Logbuch
WERTE & NORMEN.
Die Wähler haben sich programmatisch entschieden. Nach ihrem weltanschaulichen Zuschnitt, im Sinne dessen, was sie normativ erwarten. Das hat die Pandemie ihnen nun auch wirklich abgefordert, ein klares Bekenntnis dazu, wes Geistes Kind sie sind und wem sie das Gemeinwesen anzuvertrauen wollen. Bei dem Grünen Kretschmann half das Motto „Sie kennen mich.“ Er räumt ein, dies bei Merkel gestohlen zu haben. Und bei der Sozialdemokratin Dreyer, die sich ihrer Freundschaft zum grinsenden Schlumpf Scholz rühmt, griff das Motto: „Wir mit ihr.“ Erinnert mich an den historischen Wahlkampf, den Altmeister Bodo Hombach für Johannes Rau in NRW gemacht hat; Motto: „Wir in NRW.“ Für alle Kandidaten in PRÄSIDIALEN WAHLKÄMPFEN gilt, sie müssen AUTHENTISCH sein. Bloße Chiffren helfen da nicht. Der Charakter des Politikers steht für wünschenswerte Visionen, eine historische Mission, ein bestimmtes Verständnis vom Gemeinwohl. Winfried also und Malu. Götterdämmerung für Angela, höre ich, die sich gerade entzaubere. Ich gönne allen, die gekämpft haben, ihren Wahlsieg; und jenen, die verloren haben, die Niederlage. Aber Werte und Normen? Ist das so? Es marschiert mit uns eine neue Zeit? Warum nur habe ich bei all dem einen so schalen Nachgeschmack?
Logbuch
SCHIZZO.
Ich treffe vor einer Geschlossenen Abteilung eines Kreiskrankenhauses auf einen vollkommen übermüdeten Oberarzt, der eine kubanische Zigarre „auf Lunge“ raucht. Gehörte früher auch zu meinen Angewohnheiten, wenn es des Whiskys eindeutig zu viel war. Anlass zu einem Plausch über COHIBA, so heißen die Dinger, und das wunderbare Venengift Nikotin. Wir mögen uns, er gerät ins Plaudern. Man weiß bis heute nicht, was Schizophrenie ist, außer einem Wort unter dem man einen ganzen Strauß von massiven „disorders“ zusammengefasst hat. Die Wissenschaft findet eine klare Ursache („eineindeutig“) nicht, nicht mal in den Genen, auch nicht in „homologen“ Biographien. Aber es werden von vielen Ärzten viele Rezepte geschrieben, allein in den USA für 15 Milliarden Dollar im Jahr, Opiate für jedermann eingeschlossen. Er meint, das sei wie mit der Diagnose „Fieber“ im 19. Jahrhundert, eigentlich nur eine Verlegenheitsdiagnose; Fieber sei eine unspezifische Reaktion auf diverse Ursachen. Ich bin fasziniert über das, was er „umkehrbar eindeutig“ oder „eineindeutig“ nennt; wenn aus A nicht nur B folgt, sondern aus B auch A. Die Psychiatrie, sagt er mir, habe es nicht mit Mathematik, sondern mit Menschen zu tun, und der Mensch sei aus viel zu krummen Holz... Das ist von KANT und ich kann angeben... Der Zigarrenduft hat mich noch lange begleitet, Suchtgedächtnis.
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Der BILD-Chef strauchelt. Da handeln seine Kollegen bei anderen Blättern nach dem Motto: „Strauchelnde nicht stützen, sondern stoßen!“ So zynisch ist JOURNALISMUS. Ich will jetzt erwähnen, dass ich Julian R. was schulde. Er hat mein komplettes Uni-Seminar zu sich in die Redaktion eingeladen und uns sehr zuvorkommend behandelt. Ein BILDUNGSERLEBNIS für die Studentinnen und Studenten; hätte er nicht gemusst, hat er aber gemacht. Klasse! Nach dem Termin im Treppenhaus bittet er drei Kommilitoninnen, die den dort rumpelnden Paternoster zu meiden suchen, zu sich in die Aufzugskabine. Ich scherze noch, dass ich schon immer mal mit dem SPRINGER-Aufzug nach unten wollte (ein „in-joke“), als er die mitreisenden Damen ermuntert, sich bei ihm um ein Praktikum zu bewerben. Und ich denke: „Loses Mundwerk, gefällt mir, nicht schlecht!“ Die Episode war nett und ohne jede Peinlichkeit; ich war ja dabei. Aber, denke ich heute, mit den Augen des Teufels betrachtet... Mir imponiert nicht, wie zurzeit die Kollegen des BOULEVARD-CHEFS aus anderen Redaktionen ihn, den Strauchelnden, noch stoßen. Und dann erinnere ich mich noch an einen Abend im BORCHARDT, als er mit dem amtierenden Bundesaußenminister am Nachbartisch saß und es nicht er war, der devot die Demutsgesten absonderte. Heiko, genannt DER ANZUG, versuchte sich darin. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Übrigens war die Presseerklärung von SPRINGER zur Suspendierung des Julian R. von EDDA FELS herausgegeben; eine geschätzte Kollegin meiner Profession, eine Pressesprecherin, die auf diesem Stuhl bei Springer mindestens zwanzig, wenn nicht fünfundzwanzig Jahre sitzen muss. Fels in der Brandung.
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Informanten und bestimmte Tanten
Die Dame neben mir sagt: „Da kreuzt dieser Ficker doch tatsächlich auf und wir haben einen Schnappschuss von ihm!“ Sie hatte ihrer Freundin erzählt, wie sie in Begleitung eines Pressefotografen einen Abend im Vorgarten einer jungen Frau verbracht hatte, die ein Verhältnis mit einem Abgeordneten hatte.
Das war noch bei „News of the World“, einem Blatt des umstrittenen Verlegers Rupert Murdoch. Und sie erzählt noch gleich die andere Geschichte von der verheirateten Frau, die mit dem Fernsehmoderator fickte: „ …that woman shagging a married television celebrity.“ Diese Geschichten habe sie ergattert, weil sie die Telefone der Betroffenen abgehört habe („hacking their mobiles“). Der Wortlaut der Damen ist hier aus dokumentarischen Gründen korrekt wiedergegeben.
Meine Begleitung spricht kein Englisch, ist aber neugierig. Ich darf also alles, was man vom Nachbartisch hört, brav eins zu eins übersetzen. Reizwörter wiederholt sie laut mit unverkennbarem Akzent. „Echt, shagging heißt….“. Ich komme in eine gewisse Verlegenheit, weil ich fürchte, dass so herauskommt, dass wir lauschen und das Abgelauschte dann auch noch ins Deutsche übertragen. Man möchte als „Hunne“ im Land der guten Manieren ja nicht unangenehm auffallen und auch noch auf die Straße gesetzt werden. Man hat mit der Vorgabe „Don’t mention the war!“ ohnehin genug zu tun. Ich meine, nach der Erfahrung des Blitzkrieges verstehe ich, dass uns die Briten abhören. Alles andere wäre an deren Stelle ja geradezu fahrlässig.
Die Ladies tratschen weiter. Sie betreiben einen sehr erfolgreichen Blog. Früher war aber mehr los. In der Redaktion hätten früher Alkoholexzesse zur wiederholten Erfahrung gehört („the old school Fleet Street routine of binge drinking as an extreme sport“). Jetzt stehe aber praktisch jeder auf Kokain, stellt die eine erleichtert fest. Dann falle es auch leichter, bei einem Einbruch, mal was mitgehen zu lassen. Und in die Mailbox-Nachrichten von Promis habe sich ja mittlerweile jeder Volontär einwählen können. Kleinvieh. Susie glaubt, dass sie unter den Reportern sicherlich ein Fuchs war, betont aber mit noch lauterer Stimme, dass das alles nur einem Zweck diente: der Enthüllung der Wahrheit. Man sei eigentlich whistleblower. Ich übersetze mit Flötenbläser.
Wir sitzen auf unfreiwilligem Horchposten in einem sehr gut besuchten Restaurant in der Nähe von Londons Schlachthöfen, dem St John (sprich: „Zinn Dschen“). Die Tische stehen eng beieinander. Man brüllt sich, von den Drinks beseelt und der Lautstärke des Saals getrieben, allenthalben an. Man isst Knochenmark mit langen Löffeln auf Beinknochen. Wir können gar nicht vermeiden, Zeuge des Gesprächs der beiden Damen zu werden, die die Scheidung der einen von einem Herrn namens „Twatface“ feiern. Die englische Boulevardpresse war noch nie zimperlich, und diese beiden Journalistinnen, dem Tonfall nach der mittelenglischen Arbeiterklasse entstammend, sind es am allerwenigsten. Ihre Stimmen, ohnehin immer eine halbe Oktave zu hoch, gehen vom Kreischen ins Grunzen.
Das Abhören der Handys Prominenter („phone hacking scandal“) ist aufgearbeitet, eines der Blätter, das es besonders übel getrieben hat, eingestellt, das Land ringt mit rigideren Pressegesetzen. Meine Begleitung fragt mich, teutonisch wie sie ist, ob etwa die Journalisten vom Guardian auch aus solchem Holz seien. Sie ist besorgt wegen der gewaltigen Datenmengen, die der Verräter Snowden in die Hände der Journaille getrieben hat. Ich korrigiere mit großem Ernst: Ein Whistleblower ist kein Verräter und Journalisten keine Kanaillen. „Klar“, sagt sie und deutet mit dem Kopf auf die Fleet Street Füchse am Nachbartisch.
Wir reden unter uns beiden Deutschländern über Bettina Wulff, die ein Jackie-Kennedy-Syndrom hatte und aus Christian Wulff einen JFK machen wollte. Meine Begleitung äußert sich kritisch über die Aktionen der BILD-Chefredaktion in diesem Zusammenhang. Auch das weise ich zurück. „Wenn ein Blatt vom Staatsoberhaupt am Telefon derart zurecht- gewiesen wird, kann das Blatt sich nur für die Pressefreiheit und gegen den Präsidenten entscheiden.“ In der letzten Woche habe ich den ehemaligen Pressesprecher von Wulff in einem Brauhaus in Hannover gesehen, getarnt durch einen Vollbart, aber doch erkennbar blass um die Nase. Er tuschelte in einer dunklen Ecke mit einem Strafverteidiger, einem der besten der Stadt.
Susie beschwert sich am Nachbartisch, dass es bei der Polizei nicht mehr ein „tenner“ tue (zehn englische Pfund), sondern immer ein Blowjob nötig sei, was nicht nur mühsam sei, sondern auch noch das halbe Make Up ruiniere. Mein Begleitung verlangt nach einer Übersetzung. Jetzt ist ein Zustand der Konversation erreicht, der es für mich angezeigt sein lässt, nach der Rechnung zu verlangen. Durch den Hof hinaus auf die Straße eilend, entzünde ich mir eine Zigarette, atme durch und sinniere, warum mir nicht wohler ist, seit die geheimen Daten nicht mehr bei den Diensten Ihrer Majestät sind, sondern bei den Dienerinnen von Herr Murdoch.
Quelle: starke-meinungen.de