Logbuch
RHETORIK.
Die Redekunst hat bei den Unbeholfenen einen schlechten Ruf; man unterstellt ihr, ein unzulässiges Mittel zur Beeinflussung zu sein. Sie gilt als Raffinesse von Betrügern; man hält sie nicht für authentisch. Das mag sein. Die gefährlichste Rhetorik ist freilich jene, die sich selbst leugnet und als ungekünzelt daherkommt.
Jüngst hat mir sehr zu denken gegeben, wie rechtspopulistische Politiker in den USA bei öffentlichen Anhörungen Universitätspräsidentinnen vorführten. Die Spektabilitäten sollten auf eine rabiat gestellte Frage mit JA ODER NEIN antworten. Und verunglückten mit dem Satz „It depends“, was als moralischer Relativismus gelesen wurde.
Eine Falle, dünnes Eis, sehr dünnes. Reden wir also über BINARISMUS, das ist eine rigorose ALTERNATIVE, die keine dritte Variante duldet. Jede Relativierung wird als „Ausflüchte“ gewertet, als eine Feigheit vor der Wahrheit, als flexibler Normalismus. Sprich Charakterlosigkeit.
Das Lehrbuch schreibt für solche Fälle als Antwort vor: „You might well ask so, but I can‘t possibly comment, as I reject the underlying binary assumptions of your question.“ Zu gut deutsch: „Eine falsch gestellte Frage ist auch durch eine richtige Antwort nicht zu heilen.“ Aber das beendet ja keinen Streit, sondern eskaliert ihn.
Der alte Graf Lambsdorff selig hat im Bundestag mal eine Aufforderung mit JA ODER NEIN zu antworten, mit der Gegenfrage zurückgewiesen: „Stimmt es, dass Sie seit zwei Wochen ihre Frau nicht mehr schlagen? Antworten Sie bitte mit JA ODER NEIN!“ Gelächter, vermerkte das Protokoll.
„Ich teile nicht die Ihrer Frage zugrundeliegenden Annahmen!“ Im praktischen Leben kann diese Verweigerung vor der binären Falle schwierig werden, zumal in hitzigen Gefechten. Der Gegner hält ein Stöckchen hin und will, dass man springt. Wer springt, stürzt. Hier habe ich ein Rezept besonderer Art: SCHWEIGEN. Wie das englische Königshaus es in besseren Tagen gehalten hat: „Never comment, never complain.“
Man muss sich von dem Vorurteil befreien, dass wer schweigt, dadurch zustimmt (Qui tacet consentire videtur). Die Älteren unter uns erinnern sich an das Interview mit dem Boxer Norbert Grupe in der Sportschau vor einem halben Jahrhundert, noch immer legendär. Er lächelte und schwieg. Ein glatter K.O.-Sieg.
Logbuch
HOTEL MAMA.
Ob der Dichter FRANZ KAFKA ein glücklicher Mensch war, daran gibt es berechtigten Zweifel. Den hegt jeder, der sein Werk kennt. Mir ist jetzt ein Detail aus seinem Leben aufgefallen, dass zu diesem Unglück einen eigenen Zugang schafft. Kafka hatte nur ein Durchgangszimmer.
Er war fast ein ganzes Leben ein MUTTERSÖHNCHEN, dem eine Ehe nicht vergönnt war. Als er am Ende seiner knappen Tage unter dem mütterlichen Rock hervorkommt und von der elterlichen Wohnung in Prag nach Berlin zieht, ist er schon todkrank und bedarf der Pflege durch seine dort gefundene Frau. Kafka war ein MAMMONE, wie der Italiener, der sich in Fragen des Matriarchats auskennt, sagt.
Sein Durchgangszimmer lag zwischen dem Wohnzimmer der großen und lebendigen Familie (er beschwert sich öffentlich über den LÄRM der Verwandtenbesuche) und dem Schlafzimmer der Eltern (wie gesagt, in einer hellhörigen Wohnung). Dazwischen sitzt er am Tisch und versucht nächtens zu schreiben. Der ihm verhasste Vater wird uns als vitaler und viraler Mann geschildert. Da sitzt er also fest, der Dichter, in einer Innenarchitektur, die sich ÖDIPALER nicht denken lässt.
Ich will das literarische Werk des großen Franz Kafka nicht schmälern und bin eigentlich gegen solche biografischen Zugänge, aber das hat sich mir doch eingebrannt, während ich durch die Ausstellung in der Berliner STABI zu dem Familienalbum der Kafkas wandere.
Vielleicht wäre ja Gregor Samsa, der junge ledige Mann, der noch bei seinen Eltern wohnte, wie es heißt, kein Käfer geworden, der verschollene Protagonist Karl Roßmann auf seiner Reise nach AMERIKA glücklich geworden und hätte HERR K. gar seinen PROZESS gewonnen, hätte ihr Schöpfer ein eigenes Zimmer gehabt.
Der Gedanke ist nicht so beiläufig, wie er scheint.
Logbuch
STAMMESÄLTESTE.
Putin nimmt Botox, fürchte ich. Nicht, dass allein das gegen ihn spräche. Aber, Genosse Generalsekretär, man sieht inzwischen unter der jugendlichen Strahlkraft das Alter. Menschlich, allzu menschlich, wenn man das auch bei einem absoluten Herrscher sagen darf.
Das Alter soll man eigentlich ehren. Ich gehöre ja mittlerweile zu den Nutznießern einer solchen Einstellung, die graues Haar (oder die schüttere Glatze) mit Respekt behandelt. Nun gut. Aber dass Greise das Sagen haben, darüber würde ich gerne noch mal reden wollen. Eine Betrachtung zur Tradition des Stammesältesten.
Viele Weisheiten zum Wesen des Lebens habe ich von einem Berliner Chirurgen, der wie alle Medizinmänner schnörkellos denkt. Mit vierzig Lenzen, sagt er, sei man biologisch aus der Pflicht. Man hat dann Kindern das Leben geschenkt, ist also generationstechnisch mit der Erhaltung der Art durch. Große Skeptiker warten vielleicht noch ab, ob es zu Enkeln kommt. Das war es dann aber auch, was das Leben angeht. Der Rest ist Hobby. Oder die Gnade und Gunst des HERRN.
Als Zeichen der Hochkultur gilt anschließend, dass die auf dem Altenteil noch einen Platz auf der Ofenbank kriegen, täglich einen Teller warmer Suppe und ab und an ein freundliches Wort. Aber das Sagen? Die Alten an die Macht? So hielten es wohl die Herrschaftshäuser des Adels und die primitiv genannten Stammeskulturen. Aber macht das kognitiv Sinn? Ich blicke auf Joe Biden, wie er in staksigem Schritt ans Mikro tippelt und dann nicht mehr weiß, was er sagen wollte. Dieser Großvater ist der Hegemon und rettet uns vor einem erneuten Präsidenten Trump? Ich habe Zweifel.
Ohnehin kann man hinterfragen, warum die Natur die Gebärfähigkeit zeitig beendet, während die Samenproduktion noch Jahrzehnte anhält. Das Privileg der Böcke ist doch, mal abgesehen vom Biologischen, ein Institut des Patriarchats! Durch Unsinnsdrogen wie Viagra wird diese biologische Überlänge noch illusorisch erweitert. Unselige Peinlichkeiten des ewigen Machos sind die Folge.
Trump soll gerade in einer Rede Biden mit Obama verwechselt haben. Der war schon nicht helle, als er noch in Saft und Kraft stand. Die Demenz kommt schleichend. Von Ronald Reagan erzählt man sich, dass er im Alter nicht mehr zwischen Erinnerungen an wirkliches Erleben und Filmszenen aus seiner Schauspielerkarriere unterscheiden konnte. Das gefällt mir beruflich als Konstruktivist, ist aber, wenn es um Krieg oder Frieden geht, kein Trost.
Ich mach es mal drastisch: Wir kommen in Windeln ins Leben und gehen, wenn wir Glück haben, auch so. Das Sagen sollte den Lebensaltern dazwischen vorbehalten sein.
Logbuch
Vom Ende der Politik: Wenn die Ossis wie die Ösis regieren
Nichts ist von sich aus ein Politikum. Zum Politikum wird eine gemeine Frage dadurch gemacht, dass man sie übertreibt und damit als strittig und schließlich als entscheidungsbedürftig darstellt. Man kann nicht für oder gegen den Mond sein oder Haferschleim; deshalb ist der Mond auch kein Politikum. Haferschleim kann ein Politikum werden, wenn er beispielsweise am Veggie-Day im Rahmen grüner Zwangsernährung statt der verdammungswürdigen Eier mit Speck verabreicht wird. Wenn eine Tugenddiktatur entscheidet, dass Massentierhaltung ein Verbrechen ist und die Zivilisation bedroht, so dass der Bürger in die Grütze gehört, dann ist Porridge plötzlich ein Politikum.
Eine Sache zum Gegenstand von Politik machen zu wollen, heißt für Demokraten, sie in den Worten der Schweizer „vor das Volk zu bringen“, sprich einer Entscheidung des Souveräns anheimzustellen. Zu diesem Zweck kann man sie nicht als leidenschaftslose Melange von allerlei Vor- und mancherlei Nachteilen darstellen. Die anstehende Frage ist zu radikalisieren in eine Alternative, die man mit Ja oder Nein zu entscheiden bereit ist. Politik heißt, den Wähler vor Alternativen zu stellen. Haferschleim oder Schwein? Du bist, was Du isst. Öko oder Sau? Schwarz oder weiß, kein Larifari in den Tönen des Grau. Oft habe ich damit mit Johannes Rau, dem ersten Groß-Genie des Ungefähren, gestritten, dem das Versöhnen so am Herzen lag, mir das Spalten.
Jede Politisierung übertreibt einen Abwägungstatbestand so, dass er als Alternative nach einer Entscheidung schreit. Der Frage, ob das von der Sache her immer angemessen ist, mag man nachgehen in den Hörsälen und Redaktionsstuben; in den Parlamenten und draußen auf den Marktplätzen muss man auf einen groben Klotz einen groben Keil setzen können. Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf. Politik polarisiert. Dazu braucht es Mut, vielleicht sogar eine gewisse Kühnheit oder gar Draufgängertum. Politik ist kein Beruf für Warmduscher und Oberbedenkenträger.
Politik steht immer und überall im Generalverdacht, das Volk in die Grütze zu schicken. Volksverführung ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der Wähler weiß das. Der Inhaber meines italienischen Restaurants erzählt mir, er habe seinen kalabresischen Koch gefragt, was er gewählt habe. Berlusconi, war die Antwort. Ein Verbrecher, weißt Du das nicht? Doch, na klar, aber er redet so schön. Niemand stellt ernsthafterweise einen Wahrhaftigkeitsanspruch an Politik. Trotzdem gibt die Kaste der Politiker ein Wahrheitsversprechen. Wahrhaftigkeit ist nicht das gleiche wie Wahrheiten, und selbst davon stimmt nur die Hälfte, ein Fünftel ist schlicht gelogen. Und so beginnt das Spiel, in dem wir sie beim Lügen erwischen wollen und nach Hause schicken. Sie versuchen, sich nicht erwischen zu lassen.
Die auf Zeit verliehene Macht kontrollieren Parlament, Medien, Öffentlichkeit. Sie politisieren auch jene Politik, die sich als alternativlos inszeniert und so der Kontrolle zu entziehen versucht. Im Parlament fällt die Aufgabe der Machtkontrolle eigentlich allen Abgeordneten zu, die ja jeder nur ihrem Gewissen verantwortlich sind, vor allem aber der Opposition. Eine große Koalition, die eine überbordende Mehrheit der Parlamentarier zu Unterstützungstruppen der Regierung degradiert, pervertiert das parlamentarische Konzept. Wenn der schleimige Ost-Anwalt Gysi und die trübe Pfarrersgattin aus Thüringen die Opposition sind, kann die Regierung ruhig schlafen.
Quelle: starke-meinungen.de