Logbuch

FINGERFOOD.

Wie kann es Unklarheit darüber geben, wieviel Hände der Mensch so gemeinhin hat? Nicht auf sich, sondern an sich. Bei den Veranstaltern von Stehempfängen scheint es da aber kühne Erwartungen zu geben, jedenfalls wenn es an die Verköstigung geht. Man baut auf eine eigene Artistik der zu Fütternden. Die rechte Hand ist durch eine Sektflöte belegt oder das gemeine Weinglas. Bleibt die Linke für‘s Linkische.

Ein kleines Schüsselchen mit Kartoffelpü und einem Lauch, bedeckt von einem Bratenstück, dazu eine Kuchengabel. Das Fleisch nicht zu zerteilen, der Lauch zäh wie Galanterieware, während das zu weiche Pü über den Rand geht und die Krawatte ziert. Das Kunststück war nur möglich, weil die Nachbarin solange das Glas hielt. Dann halte ich ihres, während sie sich einsaut.

Einfacher die Languste im Bierteig an einem Bambusstab, in Honigsauce süßsauer. Während das Böff aus der ersten Übung ausgekühlt war, hatte der Tempuramantel die Fritösentemperatur wunderbar gehalten. Schweineheiss, Blase am Gaumen, Zunge verbrannt. Zum Pü auf dem Binder jetzt auch noch ein Tropfen Honig. Der Gast süßsauer.

Ich will Sandwiches, Stullen kleinerer Art, zu deutsch Schnittchen. Vielleicht noch Buletten. Vor mir aus nennt es Canapés, solange es Schnittchen sind. Kleine Butterbrote. Was zum Teufel ist daran schwer?

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KATERSTIMMUNG.

Einen Kater haben, ohne dass Party war: welch eine banale Frustration. Ich bin zum Gähnen zu müde. Das politische Personal der Mitte steht rum, gleich einer Versammlung von Trotteln, notorisch ohne Fortune. Ich mag diese abgeschmackte Mittelmäßigkeit nicht mehr sehen. Schaltet ihn ab, den Scholzomaten, bitte Stecker raus.

Die politische Landschaft gleicht einem erloschenen Vulkan: Die Ränder sind gestärkt, in der Mitte klafft ein Loch. Die Rechtsradikalen verdoppeln sich; auch die Linksradikalen überraschend stark (das Lafontainsche Abenteuer mit seiner privaten Kommunistin erstaunlich gut überlebt). Aber aus der Mitte des Vulkans keine Lava, nur der schlechte Atem einer schlappen Union, die sich von den Restsozen stützen lassen muss. Kein Feuer im Vulkan; es riecht aus dem Schlund eher nach Sickergrube.

Man könnte frohlocken, dass der grüngraiche Alptraum beendet und die Trauzeugen bald wieder Hartz-Vier-Aufstocker sind, aber so einfach ist das nicht. Erstens haben die Grünen, wenn man sie am Staatsterror hindert, einen programmatischen Punkt; zweitens sehe ich hinter Fritze Merz die Idealen Schwiegersöhne der Union noch immer hoffnungsfroh auf ihre grünen Bräute schauen. Noch hat es sich nicht ausgebärbockt.

Zwei Details, die mir persönlich beachtlich scheinen. Im Westerwald, meiner ländlichen Heimat, ist eine fleißige und sympathische Direktkandidatin der SPD dem Trend zum Opfer gefallen; schade. In meiner Metropole Berlin hat die AfD es in einem Wahlkreis zur stärksten Kraft geschafft; böse. Und ein Drittes: Dass das Ergebnis der FDP von mickrigen 5% (plus x) im amtlichen Endergebnis auf 4,3% runterkorrigiert werden musste, blamiert mich als Demoskopen. Kater ohne Party. Auf Entzug.

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DAS WUNDER DER WURZELN.

Vom Haus der Bundespressekonferenz schlendre ich im streikgelähmten Berlin rüber zur Charité und halte kurz inne am Karlplatz; nicht wegen des Arztes Virchow, der hier brav in Sandstein steht. Eine kleine Tafel verweist auf den dortigen Baumbestand und Bert Brecht, der über die Pappel Anfang der fünfziger Jahre schrieb:

„Eine Pappel steht am Karlsplatz

Mitten in der Trümmerstadt Berlin

Und wenn Leute gehn übern Karlsplatz

Sehen sie ihr freundlich Grün.

 

In dem Winter sechsundvierzig

Fror’n die Menschen, und das Holz war rar

Und es fielen da viele Bäume

Und es wurd ihr letztes Jahr.

 

Doch die Pappel dort am Karlsplatz

Zeigt uns heute noch ihr grünes Blatt:

Seid bedankt, Anwohner vom Karlsplatz

Dass man sie noch immer hat!“

Brecht hat sein bescheidenes Gedicht „Kinderlied“ genannt; das war aber nur zur Täuschung der Zensur. Hier ist böser Spott über die DDR-Diktatur und ihren „Bitterfelder Weg“, der schließlich bitter endete. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Hinter der dichterischen Freiheit, die aus dem profanen Karlplatz den edlen Karlsplatz machte, liegt die hässliche Wirklichkeit, dass die Pappeln immer wieder abgehauen wurden, noch in den Siebzigern; aber stets neu austrieben. Kein Verdienst der Baumschulen, die sich dessen rühmen, sondern eines gewaltigen Wurzelwerkes. Bäume prahlen mit ihren Kronen, leben aber von ihren Wurzeln.

Wer untertage mächtig, kann übertage zur Sonne streben. Der Gedanke hätte Brecht gefallen. Habe ich bei Luther geklaut. Von wegen Apokalypse und Apfelbaum. An der Charité angekommen, denke ich daran, dass der große BB hier verstarb. Nicht ohne Wurzeln zu hinterlassen.

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All-in-one! So geht heute Volkspartei!

Was der FC Bayern im Fußball, das ist die CSU in der Politik: schlicht und einfach unschlagbar. Wir haben im Westen nicht mehr viele Volksparteien, schon gar keine modernen. Die CSU hat sich darin aber wiedergefunden. Ein New Deal der Ideologiefreiheit, Politik als Wunschkonzert. Nicht der amerikanische Mythos JFK beschreibt, was künftig in der Politik hält, sondern der bayrische Mythos FJS. Synthetische Identität: Mir san mir. Das ist bitter für alle Preußen, die den Schweinsnacken und seine Amigos gehasst haben, wahr ist es doch.

Der CSU-Parteitag hat jetzt neben einem FJS-Adepten, dem Seehofer Horst (95,3 Prozent), als Vizeparteichef jemanden gewählt, der weder zum Programm noch zur Bundespolitik, vielleicht nicht mal zur Verfassung passt, den Gauweiler Peter (79,1 Prozent). Rechtsanwalt Gauweiler MdB bekämpft die Europapolitik der Bundesregierung nicht nur als Abgeordneter im Parlament, sondern auch bei allen erreichbaren Gerichten. Gauweiler wird, so das Kalkül, bei der Europawahl die Anhänger der AfD zur CSU zurückholen.

Noch im Sommer sah ich ihn, als er vor seiner Kanzlei in München seinen Wagen bestieg. Auf der anderen Straßenseite ist das wirklich empfehlenswerte Tobacco, das eine schmale Reihe an Tischen und Stühlen auf den Gehsteig stellt. Cocktailgestützt grüße ich den alten Bekannten und auf vortreffliche Weise windigen Anwalt, der mit dem Wunsch antwortet, wir mögen doch einen für ihn mittrinken, er habe leider zu tun. Solchem Begehren kann man sich ja nicht widersetzen. Der Manhattan ist dort vorzüglich.

Gauweiler kann das große Spiel in den höchsten Gerichten, und er spielt den Volkstribun so überzeugend, mit soviel Lust, dass es eine Freude ist. Letzteres sagt man auch der Aigner Ilse nach, die Berlin in Richtung München verlassen hat, um für den Horst die Dirndln, den weiblichen Teil der dortigen Wählerschaft, zu bewerben. Seehofer hat der Bayerin das Wirtschaftsressort angedreht, damit  sich die Autodidaktin in Sacharbeit vergraben muss, während er den Franken Söder als Schießhund von der Kette lässt. So gibt man als Landesvater jedem Tierchen sein Pläsierchen, Katzen und Hunden Futter.

Da braucht es dann nur noch einen fremdenfeindlichen Ton, etwa den der Strafzölle für Ausländer, die es wagen, mit ihren Dreckskarren unsere Autobahnen zu verstellen. Peter Ramsauer wurde dieserhalben ebenfalls als Parteivize erkoren (86,4 Prozent). Das Konzept der postpolitischen Volkspartei heißt: all-in-one. Warum in die Ferne schweifen, das Glück ist doch so nah. Oder in den Worten des Märklin-Freundes Seehofer, Besitzer einer stolzen absoluten Mehrheit: Die Opposition, das bin jetzt halt auch ich.

Darin stimmt Merkels Nachfolgerin Julia Klöckner ein. Sie glaubt, dass das Mitgliedervotum Gabriel erledigen wird. Wörtlich im Interview mit der fabelhaften Ulrike Ruppel: „Beim Mitgliederentscheid geht es eigentlich um eine andere Frage (als den Vertrag für die Große Koalition): Soll die Parteiführung bleiben oder nicht? Denn wenn der Vertrag abgelehnt wird, wird sich die SPD-Führung kaum im Amt halten lassen.“ (BZ, 24.11.13, S. 7) Das ist für jemanden, der sich als „kommende Frau in der CDU“ und künftige Kanzlerin feiern lässt, kühn. Und grundfalsch.

Gabriel kann scheitern, weil er nicht kann, was Seehofer kann. Ja. Aber die SPD ist nicht die CSU. Gabriel hat es als Parteivorsitzender geschafft, das elende Mittelmanagement  seiner Partei, diese denkfaulen und fußlahmen Truppen der beamteten Funktionäre, in der Partei auszuschalten und mit einem Brandtschen Anspruch von innerparteilicher Demokratie an die eigene Mitgliedschaft zu gehen. Das mag machttaktisch für diese Koalition schiefgehen, aber als Parteivorsitzender gehört er heute schon an die Spitze einer langen Reihe hervorragender Persönlichkeiten einer 150jährigen Geschichte. Die Sozis lernen gerade, ihn zu lieben.

Was ist daran aus Bürgersicht falsch, dass wir, die Bürger, gefragt werden? Wie kann man Volksbegehren befürworten, aber gegen Mitgliederbefragungen sein? Sie sind die Chance, dass wieder zu Politik wird, was die Leute wirklich denken. Sie sind die Chance, dass das, was Seehofer synthetisch versucht, faktisch wird: Meinungsvielfalt ohne die Filter der Funktionäre. Die Grünen waren eine solche Partei und verspielen dies gerade; nach der Koalition in Hessen sind sie endgültig reif zur Spaltung. Die SPD könnte zur inneren Demokratie zurückkommen. Ob dann die CDU-Chefin Klöckner mit dem wiedererstarkten FDP-Chef Lindner eine schwarz-gelbe Mehrheit hat, das werden wir ja sehen. Wie war das noch mit dem Ananaszüchten in der Antarktis?

Quelle: starke-meinungen.de