Logbuch
ORTE DER OFFENBARUNG.
Plan zu einem Buch über kuriose Orte der Weltgeschichte; solche, an denen die Geschichte sich selbst erkannte. Orte also, an denen die Menschheit einen BEGRIFF von sich selbst bekam. Meist Schlachtfelder.
Vor ziemlich genau hundert Jahren entstand der BEGRIFF der Massengesellschaft, natürlich im aufblühenden Amerika, der Nation der massenhaften Migration. Fälschlicherweise wird die Massenproduktion eines Autos durch Henry Ford hier immer wieder als Exempel herangezogen. Der Irrtum liegt nahe, da das Fordsche Modell T ganz augenscheinlich Massenproduktion bedeutete, die Wiege der Industrie, an die viele pilgerten; soweit ich weiß sogar Ferdinand Porsche.
Aber Fließbänder gab es vorher und für die Zeitgenossen eindrucksvoller. Die Taylorisierung von Massenproduktion begann, Ford soll sie sich angeschaut haben, in den SCHLACHTHÖFEN Chicagos. Und dazu gehörte die Konservendose auf der Absatzseite wie Massenmigration aus Osteuropa im Arbeitsmarkt. Beschaffungsseitig riesige Viehherden, zunächst getrieben, dann aus Eisenbahnwagen. Nicht nur in den miserablen Arbeitsbedingungen, sondern gerade in diesen Massenmedien Bahn und Büchse sahen die Zeitgenossen eine neue Zeit. Der Kapitalismus offenbarte sich als Begriff der Massenproduktion.
Nach den physischen Massenmedien kamen bald die kommunikativen: große Zeitungen und das Kino, Hearst und Hollywood. Schöner Stabreim: Bahn & Büchse, Hearst & Hollywood. So liegt der Nukleus der Massengesellschaft in den Fleischtrögen der Schlachthäuser Chicagos. SPAM hieß mal „spiced ham“, Würzfleisch. Bert Brecht hat die Symbolkraft sofort verstanden, als er den Roman von UPTON SINCLAIR namens JUNGLE las, der als Beginn des investigativen Journalismus galt. Aber das ist, wie Kiplling sagt, eine andere Geschichte.
Schlachthäuser sind nicht nur für Veganer ein schweres Thema. Da droht der Begriff zur Kategorie zu werden. Beruflich habe ich mich mal mit der Gewinnung von „fötalem Kälberserum“ für Zwecke der Biotechnologie auf den Schlachthöfen der Welt beschäftigt; aber das will jetzt nun wirklich niemand mehr wissen.
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HEILIGEN VEREHRUNG.
Wir wüssten nicht, wer König Artus war, wenn seine Ritter der Tafelrunde nicht so penetrant angegeben hätten mit ihrer Nähe zum Heiligen Gral. Über die Mietmäuler unter den Journalisten.
Ein Journalist der FAZ aus Hannover kühlt gerade seinen Mut an Altkanzler Schröder, indem er sich an all den Biografien abarbeitet, die über ihn geschrieben worden sind. Dabei geraten Kollegen von ihm in den Fokus, die damals bei der BILD waren und beim SPIEGEL und geneigte Schröder-Portraits vorgelegt haben. Der Vorwurf ist der des Opportunismus. Die eine Krähe sucht jetzt die Augen der anderen beiden auszuhacken. Ach je.
Dazu sage ich nichts namentlich, weil ich zwei von den drei Journalisten ganz gut kenne und natürlich das Objekt der damaligen Bewunderung Gerd Schröder. Zu dessen geschäftlichen Aventüren kann ich nichts sagen, da ich diese konkret nie angesehen habe und insbesondere von einem in diesem Zusammenhang auftauchenden Namen gar nichts halte; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich habe aus meinen Erfahrungen in den Innenräumen der Macht, jenen der Politik wie denen der Wirtschaft, nichts zu berichten. Vor allem aber habe ich mich nicht dorthin geschrieben, indem ich als JOURNALIST eine Biografie der Mächtigen verfasst hätte, die mich als Günstling an diese Höfe gebracht hätte. An den einen Hof des weißen Ritters oder an den anderen des schwarzen. Das ist nämlich egal. Man verfasst keine Heiligenverehrungen.
Nun war ich ja PR-Mann und insofern, könnte man vermuten, dienstlich angehalten zur HAGIOGRAPHIE. Aber so haben wir das nicht gehalten. Eine Frage der Standesehre. Gestern noch las ich in einem wissenschaftlichen Aufsatz den Verweis auf eine Aussage eines ehemaligen Mitarbeiters von mir, der sich über sein Verhältnis zum Auftraggeber, insbesondere Heldenverehrung in der PR, so äußerte: Jede Identifikation oberhalb von 25 Prozent sei gemeingefährlich. PR-Leute sind Söldner, aber keine Speichellecker, meinte er damit.
Wer das war? Sage ich auch nicht. Aber er spricht kurpfälzisch. Der Rest ist Schweigen. Zu den „chatting classes“ gehört die Journaille, aber nicht die PR.
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UNPARTEIISCH.
Presse gerät in innere Konflikte, wenn sie Aktivist sowie Weltenrichter, also Kriegsreporter wie Kriegspartei und Kriegsgewinner, gar Kriegsgewinnler, alles in einem, sein will; und das mit dem Geld anderer Leute. Gehalt eines BBC-Reporters: 1,5 Millionen im Jahr aus Gebühren.
Bei der Mutter des ÖFFENTLICH RECHTLICHEN RUNDFUNKS tobt gerade ein massiver Kampf um das, was die BBC als ihren publizistischen Kern verstanden hat, nämlich keine Partei zu ergreifen in den Konflikten der politischen Meinungsbildung. Nennt sich „impartiality“.
Wie weit eine Idee verkommen kann, sieht man daran, dass bei uns der ÖRR (zwangsgebührenfinanzierte Medien unter politischer Patronage) den HALTUNGSJOURNALISMUS zur Kerntugend erklärt. Schon begrifflich eine Perversion. Das liberale Konzept ist nämlich die Vorstellung einer Kontroverse, in der man nicht verdeckt die eine Seite vor der anderen fördert, etwa indem man deren Propaganda heimlich mitinszeniert.
Die Vorstellungen von publizistischer Fairness reichen von der Rolle des Unparteiischen (Schiedsrichter) zum Unparteilichen (keine Parteipresse) bis zum Überparteilichen (Bundespräsident) oder der moralischen Überlegenheit (Haltung), also der weltanschaulichen Vorfestlegung. Ein weites Feld. Die englische Regierung erörtert gerade, illegale Flüchtlinge nach Ruanda in Afrika zu deportieren; wer das als Versuch der Deportation kritisiert, wird vom Platz gestellt.
Im konkreten Fall wurde ein Sportreporter wegen einer allgemeinen Meinungsäußerung auf Twitter vom Sender genommen, in der er der Regierung „die Sprache der Deutschen der dreißiger Jahre“ vorwarf (meint: Nazi-Jargon). Der Generaldirektor, der ihn rauswarf, will dazu nicht von der Regierung angewiesen geworden sein, sondern aus freien Stücken einen Fall von fehlender IMPARTIALITÄT geahndet haben. Urteilstenor: Wer so was sagt, darf keine Fußballspiele mehr kommentieren. Es hat sich also um eine politisch unerwünschte Meinung gehandelt. Das ist der wahre Kern: die Aussetzung der Meinungsfreiheit.
Oder eben politische Zensur im Staatsfunk einer rechten Regierung. Wir kennen das gleiche Phänomen von links und aus ideologischen Soziokulturen (Stichwort „woke“). Die Gedanken mögen frei sein, wer sich kontrovers öffentlich äußert, wird diskriminiert. Unerwünschte Meinungen sind schon als solches strafwürdig. Auch in der Wissenschaft. Die rigorose Intoleranz als ideologisches Prinzip. Natürlich das Gift jeder Freiheit. Deren Kern ist „freedom of expression“. Punkt.
Verloren gegangen ist das Spielerische einer Kontroverse (engl.: „argument“) zwischen den beiden Seiten eines Hauses, über die dann Presse berichtet, ohne heimlich Partei zu ergreifen. Eingezogen ist der Geist der Inquisition, der das Unerwünschte nicht nur verteufelt, sondern auch noch richten will.
Bleiben wir beim Fußball: Man kann nicht unparteiisch sein wollen und Ultra-Fan einer der beiden Kontrahenten; schon gar nicht kann man auf den Ausgang des Spiels viel Geld gewettet haben und dann auch noch mitspielen wollen oder gar, ganz absurd, das Spiel pfeifen. Du bist in der Fankurve oder auf dem Platz oder du pfeifst; aber nicht alles drei in einer Person, auch nicht als Öffentlich-Rechtlicher. Fairness heißt fair play, meint rollenbewusst und regelkonform; eigentlich nicht so schwer, oder?
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Der kleine Bruder vom großen erlaubt sich Scherze
Wie bringt man einen Junkie um? Indem man ihm die Droge nimmt. Trocken legen, cold turkey. Das wäre gemein. Oder indem man ihm den Goldenen Schuss ermöglicht, sprich Überdosis. Entweder ich werfe das hübsch weiße Drahtlose Numero Fünf weg (und kaufe nicht das bunte Numero Sechs) oder ich speichere so viel auf ihm, dass die notorisch Neugierigen einen Overkill kriegen.
Der geneigte Leser merkt, schon dass wir heute bestimmte Klarnamen vermeiden. Bei Klarnamen schaltet bei den notorisch Neugierigen die Maschine an, jedenfalls war das früher so. Heute will sie wohl alles wissen, die Maschine. Und das hübsch weiße Drahtlose Numero Fünf erzählt ihr auch alles. Ich habe mich entschlossen, sie an der Nase herumzuführen. Wenn ich schon der kleine Bruder vom großen bin, will ich meinen Spaß haben.
Heute war ich bewusst auf einer Wahlveranstaltung der CDU mit Röschen aus Hannover (vulgo: von der Leyen). Sie zeigte sich mit einem Abgeordneten Fuchs, der mit dem buschigen, auf wwtv, meint: „Westerwald TV“. Noch aus dem Studio in Urbar habe ich telefoniert, Mails verschickt und ein Foto gemacht. Die notorisch Neugierigen glauben jetzt meinem hübsch weißen Drahtlosen Numero Fünf und zählen mich zu den Schwarzen. Ha!
Anschließend bin ich nach Koblenz in die Affenschaukel, einem Schwulentreff, und hab noch vom WC aus meine Apps aktualisiert und eine SMS geschickt. Darin habe ich meine „Schwester“ auf den Geburtstag unserer Mutter aufmerksam gemacht. Jetzt halten die notorisch Neugierigen meine Geliebte für meine Schwester, weil sie ja wissen, dass ich ein schwuler Schwarzer bin und „hello sister dear“ gesimst habe.
Gleich geh ich mit dem Hund raus. Ein Borderline Colly, der mein Verbündeter ist. Dabei nehme ich mein Ei-Dog mit. Ja, das Fünfer; das bunte Sechser habe ich noch nicht. Das Wort Ei-Dog wäre jedem Londoner verständlich. Im Cockney Rhyming Slang ersetzt man signifikanten Begriffe durch solche, die in Redensarten zusammen mit einem Lautgleichen zu dem zu Ersetzenden auftauchen. Haben Sie nicht kapiert? Nun, die notorisch Neugierigen auch nicht.
Gegenüber Cockney sind die notorisch Neugierigen völlig machtlos. Linguistisch erklärbar: Die Neugierigen brauchen irgendeinen Algorithmus. Gerade eine Diktatur kommt nicht ohne Mathematik aus. Der Cockney aber, der „street wise“ ist, braucht eine (proletarische ) Soziokultur und Proletenwitz, und den Mechanismus des Substituens und Substitendums. Das ist eine Tradition seit dem 14. Jahrhundert. Wer sagt, dass einfache Leute doof sind? Ich nicht. Nie. Ich liebe die „gentlemen of the road“.
Gerade habe ich den gesamten Text der Encyclopaedia Britannica, insgesamt 19 Folianten, auf meinen Ei-Dog gespeichert. Und zwar unter „top secret / confidential“ und an eine Mailadresse geschickt, die vier Umlaute enthält und ein „ß“. Das haben Sie gar nicht gern, das mit dem Ess-Zett. Ich nutze dazu den Internetanschluss jener Cockney-Kneipe („The Globe“ in Southwark, London), in der Bridget Jones gedreht wurde. Bridget, the midget and Gertrud the groupie! Und ich nenne mich in dem Mails Bridget, was ich als Schwuler ja wohl darf.
Ich muss jetzt Schluss machen, weil mein „trouble“ ruft („trouble and strife“ : „wife“); ich soll in die „roses“ kommen (Bon Jovi, Kinder, Bon Jovi!). Vorher werde ich aber mein Ei-Dog meinem Borderline Dog wie einem Bernhardiner das Rumfässchen umhängen und ihn rausjagen, er soll mal streunen. Mal sehen, wo die nachher glauben, dass ich vorhin war.
Quelle: starke-meinungen.de