Logbuch

MORBUS HELVETICUS.

Das Vaterland ist ein patriarchalischer Begriff, der wichtig tut. Historiker wissen aber, dass der Vater immer ungewiss ist; sicher ist nur die Mutter. Warum kann man Patriot sein, aber nicht Matriot?

Bei Rousseau las ich mal ein schräges Gerücht: Es sei in Frankreich untersagt gewesen, eine bestimmte schweizer Weise zu pfeifen, weil dann alle Söldner von dort schwermütig würden und zur Desertion neigten. Vom HEIMWEH gepackt, ergriff sie die „Schweizerkrankheit“, sprich die Flucht nach Hause, in die Heimat.

Nun war der Schweizer seit dem Mittelalter das Synonym für jedweden Söldner. Die bitterarmen Söhne des Landes waren, wenn auf Migration, aller Orten gefürchtete Legionäre. Heute erinnert daran nur noch die Privatarmee des Papstes, die legendäre Schweizer Garde. Die Schweizer kamen nicht hoch zu Ross, dazu fehlten die Mittel, sondern als „Reisläufer“, sprich Infanterie. Kanonenfutter.

Deren Fernweh war aus Hunger geboren, purer Not. Wen das Vaterland nicht zu ernähren wusste, so das Grundmotiv für Migration, den ergriff das Fernweh. Wahrscheinlich frei von Romantischem. Dazu korrespondiert dann in der Fremde HEIMWEH, die sprichwörtliche Schweizerkrankheit. Es scheint, dass der Heimatbegriff aus seinem eigenen Defizit geboren ist.

Gestern lauschte ich einem Migranten meiner Generation, der die Entscheidung seiner Jugend, die Heimat zu verlassen und in die Fremde auszuwandern, mit den klugen Worten beschreibt, er habe „die Mutter verlassen“ müssen. Das führt zu dem Gedanken, dass HEIMWEH der Verlust des Mutterlandes ist.

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MENTALITÄT.

Der politische Aschermittwoch zielt auf das Bauchgefühl der Menschen. Also deren Vorurteile über sich selbst. Das ist raffiniert, wenn es gelingt.

Der Franke Markus Söder versucht am Aschermittwoch in seiner Bierzeltrede krampfhaft authentisch zu klingen. Und das heißt in der Tradition der CSU wie der historische Franz Josef Strauß. Ein urbayrisches Viech mit Haxen will er sein und ist doch nur ein evangelischer Grobian, der eine schlecht geschriebene Rede schlecht vorträgt. Der Text ist aus sperrigen Schlagworten gedrechselt und gewinnt an keiner Stelle die Kraft einer Parole. Der Redner wirkt nüchtern und unsicher. Das ist unbayrisch.

Natürlich ist das Bundesland Bayern ein Konglomerat unterschiedlicher Stammeskulturen, die in sich schon divers sind. Söder versucht ein konservatives Selbstverständnis gegen den grünen Zeitgeist zu stellen, ohne dass ihm das Schwarze der CSU in das Braune der AfD abgleitet. In sich schon nicht leicht. Der Aufstieg der CSU zur Volkspartei war historisch ein steiniger Weg in einem eher separatistischen Milieu. Und dann ist da immer noch die „libertas bavariae“, eine freiheitliche Tradition, die nicht unter die preußische Pickelhaube passt.

Mentalitäten sind Vorurteile, die viele teilen. Wie alle Vorurteile stimmen sie und sie stimmen nicht. Diese Zwitterwesen aus Dichtung und Wahrheit nehmen daher ihre Langlebigkeit; daraus, dass sie erfahrungsnahe Konstruktionen sind. Die Mentalität ist vorsätzlich typisch, auch wenn es öfter Ausnahmen gibt als die Regel. Das Typische freut uns, wenn wir es entdecken.

Ich hatte mal einen Chef, der sah einem Auto an, ob es ein portugiesischer Fischer gefertigt hatte oder ein tschechischer Schraubenschlüssel. Der wusste sogar innerhalb einer Marke zu sagen, ob das Gerät aus Baden-Württemberg oder Bayern kam. Dabei stammte der ganze Laden ursprünglich aus Sachsen. Aber darüber wurde nicht gesprochen. Auch weil in der Hierarchie der wünschenswerten Mentalitäten das Sächsische nicht besonders weit oben steht. Ein Vorurteil über Vorurteile.

Ich kannte mal einen Redenschreiber von Helmut Schmidt, der es im damaligen Kanzleramt zu Ruhm gebracht hatte, weil er für ihn eine Rede vor der englischen Labour Party verfasst hatte, die den Saal toben ließ. Er war ein liberaler Diplomat, der rote Rhetorik simulieren konnte. Er trug übrigens immer zwei Füllfederhalter der Marke Montblanc Meisterstück sichtbar im Anzug, was ich damals eher affig fand.

Der Erfolg von Mentalitäts-Rhetorik liegt darin, dass alle Menschen es lieben, wenn ihre Vorurteile bestätigt werden. Gibst Du meinem Bauch Recht, gebe ich Dir meine Stimme.

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NACHTLEBEN.

Die Nacht ist uns zur Einkehr gegeben, zum Schlaf. Wenn da nicht die Lichter der großen Stadt wären und die Versuchungen der halbdunklen Gassen. Metropoles Zwielicht.

Die osmanische Metropole wandelt sich mit dem Sonnenuntergang völlig. Wo gerade noch ein Universum an Gütern aus den Ladenlokalen prahlerisch in die Gassen des Bazars platzte, kehrt nicht nur Ruhe ein. Die bunte Vielfalt verschwindet völlig hinter grauen Toren. In wenigen Augenblicken herrscht nach außen die Leere von Trutzburgen, die ihr Innerstes nächtens trotzig verbergen.

Die Nacht wird als allgemeines Unheil angenommen, gegen das man sich mit Tür und Tor, Schloss und Riegel zu schützen hat. Das Leben verlagert sich in die Privatsphäre der geschützten Häuser. Hier nimmt Kerzenschein der Dunkelheit ihren Schrecken. Alle Höfe haben zur Straße riesige Tore. Die metropole Architektur etwa Konstantinopels spiegelt jenen Wechsel von einem Extrem ins andere bis heute. Das Nachtleben ist vor allem eins: verborgen.

Mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert nehmen die Großstädte des Westens eine andere Wende. In ihnen entsteht nach Sonnenuntergang eine ganz und gar nicht private Vergnügungskultur. Ab 1660 setzt in Paris die Straßenbeleuchtung ein; die Nacht wird zum Tage. Alle Großstädte folgen. Ein Kulturbruch. Das Nachtleben entfaltet ein ganzes Gewerbe. Um höhere Kultur rangt sich Gastronomie vom Restaurant über den Tanzsaal bis zur Eckkneipe. In Deutschland ist dies bis vor 100 Jahren das schrille Berlin, dessen Straßen von Gaslaternen erhellt werden.

Ich lese aus dem 18. Jahrhundert die Briefe einer englischen Botschaftersgattin, die die Ambiguität des stillen Istanbul gegenüber dem wilden London preist. Das Osmanische war eine eigene Hochkultur des Heimlichen, die dem Fremden zu einem Teil verschlossen bleibt. Das grelle Nachtleben der christlichen Pendants beruhte auf etwas tief Trivialem: „street lighting“. Stadtgas.

Heute irritiert „gas lighting“ in viel weiterem Sinne; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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Der kleine Bruder vom großen erlaubt sich Scherze

Wie bringt man einen Junkie um? Indem man ihm die Droge nimmt. Trocken legen, cold turkey. Das wäre gemein. Oder indem man ihm den Goldenen Schuss ermöglicht, sprich Überdosis. Entweder ich werfe das hübsch weiße Drahtlose Numero Fünf weg (und kaufe nicht das bunte Numero Sechs) oder ich speichere so viel auf ihm, dass die notorisch Neugierigen einen Overkill kriegen.

Der geneigte Leser merkt, schon dass wir heute bestimmte Klarnamen vermeiden. Bei Klarnamen schaltet bei den notorisch Neugierigen die Maschine an, jedenfalls war das früher so. Heute will sie wohl alles wissen, die Maschine. Und das hübsch weiße Drahtlose Numero Fünf erzählt ihr auch alles. Ich habe mich entschlossen, sie an der Nase herumzuführen. Wenn ich schon der kleine Bruder vom großen bin, will ich meinen Spaß haben.

Heute war ich bewusst auf einer Wahlveranstaltung der CDU mit Röschen aus Hannover (vulgo: von der Leyen). Sie zeigte sich mit einem Abgeordneten Fuchs, der mit dem buschigen, auf wwtv, meint: „Westerwald TV“. Noch aus dem Studio in Urbar habe ich telefoniert, Mails verschickt und ein Foto gemacht. Die notorisch Neugierigen glauben jetzt meinem hübsch weißen Drahtlosen Numero Fünf und zählen mich zu den Schwarzen. Ha!

Anschließend bin ich nach Koblenz in die Affenschaukel, einem Schwulentreff, und hab noch vom WC aus meine Apps aktualisiert und eine SMS geschickt. Darin habe ich meine „Schwester“ auf den Geburtstag unserer Mutter aufmerksam gemacht. Jetzt halten die notorisch Neugierigen meine Geliebte für meine Schwester, weil sie ja wissen, dass ich ein schwuler Schwarzer bin und „hello sister dear“ gesimst habe.

Gleich geh ich mit dem Hund raus. Ein Borderline Colly, der mein Verbündeter ist. Dabei nehme ich mein Ei-Dog mit. Ja, das Fünfer; das bunte Sechser habe ich noch nicht. Das Wort Ei-Dog wäre jedem Londoner verständlich. Im Cockney Rhyming Slang ersetzt man signifikanten Begriffe durch solche, die in Redensarten zusammen mit einem Lautgleichen zu dem zu Ersetzenden auftauchen. Haben Sie nicht kapiert? Nun, die notorisch Neugierigen auch nicht.

Gegenüber Cockney sind die notorisch Neugierigen völlig machtlos. Linguistisch erklärbar: Die Neugierigen brauchen irgendeinen Algorithmus. Gerade eine Diktatur kommt nicht ohne Mathematik aus. Der Cockney aber, der „street wise“ ist, braucht eine (proletarische ) Soziokultur und Proletenwitz, und den Mechanismus des Substituens und Substitendums. Das ist eine Tradition seit dem 14. Jahrhundert. Wer sagt, dass einfache Leute doof sind? Ich nicht. Nie. Ich liebe die „gentlemen of the road“.

Gerade habe ich den gesamten Text der Encyclopaedia Britannica, insgesamt 19 Folianten, auf meinen Ei-Dog gespeichert. Und zwar unter „top secret / confidential“ und an eine Mailadresse geschickt, die vier Umlaute enthält und ein „ß“. Das haben Sie gar nicht gern, das mit dem Ess-Zett. Ich nutze dazu den Internetanschluss jener Cockney-Kneipe („The Globe“ in Southwark, London), in der Bridget Jones gedreht wurde. Bridget, the midget and Gertrud the groupie! Und ich nenne mich in dem Mails Bridget, was ich als Schwuler ja wohl darf.

Ich muss jetzt Schluss machen, weil mein „trouble“ ruft („trouble and strife“ : „wife“); ich soll in die „roses“ kommen (Bon Jovi, Kinder, Bon Jovi!). Vorher werde ich aber mein Ei-Dog meinem Borderline Dog wie einem Bernhardiner das Rumfässchen umhängen und ihn rausjagen, er soll mal streunen. Mal sehen, wo die nachher glauben, dass ich vorhin war.

Quelle: starke-meinungen.de