Logbuch

PECH UND SCHWEFEL.

Gestern war NIKOLAUS. Da taucht bei uns ein türkischer Lümmel mit einem Schornsteinfeger namens Ruprecht als Amazonbote auf und wirft Pakete ab. Kaum in der Stube verweist der Bärtige darauf, dass er der WEIHNACHTSMANN sei und auf die Pronomen „er / sein“ höre. Der Schornsteinfeger hat es nicht so mit den Pronomen, sondern dem Pech, dass ihm als Ruß das Antlitz verfärbe, weshalb seine Firma in Holland als „zwarte piet“ firmiere. Pechschwarz.

Da sind wir mitten im Minenfeld der „political correctness“ oder des „woken“. Es bedarf der Aufklärung. Beginnen wir mit den Pronomen. Ich darf mich dazu äußern, weil ich vor Professor Roland Harweg („Pronomina und Textkonstitution“) im Gebiete der Linguistik ein Rigorosum mit „summa cum laude“ abgelegt habe und in Unterschied zu der allpräsenten Dame aus Hannover („Praktische PR“) weiß, wovon ich rede. Das Possessivpronomen heißt nicht „er/sein“, sondern, jedenfalls an der Ruhr, „ihm/sein“. So fängt es mal an: Ihm sein Pronomen war schon falsch. Ihm sein Fehler.

Dann hat es schon Martin Luther nicht gefallen, dass ein gelernter Heide aus Anatolien für die Beschenkung zuständig wurde, der vorgenannte Santa Claus. Nicht nur, weil dessen Gehilfe aus dem Schornstein nun wirklich kein Vorbild für die Dekarbonisierung war, so von Ruß und Pech gekennzeichnet. Vor allem weil er, Luther, den Götzendienst zu verachten fand, der vom 24.12. ablenkt. Dem ihm seine Idee war daraufhin, dass es ein CHRISTKIND gebe, dass für den Amazontag zuständig sei. Das Christkind beschert unter‘m Baum. Richtig?

Grammatisch ist das (!) Christkind ein Neutrum („es / sein“), geschlechtlich ein Maskulinum, da „Gottes Sohn“ oder der der Maria (wenn auch nicht des Josef, was eine andere Geschichte ist). In allen bildlichen Darstellungen erscheint der Bengel aber eher als feminin, jedenfalls blondgelockt („sie / ihr“). Watt denn nun?
Die Variante eines Hermaphroditen verwerfe ich als gotteslästerlich. Unzweifelhaft ist danach aber die Frage berechtigt, welche Pronomina man sich für sich wünsche.

Bleibt nur noch der Komplex um den Emissionsbeauftragten und seine Identität. Wenn dessen Kollege demnächst wieder bei uns auftaucht (wir heizen auf dem Land mit Buchenholz), werde ich ihn fragen, ob er als Schornsteinfeger gelesen werden möchte. Ich bin auf dem ihm seine Antwort gespannt.

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BITCOINS, DER ZIRKUS PONZI UND ICH.

Es gibt nicht viele Dinge in des Herrgotts buntem Zoo, von denen ich sagen müsste, dass ich sie schlicht gar nicht verstehe. Vielleicht ist das die ureigenste Arroganz meiner Klasse, dass man über alles zu schwätzen weiß. Aber von BITCOINS, da verstehe ich rein gar nichts. Was mich skeptisch macht. Ich vermute nämlich, dass dieser Umstand der Sache selbst geschuldet ist. Es gibt Dinge, die so irre sind, dass man darüber eigentlich den Verstand verlieren müsste. Reden wir also über Kryptowährungen.

In meiner Jugend galt man in ökonomischen Dingen als gebildet, wenn man das KAPITAL von Karl Marx in allen drei Bänden gelesen hatte; jedenfalls im linken Milieu. Bei Rotary waren andere Welten angesagt; in meinem Bochumer Club hatten bürgerliche Größen wie ein Ordinarius für Betriebswirtschaft oder ein erfolgreicher Bauunternehmer das Sagen. Privat stellte sich das Problem für mich gar nicht; ich wohnte zur Miete und hatte Renten mit Staatsgarantie, die „Bundesschätzchen“ hießen. Wie nett.

Als Philosoph hielt man es mit Kant: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Nun, der Astronomie folgte man nicht und in ethischen Fragen war man selbstgewiss. Dass ein SPD-Vorsitzender mal stolz sein würde, in den Aufsichtsrat eines Rüstungskonzerns zu dürfen, das hätte man damals nicht für möglich gehalten. Sigmar, Sigmar.

Der Kapitalmarkt wird nun erweitert durch die endgültige Legitimation der Kryptowährung BITCOIN. Der künftige amerikanische Präsident ernennt einen Anhänger dessen zum Chef der Börsenaufsicht. Das ist ein Signal. Der Staat bittet den Markt ins Zentrum seiner Macht, wohl wissend, dass er dort nicht mehr durch seine Regulation erreichbar ist. Der Leviathan gibt sich selbst auf. Eigenkastration des Staates. Das ist der Kern, glauben Sie mir. Ich habe darüber ausführlich mit Satoshi Nakamoto gesprochen, der den ganzen Zirkus erfunden hat. Wir waren beim Chinesen auf der Immermannstraße in Düsseldorf essen.

Ohnehin beruht alles jenseits von Golddukaten auf den Hypothesen uneingeschränkten gegenseitigen Vertrauens und/oder der Gewissheit unbegrenzten Wachstums; beides kontrafaktische Annahmen. Und selbst der Goldtaler taugt am Ende nur zum Einschmelzen für einen Nasenring, an dem man im Zirkus Ponzi durch die Manege der Spekulanten geführt wird. Das findet auch Herr Nakamoto, mit dem ich Reis essen war. Ich mache ein freundliches Gesicht und übe mit Stäbchen, weil ich sicher bin, dass sie uns früher oder später Messer und Gabel nehmen werden.

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WALLE WALLE.

In einem dieser neumodischen Hotels, die das Wohnen billig gemacht haben, treffe ich in der Lobby auf zwei Herrschaften mit Zopf und Ohrring, die darüber sinnieren, ob eines nicht allzu fernen Tages die gewaltigen Rechner nicht sich selbst verwalten. Und dann uns. Eine meiner größten Schwächen ist der Zwang zuzuhören, wenn wirklich dummes Zeug erzählt wird, was sich klug gibt. Hier geht es um ARTIFICIAL GENERAL INTELLIGENCE, von den Nerds kurz AGI genannt (Englisch auszusprechen).

Das ist, wenn die Computer eigenen Verstand entwickeln und hinter unserem Rücken beginnen, die Welt zu beherrschen. Nun, es braucht dazu Initiative und Strom. Zumindest das Zweite könnte man ihnen abdrehen. Freiwillig oder, das ist wahrscheinlicher, unfreiwillig. Ich zitiere etwas und die Teck-Genies gucken verstört: „Walle, walle!“ Der Zauberspruch aus der alten Sage, in der man nicht mehr Herr der eigenen Einbildungs- und Erfindungskraft wird. Und die Maschinen die Weltherrschaft übernehmen. Das darf ich erklären. Ich hole aus.

Fließend Wasser war dereinst nicht selbstverständlich. Man muss im kollektiven Gedächtnis kramen, dass es mal eine leidige Pflicht war, mit Krügen den örtlichen Brunnen aufzusuchen, um zuhause ein Bad zu nehmen. Angesichts dieser täglichen Mühe versteht man den Wunsch, dass dies automatisch gehe, etwa indem sich der Stubenbesen zu einem dienstbaren Geist verzaubern lässt. Wozu man das Zauberwort braucht. Für unsere Vorfahren, nehmen wir die Schreiberlinge Goethe & Schiller, war das nur als eine Hexerei denkbar.

Woher meine beiden Kollegen im 18. Jahrhundert ihre Ideen hatten? Das lässt sich sagen. Es wurde munter geklaut, etwa bei den Bloggern der Antike, namentlich den alten Griechen. Schon hier findet sich die Idee der Automatisierung. Womit der kalifornische Oligarch und Tesla-Eigner Musk heute seine Batterieautos verkaufen will, das autonome Fahren, das ist als Idee nicht ganz so frisch wie der Pfälzer Banause glaubt oder glauben machen will, der gerade Amerika wieder groß macht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Blogger Goethe jedenfalls war skeptisch, was die Zauberei der Digitalen Revolution anging. In seiner Ballade vom ZAUBERLEHRLING geht die Sache gründlich schief: „Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los“; so klagt der zaubernde Dilettant, wird aber am Ende doch aus der Überflutung des ganzen Hauses befreit. Ob es den geben wird, den MEISTER, der trotz aller Eigenmächtigkeiten zunächst der Lehrlinge, dann der Dinge, wieder das Sagen hat, das ist die Frage bei der Furcht vor der AGI. Jedenfalls sind die Jungs in der Lobby froh, dass sie mit Walle Walle jetzt das Zauberwort kennen. Sie diktieren es ihrem iPhone, womit die Rechner es jetzt auch kennen.  

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Der hässliche Deutsche ist Schweizer

Früher dachte ich, der hässliche Deutsche sei Österreicher. Nicht nur wegen des Herrn Schicklgruber, der als Postkartenmaler nach Deutschland rüber gemacht hat und dann als Führer zu zweifelhaften Ehren kam. Bei den sogenannten Freiheitlichen, das ist eine Kontraktion aus FDP und NPD bei den Ösis,  habe ich Töne gehört, die mich weniger wegen des reaktionären Inhalts empörten als durch den geilen Stolz, den die Herren dabei empfanden. Zu berichten ist von einem Ausflug nicht nach Wien, sondern in die teuerste Stadt Europas, nach Zürich. Die Bratwurst mit Brötchen am Bahnhof kostet umgerechnet satte sechs Euro; auch ein Wort denke ich. Auf der eher beschaulichen Bahnhofstraße sehe ich, dass Omega eine Seamaster, die ich in Berlin in Stahl für 4000 € gesehen habe, hier in einem Gelbgoldgehäuse anbietet, zum Preis von 17500 CHF. Das entspricht einem „goodwill“, sprich Aufschlag, Gold bereits abgerechnet, von guten 10000 €. Die Verkäuferin ist eine sehr gepflegte Asiatin, die mich zunächst in Russisch, dann in bestem Englisch anspricht, als ich den Laden betrete. Aber so viel guter Wille, der ist dann doch meiner Brieftasche fremd. In meiner Jugend waren mir nationale Ressentiments völlig fremd, außer dem gegen mein eigenes Vaterland. Ich empfand mich als weltoffen, weil ich Bob Dylan hörte und mit dem Interrail-Ticket Europa bereiste. Der hässliche Deutsche, das waren Exemplare in der Generation meiner Eltern und Großeltern. Und Österreich, das war damals „Tauben vergiften im Park“. Die Schweiz waren Heidi und Rütli-Schwur. Aus England grüßten die Rolling Stones. Und die USA hatten sich mit Woodstock einen Platz in unseren Herzen gesichert. Als Deutscher meiner Generation hatte man ein gebrochenes Verhältnis  zum eigenen Nationalcharakter. Das Weltoffene verliert sich bei mir. Seit dem ich Beat Bünzli kenne, weiß ich, der hässliche Deutsche ist Schweizer. Bünzli ist Devisenhändler einer Großbank vom Paradeplatz in Zürich und verdient sein Geld mit Frontrunning; das ist die zielsichere Anwendung von Insiderwissen bei Devisengeschäften. BB, wie seine Freunde ihn nennen dürfen, mag das Wort Devisenspekulationen gar nicht; das zeige, dass man es mit Kommunisten zu tun habe. Eine Spekulation sei eine einzelne Wette, der Devisenhandel aber ein ernsthaftes 24-Stunden-Geschäft. Die meiste Zeit macht es ein Computer für Bünzli. Ich war mit BB in der Widder Bar, eine Hotelbar in der Altstadt Zürichs, die eine stattliche Whisky Sammlung ihr eigen nennt. Wir tranken jeder zwei Hellboys, ein Cocktail, der hier erfunden wurde und aus dem rauchigen schottischen Single-Malt Laphroaig, Chili und Honig besteht; sehr viel Chili und ein wenig Honig und viel Eis. Man muss einen Magen aus Asbest haben, um den Pfeffer zu überleben, aber die Kombination aus Torfgeschmack und Bienenhonig versöhnt. Bünzli soll mir erklären, ob die Schweiz sich als europäische Nation empfindet, auch jenseits von EU und Euro. Die Frage hat ja einige politische Brisanz. Beat findet zunächst, der Shutdown in den USA zeige, dass die Amis „saublöd“ seien. Man könne doch nicht wegen Parteiengezänk eine Situation riskieren, deren Ausgang niemand verlässlich vorhersagen könne. Kein Frontrunning möglich, das hat er nicht so gern. Er findet dann auch,ganz beiläufig, dass der Einfluss der Juden auf die amerikanische Politik „noch immer“ irrsinnig groß sei. Ich verweigere eine Diskussion um die ultrakonservative Tea Party und die jüdische Community in den USA, weil ich mit wachsendem Entsetzen darüber nachdenke, vor welcher Perspektive er eigentlich „noch immer“ meint. Angetrunken gehen wir zu einzelnen Empfehlungen des Bartenders über, nette kleine Whiskies (4 cl) mit einem Tropfen Wasser, die den Boden des Old-Fashion-Glases bedecken. Ich nenne sie im folgenden, obwohl das ein wenig vordergründig ist, jeweils mit Preis, und zwar in Schweizerfranken pro einzelnem Glas (Barmaß 4 cl); Erdnüsse waren gratis. Black Bowmore final editon 1964 31 Years: 1200 CHF. Highland Park 1968 40 years Orcadian Vintage: 550 CHF. Lagavulin 12 years white label:350 CHF. Machte zusammen mit den Hellboys und Trinkgeld: schlappe 5000 CHF. Das sind gute 4000 € für zwei Jungs und ein paar Drinks. Ich hatte zwischendrin gesagt, dass ich zahle, weil ich ja um das Gespräch gebeten hatte. Nun bleibt es mir nicht erspart, mit bleichem Gesicht auf die Rechnung zu starren. Beat Bünzli lacht, wirft seine Kreditkarte auf den Tisch und versichert mir, die Schwyzer seien gar nicht geizig, wie ihnen immer vorgeworfen werde. Das seien Vorurteile der Dütschen. Aber das kenne man ja, die Dütschen und ihre Vorurteile. Ich solle mich entspannen, er könne das in der Bank als Spesen verrechnen. Peanuts.

Quelle: starke-meinungen.de