Logbuch

DOPPELTES LOTTCHEN.

Mein Beruf hat einen Verband. Und da der deutsche Vereinsmeier das nicht ohne Vorstand kann, hat der Verband einen veritablen Vorstand plus, jetzt kommt es, einen Präsidenten. Wir reden von der Deutschen Public Relations Gesellschaft DPRG und ihrem obersten Öffentlichkeitsarbeiter, dessen Namen ich nicht zu nennen brauche, da er gerade zurückgetreten ist. Dazu hat die DPRG eine öffentliche Erklärung abgegeben, die an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist. Offenbarungseid. Avanti dilletanti!

Da steht doch allen Ernstes, dass man zum plötzlichen Rücktritt des Präsidenten und dessen Ersatz durch zwei Vizepräsidentinnen Stillschweigen vereinbart habe. Kein Grund am Abgrund. Ich bin in dem Club nicht Mitglied, will aber sagen, dass der scheidende Präsident was getaugt hat: ein guter, integrer Mann von Format! Er ist rausgemobbt worden durch den sogenannten COMPLIANCE-Beauftragten der DPRG, ein Hanswurst; wie ich mich überzeugen konnte, wegen einer albernen Nichtigkeit. Neid ist das Motiv und Missgunst.

Vorwerfbar war diesem Präsidenten sein Engagement und ein Charakterkopf. Nichts, was auch nur den Hauch einer Vorteilsnahme berechtigt erscheinen ließe. Im Gegenteil. Aber so wie das jetzt gemacht wird, schwelt der Verdacht, dass es um silberne Löffel ginge. Warum wissen das die Trullas nicht, die da jetzt als Doppeltes Lottchen der PR agieren?

Mein Herr Vater, ein Freund der Spruchweisheiten, wies oft darauf hin, dass Schuster abgelaufene Absätze hätten und Schneider zu kurze Hosen. Die DPRG kann kein PR.

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LEBENSWELTEN.

Messebesuch auf der INTERSOLAR in München-Riem, wo früher der Flughafen war. Die Hallen rammelvoll mit Besuchern aus allen Ländern, vor allem aber Asiens, junge Leute, vorwiegend männlichen Geschlechts. Die Aussteller durchgehend mittelständischen Zuschnitts. Messestände ausnahmslos so groß wie Pommesbuden.

Ein Gewerbe bildet sich rund um die Photovoltaik, man spricht nur noch von PV; die Kleinteiligkeit überrascht mich. Gewusel. Hersteller mit einem Produkt. Industrie ging früher anders. Darunter fast verloren die große Siemens, übrigens mit dem Vortrag eines deutschen Diplom Ingenieurs in katastrophal radebrechendem Englisch. Deutscher Veränderungsverlierer. Typischer die jungen Männer Asiens, leger gekleidet, in hektischer Ambition. Wer noch die Hannoveraner Industriemesse kannte, sieht wie das ganze Milieu in die Horizontale verrutscht ist.

Ich habe das Gefühl einer Marginalisierung deutscher Industrie, was technikhistorisch ganz sachlich zutrifft und nur zeigt, dass wir nicht mehr Zentrum der Industrialisierung sind. Ohne jedes nationale Sentiment ist das so. Übernachtung dann in der Nähe von Ingolstadt in einem Landgasthaus aus dem 17. Jahrhundert. Die Taferngerechtigkeit wurde, so eine Urkunde, 1624 bestätigt, was das Brau- und Brennrecht an die Taverne (Tafern) band, also unabhängig von der feudalen Herrschaft machte. Bauern wurden Bürger und lösten den Adel ab.

Klosternaher Betrieb. Die Ruhe des Landlebens längst der Donau beeindruckt. Aber da war doch was. Irgendwo hier hatte die ESSO eine stattliche Raffinerie. Ganz in der Nähe fertigt AUDI. Und das Laufwasserkraftwerk, lese ich, gehört der UNIPER, die die Ruhrgas groß gemacht hat. Öl und Gas und Vorsprung durch Technik. Von alldem verrät die gepflegte Gastlichkeit wenig. Man vermarktet hier die ländliche Idylle einer anderen Zeit. Nostalgie wird unsere Lebenswelt beherrschen. Ich fürchte fürderhin Furchtbares.

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VATER STAAT.

Was man von Vater und Mutter zu halten habe, das hängt sehr stark davon ab, wie man seine eigene Kindheit erlebt hat. In diesem Satz liegt nicht allzu viel Weisheit. Und doch geht er mir durch den Kopf, als ich den Artikel 1 des Grundgesetzes mal wieder lese. Das ist nämlich von keinem gütigen Vater die Rede, schon eher von mütterlichen Tugenden.

Unsere Verfassung (und das ist das Grundgesetz, die Verfassung des Gemeinwesens) spricht eingangs ganz ausdrücklich von „staatlicher Gewalt“; nicht von der Harmonie einer heiligen Familie. Der Staat ist hier ein Gewalttätiger, wenn nicht gar ein Gewalttäter, dem Verpflichtungen auferlegt werden. Das Grundgesetz zügelt die Rechte des Staates, nicht die der Bürger. Das entspricht der Erfahrung, die die Eltern dieses Grundgesetzes mit dem Vorgängerstaat hatten.

Der hatte einen Weltkrieg vom Zaune gebrochen, der ganze Völker dahinraffte. Mein Herr Vater hat es immer so empfunden, einer Generation angehört zu haben, die diesen Irrsinn nur zufällig überlebt hatte. Ich bin Kind eines historischen Zufalls; das verpflichtet, dem Säbelrasseln nicht mit Hurra zu begegnen.
So legt die Verfassung die staatliche Gewalt an die Fessel, dass sie in erster Linie die Menschenwürde zu achten und zu pflegen habe. Meine, die von meinen Leuten, dann die der Nachbarn, schließlich die von Fremden.

Der Staat tritt den Menschen gewaltsam entgegen, wenn er sie „zieht“ oder in den Knast steckt, eigentlich schon, wenn er jeden Monat die Hälfte vom Verdienst abhaben will. Daher erschien er den Alten als Ungeheuer („Leviathan“). Dieses Erlebnis ist manchen meiner stets behüteten Zeitgenossen erstmals untergekommen, als die staatliche Gewalt eine Seuche zu bekämpfen hatte. Auch mich hat man infiziert, mit allem möglichen Zeugs geimpft und dabei mit Hausarrest belegt und ich war empört, bin darüber aber nicht hysterisch geworden. Das ist bei anderen offensichtlich anders.

Nie hatte ich aber das Gefühl, dass in erster Linie Papa Staat für meine Daseinsfürsorge zuständig sei; ich komme aus einer Kultur, die da eigenes Bemühen, Schweiß und Arbeit, in der Pflicht sah. Und wo die nicht reichen, Solidarsysteme, zu denen man sich frühzeitig entschließen sollte. Noch immer zahle ich in die gesetzliche Krankenkasse mehr ein, als ich von ihr in Anspruch nehme; und ich hoffe, dass das fürderhin auch ein schlechtes Geschäft bleibt.

Soviel also an ernsthaften Überlegungen zum amerikanischen Vatertag, an dem ich im Netz kluge Worte von Ex-Präsident Obama lese; ich glaube, der hat seine Vaterpflichten, wie so viele von uns, der Mutter seiner Kinder überlassen müssen. Schöner Satz für eine Verfassung: Der Staat sollte nicht Vater sein, sondern Mutter.

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So geht Wirtschaftspolitik: von der Entlassung in die Freiheit

Der Staat ist dazu da, dass er sich zurückhält, nachdem er sich ins Zeug gelegt hat. Beides, eins nach dem anderen. Er sorgt für Infrastruktur, aber nicht für Steuerung der Bürger. Fürsorge ist Diktatur, Infrastruktur Freiheit. Politik soll mir nicht sagen, was ich tun soll. Sie soll aktiv ermöglichen, dass möglichst alle tun können, was sie tun wollen. Ich will Wege, Brücken, Straßen, aber nicht gesagt kriegen, wo ich hingehen soll. Das ist doch mal eine Vision! Dazu könnte ich mich in Hitze reden.

Aber wir leben in lauwarmen Zeiten. Früher war nicht nur mehr Lametta, es war auch noch richtig Wetter.  Es war entweder kackig kalt oder brütend heiß, Jahreszeiten genannt. Es gab Visionen. Die von der weißen Weihnacht oder die von unbegrenzter Freiheit, in der man auf einer Harley mit nacktem Oberkörper die Highway runterraste. Born to be wild.

Die Visionen sind alle. Aus den Ruf nach Freiheit ist das Verwalten des Freiheitlichen geworden. Oder  Versuche der Tugenddiktatur. Zurück in den Mief der Nachkriegszeit. Die Politik verspricht immer seltener wirklichen Fortschritt. Das liegt am Basiseffekt, an der Frage, wo man herkommt. Eine glückliche Geschichte macht Sprünge. Sensationen bestehen in Brüchen. Wo es keinen Willen zu Revolutionen mehr gibt, zieht die Gemütlichkeit ein.

Zu berichten ist von einer politischen Einrichtung in dem kleinen baltischen Staat Estland. Ein liebenswertes Bonsailand an der östlichen Ostsee, zwei Fährstunden gegenüber von Helsinki, Anrainer von Herrn Putin, ehemals Heimat der Schwarzhäupter, sprich der Hanse und anderer deutscher Raubritter. Der berühmte Kotzbue lebte hier, man sprach deutsch, wurde im Laufe der Geschichte gleich mehrmals russifiziert und ist nun wieder estnisch.

Ein kleines Land, das der Hitler-Stalin-Pakt den Sowjets zugeschoben hat, ein Volk mit gerupfter Vergangenheit. Vieles gefällt mir hier auch heutzutage nicht, der rassistische Umgang mit der russischen Bevölkerungsgruppe allem voran. Man versteht schon, warum auf einer Müllhalde hinter den Heimatmuseum die gestürzten Statuen von Stalin und Konsorten liegen. In der Verschrottung der alten Denkmäler schüttelt ein Volk jene Herren ab, unter deren Diktatur man allzu lange gelitten hat.

Aber nicht tadeln wollten wir, sondern preisen. Was begeistert? Nun, schon im Bus der touristischen Stadtführung, einem Uraltgefährt von MAN mit deutschsprachigen Verbotsschildern, entdecke ich, dass der klapprige Bus einen eigenen WLAN-Anschluss bietet. Gratis. Im Hotel, im Restaurant, im Hafen, auf den Friedhof…man entrinnt in einem Land, das dünner besiedelt ist als Meck-Pomm, nicht den kostenlosen WiFi-Angeboten.

Die von Stalin hinterlassenen Kupferdrähte der KGB-Telefone waren so schlecht, dass die estnische Wirtschaftspolitik schon vor Jahren beschlossen hat, mit einem Sprung ins Internetzeitalter zu springen. Und das richtig. Es gibt einen gesetzlichen Anspruch aller Bürger auf freien Internetzugang an jedem Ort, zu jeder Zeit, zu keinen Kosten…Und wer kein iPhone besitzt, der mag eine die öffentlichen Einrichtungen zum Surfen nutzen, an jeder Straßenecke.

So springt man vom Ende der Welt, vom dunklen Ende der Welt mitten die hell erleuchtete Globalität. Wirtschaftspolitik als Infrastrukturleistung: ein sperriger Begriff, aber ein großartiges Konzept. Das Land ist nicht nur vernetzt, es funktioniert bargeldlos. Wer an der Sushi-Bude oder dem Hisburger-Stand Cash rausholt, hält die Förderung auf. Meinen Parkplatz zahle ich mit dem Handy. Die volkswirtschaftlichen Kostenersparnisse müssen gewaltig sein. Durch einen wirtschaftspolitisch mutigen Federstrich sprießt der Fortschritt. Born to be wild. Alle Metropolen in jedem Dorf. Alles Dinge, für die sich in Berlin Kai D. einen Bart stehen lässt.

Quelle: starke-meinungen.de