Logbuch
VOLKSGEMEINSCHAFT, DIE ZWEITE.
Ein thüringischer Turnlehrer hatte im Internet mal vier Stunden Zeit zu erklären, wes Geistes Kind er ist. Das fand ich eher hilfreich; die Empörung darüber, dass er sich überhaupt äußern durfte, teile ich nicht. Der Mann lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Vertreter der Neuen Rechten ist. Man lernt deren Irrsinn kennen.
Der Turnlehrer denkt alles und jedes wahnhaft völkisch; dabei muss er vieles, was ihm als gesundes deutsches Wesen wahnhaft vorschwebt, im Mystischen lassen, aber dieses Gesinnungsproblem mit dem Arischen hatten die historischen Nationalsozialisten auch. Man will eine arische Volksgemeinschaft und verlangt die Remigration aller Fremden. Warum diese Inzucht alle Probleme lösen würde, weiß man begrifflich klar nicht zu sagen. Nicht mal die Trivialmythen überzeugen. Menschenhass klingt durch.
Es herrscht eine Leitvorstellung von einem Staatsvolk, die im rassistischen Sinne völkisch ist, sprich schon im Ansatz nicht versteht, was ein Staatsbürger ist und eine repräsentative Demokratie westlicher Prägung. Diese wahnhafte Vorstellung vom Segen einer inzüchtigen Volksgemeinschaft hat auch den italienischen und deutschen Faschismus des vorigen Jahrhunderts geprägt. Ob man daraus jetzt Beschimpfungen ableiten sollte, weiß ich nicht.
Den Rechtsstaat stellt der Turnlehrer aktuell in Frage, gelegentlich den Staat überhaupt; das ist nicht verfassungskonform. Was er fürderhin wirtschaftspolitisch will, bleibt im Dunklen. Ich stimme ihm schon in der Vorstellung eines reinrassigen Staatsvolkes nicht zu; das atmet Diktatur irrationalster Güte. Den wähle ich nicht. Mit dem ginge ich keine Koalition ein. Den mache ich nicht wichtig. Keine weitere Aufregung.
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DIE DOMINANTE HAND.
Ich glaube, dass der Herrgott mit Linkshänder etwas besonderes vorhat, was er uns aber selbstverständlich nicht verrät. Sie sind insgeheim gesegnet. Ein Sonderfall sind übertrainierte Pianisten, aber dazu kommen wir erst am Schluss dieses Eintrags.
In England habe ich bei einem Kurs zur Dinneretikette gelernt, dass man die messerführende Hand dominant nennt und die gabelbewährte „nondominant“; eigentlich müsste sie subdominant heißen. Die Gabel wird übrigens immer mit den Zinken nach unten geführt; es sei keine Schaufel, sagte der Benimm-Experte. Das gälte auch bei „peas“. Bei einer nicht zu verzeihenden Abwesenheit von Hummerbesteck dürfe die Kuchengabel an dem Schalentier zur Anwendung kommen, nachdem die Scheren barhändig gebrochen wurden. Ich habe im Borchardt auch schon Schweizermesser im Einsatz gesehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die subdominante Hand hat lediglich Haltefunktion, während die dominante Kraftakte vollbringt oder Kunstfertigkeiten. Das Schreiben gilt als eine solche Kulturtechnik, die vorwiegend rechts vollführt wird; was angesichts des Tinteverwischens des vermeintlich tölpelnden Linkshänders verständlich ist, wenn nicht gar vererbt dominante Kulturtechnik. Die Handschrift selbst hat eine so individuelle Ausprägung, dass sie nicht nur Identifikation zulässt, sondern sogar als Charakterspiegel gilt. Ich erinnere mich eines Paukers, der seinen Schülern die Sauklaue (Zitat) austreiben wollte. Bei der Menschwerdung des Affen spielt das Manuskript („mit der Hand geschrieben“) eine große Rolle.
Früher lernten künftige Sekretärinnen das 10-Finger-Blind-Tippen; begnadet, wer das am PC noch kann und wie eine Maschine in das Gerät klappert. Heute sehe ich Kids auf dem iPhone blitzschnell mit beiden Daumen simultan schreiben; eine Fertigkeit, die ich biologisch gar nicht habe. Ohnehin ein Mysterium, weil ich als notorischer Rechtshänder meine Glossen mit dem linken Zeigefinger ins Smartphone tippe. Ich vermute, ich bin ein umadressierter Linkshänder. Meiner Frau Mama waren rigorose Dinge zuzutrauen, wenn sie sie als Fürsorge verstand.
Die Hände sollen unterschiedliche Gehirnhälften adressieren, lese ich. Die zu ganz unterschiedlichen Dingen gut seien. Jetzt frage ich mich, ob ich auf unterschiedliche Hirne zurückgreife, je nachdem ob ich mit links oder mit rechts schreibe. Wenn ich das zu Ende denke, könnte ich als klinisch Schizophrener in der Klapse landen. Also, Mozart war Linkshänder. Und Freimaurer. Und spinnert. Das könnte man auch mal zu Ende denken.
Jetzt zu den beidhändig virtuosen Klavierspielern. Der Bruder des Philosophen Wittgenstein, ein leidenschaftlicher Pianist, hat seine zeitgenössischen Komponisten aufgefordert, mehr Stücke für einarmige Pianisten zu komponieren. Er hatte den anderen im Krieg verloren. Da stellen sich die Fragen der Etikette dann ganz anders.
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BLACK OUT & WHITE IN.
Man sagt Elektrikern ja nach, dass sie einen Kurzen haben, dafür aber eine lange Leitung. Solcher Spott hängt damit zusammen, dass Strom noch immer eine Geheimwissenschaft. Alles, was mit „Watt Ihr volt“ zusammenhängt, bleibt dem Laien ein Mysterium. Gelernt haben wir freilich, dass man das Licht nicht brennen lässt und die Fenster brav schließt, um nicht den Garten zu heizen. Man verschwendet keine Energie. Sie ist kostbar, weil ein besonderes Geschenk von Mutter Natur. Darum ist es eigentlich auch nicht schlecht, wenn die Preise das widerspiegeln. Sonst droht der „black out“!
So weit, so gut. Strom wird an Börsen gehandelt. Zum Beispiel der von morgen, den ich heute kaufen kann, damit ich ihn morgen kriege. Während die Dieselpreise an der Tanke durch die Decke gehen, Dank Dir Donald, ist der Strom für den Verbraucher nicht nur preiswert, sondern umsonst, wenn nicht sogar mit einer Prämie versehen. White in. Wir hatten gerade negative Strompreise von fast 50 Cent pro Kilowattstunde. Das heißt, wer jetzt das Licht anlässt, kriegt noch Geld oben drauf. Der Markt reflektiert eine schwache Nachfrage bei zu viel Sonne und sehr gutem Wind. Strom, den kein Mensch braucht.
Ein Industriestrompreis von 10 Cent / kWh gilt als günstig, 5 Cent ein Traum, 15 wäre auch noch machbar. Aber das sind Kosten; der Käufer zahlt das. Wie beim ALDI; ich kriege meine Ware und zahle an der Kasse den Preis. Normal. Wovon wir hier und heute reden, das sind Prämien, die jeder kriegt, wenn er jetzt kauft. Für Noppes; und noch mal 50 Cent / kWh Cash inne Täsch, als Prämie obendrauf. Wem das als irre erscheint, der ist halt nicht vom Fach. Siehe oben: Kurzen & lange Leitung.
Wenn ich jetzt sage, der Markt funktioniert, dann verstehen mich noch die Anhänger der FDP, also niemand. Wenn ich sage, Katherina Reiche hat Recht, stimmt mir noch die halbe CDU zu, also 12%. Mit der AfD rede ich nicht. Die SPD frage ich lieber erst gar nicht, weil wir dann über eine klammheimliche Verstaatlichung der Energiewirtschaft sprächen. Ich spreche darüber lieber mit den Grünen, die schon immer gesagt haben, die Energiewende kostet nur eine Kugel Eis. Jürgen, alter KBW-Genosse aus Göttingen, Du Visionär: Und es gibt zum Eis noch richtig Knete obendrauf. So geht Aufschwung. Da macht der Kommunismus Spaß.
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Informanten und bestimmte Tanten
Die Dame neben mir sagt: „Da kreuzt dieser Ficker doch tatsächlich auf und wir haben einen Schnappschuss von ihm!“ Sie hatte ihrer Freundin erzählt, wie sie in Begleitung eines Pressefotografen einen Abend im Vorgarten einer jungen Frau verbracht hatte, die ein Verhältnis mit einem Abgeordneten hatte.
Das war noch bei „News of the World“, einem Blatt des umstrittenen Verlegers Rupert Murdoch. Und sie erzählt noch gleich die andere Geschichte von der verheirateten Frau, die mit dem Fernsehmoderator fickte: „ …that woman shagging a married television celebrity.“ Diese Geschichten habe sie ergattert, weil sie die Telefone der Betroffenen abgehört habe („hacking their mobiles“). Der Wortlaut der Damen ist hier aus dokumentarischen Gründen korrekt wiedergegeben.
Meine Begleitung spricht kein Englisch, ist aber neugierig. Ich darf also alles, was man vom Nachbartisch hört, brav eins zu eins übersetzen. Reizwörter wiederholt sie laut mit unverkennbarem Akzent. „Echt, shagging heißt….“. Ich komme in eine gewisse Verlegenheit, weil ich fürchte, dass so herauskommt, dass wir lauschen und das Abgelauschte dann auch noch ins Deutsche übertragen. Man möchte als „Hunne“ im Land der guten Manieren ja nicht unangenehm auffallen und auch noch auf die Straße gesetzt werden. Man hat mit der Vorgabe „Don’t mention the war!“ ohnehin genug zu tun. Ich meine, nach der Erfahrung des Blitzkrieges verstehe ich, dass uns die Briten abhören. Alles andere wäre an deren Stelle ja geradezu fahrlässig.
Die Ladies tratschen weiter. Sie betreiben einen sehr erfolgreichen Blog. Früher war aber mehr los. In der Redaktion hätten früher Alkoholexzesse zur wiederholten Erfahrung gehört („the old school Fleet Street routine of binge drinking as an extreme sport“). Jetzt stehe aber praktisch jeder auf Kokain, stellt die eine erleichtert fest. Dann falle es auch leichter, bei einem Einbruch, mal was mitgehen zu lassen. Und in die Mailbox-Nachrichten von Promis habe sich ja mittlerweile jeder Volontär einwählen können. Kleinvieh. Susie glaubt, dass sie unter den Reportern sicherlich ein Fuchs war, betont aber mit noch lauterer Stimme, dass das alles nur einem Zweck diente: der Enthüllung der Wahrheit. Man sei eigentlich whistleblower. Ich übersetze mit Flötenbläser.
Wir sitzen auf unfreiwilligem Horchposten in einem sehr gut besuchten Restaurant in der Nähe von Londons Schlachthöfen, dem St John (sprich: „Zinn Dschen“). Die Tische stehen eng beieinander. Man brüllt sich, von den Drinks beseelt und der Lautstärke des Saals getrieben, allenthalben an. Man isst Knochenmark mit langen Löffeln auf Beinknochen. Wir können gar nicht vermeiden, Zeuge des Gesprächs der beiden Damen zu werden, die die Scheidung der einen von einem Herrn namens „Twatface“ feiern. Die englische Boulevardpresse war noch nie zimperlich, und diese beiden Journalistinnen, dem Tonfall nach der mittelenglischen Arbeiterklasse entstammend, sind es am allerwenigsten. Ihre Stimmen, ohnehin immer eine halbe Oktave zu hoch, gehen vom Kreischen ins Grunzen.
Das Abhören der Handys Prominenter („phone hacking scandal“) ist aufgearbeitet, eines der Blätter, das es besonders übel getrieben hat, eingestellt, das Land ringt mit rigideren Pressegesetzen. Meine Begleitung fragt mich, teutonisch wie sie ist, ob etwa die Journalisten vom Guardian auch aus solchem Holz seien. Sie ist besorgt wegen der gewaltigen Datenmengen, die der Verräter Snowden in die Hände der Journaille getrieben hat. Ich korrigiere mit großem Ernst: Ein Whistleblower ist kein Verräter und Journalisten keine Kanaillen. „Klar“, sagt sie und deutet mit dem Kopf auf die Fleet Street Füchse am Nachbartisch.
Wir reden unter uns beiden Deutschländern über Bettina Wulff, die ein Jackie-Kennedy-Syndrom hatte und aus Christian Wulff einen JFK machen wollte. Meine Begleitung äußert sich kritisch über die Aktionen der BILD-Chefredaktion in diesem Zusammenhang. Auch das weise ich zurück. „Wenn ein Blatt vom Staatsoberhaupt am Telefon derart zurecht- gewiesen wird, kann das Blatt sich nur für die Pressefreiheit und gegen den Präsidenten entscheiden.“ In der letzten Woche habe ich den ehemaligen Pressesprecher von Wulff in einem Brauhaus in Hannover gesehen, getarnt durch einen Vollbart, aber doch erkennbar blass um die Nase. Er tuschelte in einer dunklen Ecke mit einem Strafverteidiger, einem der besten der Stadt.
Susie beschwert sich am Nachbartisch, dass es bei der Polizei nicht mehr ein „tenner“ tue (zehn englische Pfund), sondern immer ein Blowjob nötig sei, was nicht nur mühsam sei, sondern auch noch das halbe Make Up ruiniere. Mein Begleitung verlangt nach einer Übersetzung. Jetzt ist ein Zustand der Konversation erreicht, der es für mich angezeigt sein lässt, nach der Rechnung zu verlangen. Durch den Hof hinaus auf die Straße eilend, entzünde ich mir eine Zigarette, atme durch und sinniere, warum mir nicht wohler ist, seit die geheimen Daten nicht mehr bei den Diensten Ihrer Majestät sind, sondern bei den Dienerinnen von Herr Murdoch.
Quelle: starke-meinungen.de