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POWER LUNCH.

Das gemeine Volk ging früher, als man noch in die Firma ging, mittags in die Kantine. Und die höheren Ränge entwichen in edle Restaurants. Das war eine Ertragssäule für die Edelköche. Fini, aus der Traum.

Wenn ich in London Geschäfte abzuschließen hatte, buchte ich mittags das PIED A TERRE, ein Laden mit französischer Küche, die ein Grieche kocht, und der einem Iren gehört. Stramme Preise. PIED A TERRE heißt übrigens "Fuß am Boden" und meint ein Appartement in der großen Stadt, das man gelegentlich nutzt (also nicht gerade dann, wenn man in Begleitung der eigenen Ehefrau ist); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Das Mittagessen auf Geschäftskosten wurde aus Rechtfertigungsgründe nicht einfach "business lunch" genannt, sondern hieß in der City bei den city boys POWER LUNCH. Na ja.

Alle Restaurationen liebten es; jammert mir ein Restaurantbesitzer vor: "100 per cent corporate, 100 per cent male, 100 per cent grand" (zu Deutsch: immer dicke Rechnung von Männern auf Firmenkosten). Das ist vorbei. Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste ist biologisch, der zweite kulturell. Beginnen wir mit der Biologie. Die Covid-Pest hat die Geschäfte in Video-Konferenzen verdrängt. Man isst nicht mehr im Fuß-am-Boden, sondern weilt auf ZOOM, wo nicht diniert wird, sondern Powerpoint-Unsinn vorgetragen. Schaler Wortwitz: statt Powerhouse Lunch jetzt Powerpoint Lunch. Selbst in Bentley's Oyster Bar & Grill. Paaah.

Zweiter Todesstoß. Der amerikanische Calvinismus, der die Geschäftswelt verseucht. Ein Geschäftsessen in Paris dauerte immer drei Stunden. Über Rom oder Mailand rede ich gar nicht. In Zürich geht man nach dem Essen erst gar nicht mehr ins Kontor, wie man hier sagt. Mir erzählt ein Freund, der von einer französischen Bank zu einem holländischen Institut gewechselt ist, dass dort zum Zwölf Uhr der Kühlschrank der winzigen Kaffeeküche geöffnet wurde und zum Mineralwasser abgepackten Sandwichs an die Konferenzteilnehmer verteilt. Vorwiegend vegan belegt, also gar nicht.

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INSIDER.

Nur keine Überraschungen. Das ist das interne Motto jener, die nach außen SENSATIONEN zu verkaufen suchen. Ich habe manchmal ehrliches Mitleid mit Journalisten. Wenn die schlauer tun müssen, als sie sein können.

In einem Weltkonzern ereignet sich ein plötzlicher und für viele unerwarteter Führungswechsel. Das kann passieren, wenn die tatsächliche Lage nicht dem Bild entspricht, das LINKED-IN und TWITTER davon gezeichnet haben. Dafür fehlt den Internet-Helden jedes Gespür. Weil sie das Lob im Netz für das Leben halten. Und nun das; die Überraschung ist perfekt. Und wir, das staunende Publikum, erwarten jetzt, dass uns INSIDER erklären, was wirklich passiert ist. Der überraschte Journalist wird in seinen literarischen Fähigkeiten gefordert; insbesondere weil er diesmal nicht den Eindruck erwecken kann, dass er die Lage herbeigeschrieben hat.

Jetzt taucht ein ganzes Ensemble von Nebelwesen in der Presse auf. Sogenannte INSIDER, die nicht namentlich genannt werden wollen. Anonyme Zeugen. Man liest von QUELLEN („scources“), die nah am Geschehen sind. Der FLURFUNK wird zitiert; im Englischen “hallwayradio“ genannt. Paaah! Man muss bei Informanten immer vorsichtig sein, weil sie stets ein drittes Interesse haben. Bei diesen Nebelwesen aber kann man getrost davon ausgehen, dass sie frei erfunden sind. Die große Stunde der Vogelschauer. Ein Kabarett der Auspizien.

Im alten Rom gab es AUGUREN, die die Zukunft voraussagten, indem sie den Vogelflug oder die Eingeweide von Opfertieren untersuchen. Der weise Cato, genannt der Ältere, pflegte zu fragen: „Warum lächelt der Vogelschauer, wenn er einen anderen trifft?“ Eigentlich grinsen die sich vertraut an, die Herren Wahrsager. Na, weil sie beide wissen, dass sie frei fabulieren. Und trotzdem damit durchkommen.

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NARRENFREIHEIT.

Am Morgen nach dem Christopher Street Day frühmorgens um sieben in der U-Bahn unter jenen Touristen, die gestern zum Feiern kamen und kein Hotel buchten, weil es durchgehend gehen sollte. Alter Schwede.

Ich respektiere, dass eine fortgesetzte Diskriminierung von privatem Verhalten öffentlich kritisiert wird, nachdem der Staat einen Strafanspruch gegen deviantes Verhalten endlich aufgegeben hat und die sexuelle Präferenz den privaten Freiheiten überlässt, wo er nun wirklich sein Recht verloren hat.

Wer hat das gesagt: „Ich will, dass es all das gibt, was es gibt.“ Ich respektiere, dass Gesetze an die neue Freiheit angepasst werden, also zum Beispiel gleichgeschlechtliche Paare Elternschaft vereinbaren können. Nur das Kindeswohl hat zu zählen. Richtig. Und ich respektiere die Demonstrationsfreiheit sowie das Recht auf Party, dem Berlin so weit nachkommt, dass es die Freizügigkeit der Anwohner erheblich einschränkt. Wer Karneval erlaubt, hat eh jede Präzedenz geschaffen; wozu in Berlin auch andere Drogen als nur Alkohol gehören. Man ist hier nüchtern und hetero in einer gefühlten Minderheit. Und als ebensolcher Anwohner ein unfreiwilliger Gastgeber. Tag wie Nacht.

Und ich bin nachsichtig, was das Phänomen der ÜBERKOMPENSATION betrifft. Die straffrei gestellte Devianz im privaten Verhalten will auch öffentliche Geltung; sie gerät notorisch in der Aufmerksamkeitsökonomie an den Rand des Erträglichen. Geschenkt. Als Anwalt des Gleichmuts plädiere ich auf Narrenfreiheit. Auch für die Partytouristen aus Paderborn, die mit den ungewohnten Drogen zweifelhafter Qualität ihrer Gesundheit zu Leibe gerückt sind.

Aber, liebe Paderborner, liebe Sigmaringen, nehmt Euch bitte ein Zimmer mit Bad, wenn Ihr das nächste Mal in die große Stadt kommt. Mit Bad. Bitte.

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So geht Wirtschaftspolitik: von der Entlassung in die Freiheit

Der Staat ist dazu da, dass er sich zurückhält, nachdem er sich ins Zeug gelegt hat. Beides, eins nach dem anderen. Er sorgt für Infrastruktur, aber nicht für Steuerung der Bürger. Fürsorge ist Diktatur, Infrastruktur Freiheit. Politik soll mir nicht sagen, was ich tun soll. Sie soll aktiv ermöglichen, dass möglichst alle tun können, was sie tun wollen. Ich will Wege, Brücken, Straßen, aber nicht gesagt kriegen, wo ich hingehen soll. Das ist doch mal eine Vision! Dazu könnte ich mich in Hitze reden.

Aber wir leben in lauwarmen Zeiten. Früher war nicht nur mehr Lametta, es war auch noch richtig Wetter.  Es war entweder kackig kalt oder brütend heiß, Jahreszeiten genannt. Es gab Visionen. Die von der weißen Weihnacht oder die von unbegrenzter Freiheit, in der man auf einer Harley mit nacktem Oberkörper die Highway runterraste. Born to be wild.

Die Visionen sind alle. Aus den Ruf nach Freiheit ist das Verwalten des Freiheitlichen geworden. Oder  Versuche der Tugenddiktatur. Zurück in den Mief der Nachkriegszeit. Die Politik verspricht immer seltener wirklichen Fortschritt. Das liegt am Basiseffekt, an der Frage, wo man herkommt. Eine glückliche Geschichte macht Sprünge. Sensationen bestehen in Brüchen. Wo es keinen Willen zu Revolutionen mehr gibt, zieht die Gemütlichkeit ein.

Zu berichten ist von einer politischen Einrichtung in dem kleinen baltischen Staat Estland. Ein liebenswertes Bonsailand an der östlichen Ostsee, zwei Fährstunden gegenüber von Helsinki, Anrainer von Herrn Putin, ehemals Heimat der Schwarzhäupter, sprich der Hanse und anderer deutscher Raubritter. Der berühmte Kotzbue lebte hier, man sprach deutsch, wurde im Laufe der Geschichte gleich mehrmals russifiziert und ist nun wieder estnisch.

Ein kleines Land, das der Hitler-Stalin-Pakt den Sowjets zugeschoben hat, ein Volk mit gerupfter Vergangenheit. Vieles gefällt mir hier auch heutzutage nicht, der rassistische Umgang mit der russischen Bevölkerungsgruppe allem voran. Man versteht schon, warum auf einer Müllhalde hinter den Heimatmuseum die gestürzten Statuen von Stalin und Konsorten liegen. In der Verschrottung der alten Denkmäler schüttelt ein Volk jene Herren ab, unter deren Diktatur man allzu lange gelitten hat.

Aber nicht tadeln wollten wir, sondern preisen. Was begeistert? Nun, schon im Bus der touristischen Stadtführung, einem Uraltgefährt von MAN mit deutschsprachigen Verbotsschildern, entdecke ich, dass der klapprige Bus einen eigenen WLAN-Anschluss bietet. Gratis. Im Hotel, im Restaurant, im Hafen, auf den Friedhof…man entrinnt in einem Land, das dünner besiedelt ist als Meck-Pomm, nicht den kostenlosen WiFi-Angeboten.

Die von Stalin hinterlassenen Kupferdrähte der KGB-Telefone waren so schlecht, dass die estnische Wirtschaftspolitik schon vor Jahren beschlossen hat, mit einem Sprung ins Internetzeitalter zu springen. Und das richtig. Es gibt einen gesetzlichen Anspruch aller Bürger auf freien Internetzugang an jedem Ort, zu jeder Zeit, zu keinen Kosten…Und wer kein iPhone besitzt, der mag eine die öffentlichen Einrichtungen zum Surfen nutzen, an jeder Straßenecke.

So springt man vom Ende der Welt, vom dunklen Ende der Welt mitten die hell erleuchtete Globalität. Wirtschaftspolitik als Infrastrukturleistung: ein sperriger Begriff, aber ein großartiges Konzept. Das Land ist nicht nur vernetzt, es funktioniert bargeldlos. Wer an der Sushi-Bude oder dem Hisburger-Stand Cash rausholt, hält die Förderung auf. Meinen Parkplatz zahle ich mit dem Handy. Die volkswirtschaftlichen Kostenersparnisse müssen gewaltig sein. Durch einen wirtschaftspolitisch mutigen Federstrich sprießt der Fortschritt. Born to be wild. Alle Metropolen in jedem Dorf. Alles Dinge, für die sich in Berlin Kai D. einen Bart stehen lässt.

Quelle: starke-meinungen.de