Dynamik einer Gesellschaft ausmacht. Diese Ungleichheit in einer nivellierenden Tugenddiktatur aufheben zu wollen, endet in einem Steinzeitkommunismus. Am Ende schlafen dann alle unter Brücken.

Erfolgreiche Gesellschaften sind nicht durch Egalität und Harmonie gekennzeichnet, sondern durch Differenz und Wettbewerb, ja auch durch Neid und Gier. Der Klassenkampf derer, die nach oben wollen, gegen die, die noch oben sind, ist ein Ausdruck demokratischen Lebens. Man muss diese Turbulenzen wollen. Das darf jetzt wieder gesagt werden. Es gibt in der europäischen Politik wieder eine konservative Stimme, die die egalistische „Volksheim“-Idylle der schwedischen Sozialdemokratie durchbricht. Der Bürgermeister von London Boris Johnson formuliert auf seinem Weg an die Spitze der Konservativen kühn Thesen, wie wir sie zuletzt von der Eisernen Lady Thatcher oder dem öligen Spekulanten Gordon Gecko gehört haben. Er ist aber kein ewig Gestriger.

In Fragen der Bildung spricht man vorsichtiger von der Chancengleichheit, da unübersehbar ist, dass die Menschen nicht gleich sind, dass es Begabte und weniger Begabte gibt, so Begabte oder anders Begabte, jedenfalls Geförderte und weniger Geförderte, auch Fleißige und Faule. Das hat politisch nichts mit ethnischen oder genetischen Fragen zu tun, sondern mit dem konkreten Bildungsangebot, etwa der Frage, ob ein Teil des staatlichen Bildungsauftrages auf die Familien zurückgeworfen wird, womit bestimmten Schichten mehr Chancen zuwachsen als anderen. Die Schulpflicht, eine große aufklärerische Errungenschaft, erwächst aus der Erkenntnis, dass die Menschen nicht gleich sind.

Differenz ist das entscheidende Momentum der kulturelen, aber auch der politischen Entwicklung einer Gesellschaft. Konkurrenz ist ihr Lebensprinzip, nicht staatlich verordnete Homogenität. Das bedingt keinesfalls eine liberalistisches Chaos des Marktes. Natürlich kann die Gesellschaft politisch definieren, wie die Rahmenbedingungen auszusehen haben, und zwar dort, wo es um Mindeststandards geht. Weder Könige noch Bettler sollen unter Brücken schlafen müssen. Die Themen sind bekannt: eine Krankenversicherung für jeden Nordamerikaner, Mindestlöhne in Deutschland, Steuerpflicht auch für Unternehmen, Korruptionsbekämpfung auf dem Balkan, durchgesetzte Schulpflicht auch in Neukölln.

Weniger Staat, mehr Wettbewerb, Multikulti und Unternehmertum… Die englische Sozialdemokratie ist fassungslos gegenüber dem neuen Individualismus des Boris Johnson. Vieler ihrer politischen Konzepte stammen aus einer Zeit, in der in einer Fabrikhalle ein durchorganisiertes Kollektiv agierte und in Siedlungen wohnte sowie klassenkonform gewählt wurde. Das neueste ist für sie noch immer der Fürsorgestaat, der bedingungslose Grundeinkommen gewährt, also das Recht und die Pflicht auf Selbstverwirklichung verweigert. Mit diesen Vorstellungswelten erreicht sie nicht mehr die jüngeren Generationen und die dezentralisierte Dienstleistungsgesellschaft. Nachdem New Labour schon im vergangenen Jahrzehnt die Sozialdemokratisierung und Ökologisierung der konservativen Politik wehrlos hat mit ansehen müssen, droht nun die nächste Runde ideologisch verloren zu gehen. Der nächste englische Premierminister jedenfalls wird Boris Johnson heißen. Nur kein Neid. Auf die Frage, ob er den aktuellen Brotpreis kenne, hat er geantwortet: Nein, aber den einer Flasche Champagner.

Quelle: starke-meinungen.de