Logbuch

PREDIGER.

Besuch in einem Kloster der Prediger. Man nimmt das ernst, das Predigen. Daher auch eine Schule, Mauer an Mauer mit dem Dom. Man hat die Katholen hier im auslaufenden 19. Jahrhundert in ein Industriemilieu gelassen, um die zugewanderten Polen vor den Kommunisten zu schützen, erzählt mir der Vorsteher der Prediger, ein feiner Mann hoher Bildung und den Menschen zugewandt. Ich erwische mich dabei, seine Seelsorge zu schätzen.

Überhaupt ist das Kloster eine Insel besseren Lebens; aber eben nicht als Refugium, als eine Fluchtburg des Klerus, sondern dem Banalen und dem Bösen die Stirn bietend. Man hat in Waisenhäusern unterrichtet. Und im örtlichen Knast Seelsorge geboten, was immer das nützt. Jedenfalls jetzt eine sehr ordentliche Grundschule. Man ist dankbar für solch eine Insel der Kultur.

Wie sich auch Familie als Insel versteht. Im Schutz für die Nachgeborenen vor der sorglosen oder gar feindlichen Nachbarschaft oder gar dem Fremden. Heimat sollte auch so eine Insel der Geborgenheit sein, vor der fernen Fremde. Freundschaften oder große Lieben können als solche Horte gelten, Inseln der Zugewandtheit. Was mich an Elysion erinnert, die sprichwörtliche Insel der Seligen in der griechischen Sagenwelt.

Immer ist das Geborgene eine Ausnahme im rauen Meer der gefährlichen Untiefen und bösen Stürme. Dieser Mythos verblasst nicht. Jedem sein Elysion. Die Moderne beginnt mit der Erzählung des Robinson Crusoe, jenes Mannes, der sich in entlegenster Wildnis ein Heim zimmert. Der Soziologe nennt das die Selbstkonstitution durch Arbeit. Eine Insel bauen. Arbeit als Glaube.

Bei den Predigern brauchen sie dazu noch die Gottesvorstellung. Der Vorprediger sagt, Gott wohne im Dom, das sei das Haus Gottes. Als Protestant weiß man, dass das eine Metapher des Volksglaubens ist. Denn der Herr hat gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Matthäus, glaube ich. Auf jeder Insel, also. Ende der Predigt.

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MEDIENLEUGNER.

Auf der Bühne ein Mehrfachminister. Der Mann leitet in Düsseldorf die Staatskanzlei und die Medien und die Bundesangelegenheiten sowie Europa und Internationales. All das. Das ist seine Titularkompetenz; eigentlich ist er der Adlatus von Armin Laschet, den sie Bruder Leichtfuß nannten, als er noch im Amt war. Von mir kein böses Wort: Sohn eines Kumpel aus dem Aachener Revier. Glückauf.

Der Medienminister, wie er sagt ein halber Franzose, hält eine larmoyante Rede, von der ich nichts erinnere. Bis auf den Begriff der „news avoidance“; das ist, wenn man es nicht mehr hören kann und will, was die Nachrichten so bringen. Der Minister sagt, an jedem Stammtisch gebe es inzwischen mindestens einen, der zugibt abzuschalten. Ging mir anschließend im Auto so.

Die Nachrichten des Deutschlandfunkes sagen mir, dass der Sommer heiß gewesen sei. Dazu ist Anfang September ein geeigneter Zeitpunkt. Aber es hätte dazu nicht einer kompletten Redaktion bedurft; schon gar nicht des Sendeortes der Nachricht, wo es um neue Ereignisse geht, um Wirklichkeiten nennenswerter Dimension. Jetzt kommt es.

Weltweit sei der Sommer mit im Mittel 16 Grad Celsius um 0,03 Grad heißer gewesen als der des Vorjahres. Alarm. Und um 1 Grad heißer als zu vorindustriellen Zeiten. Apokalypse. Daran ist alles irre. Was ist ein globaler Sommer, wenn in Berlin Juni, Juli, August? Der Winter in Australien eingerechnet? Wie viele Einzeltemperaturen sind in das arithmetische Mittel eingeflossen, dass dann eine Signifikanz von 0,03 Grad Celsius bei 16 ausweist? Das ist der Devisor 500. Alta Schwede.

Womit genau hat man im 18. Jahrhundert die Temperatur gemessen, sprich mit welcher technisch reproduzierbaren Genauigkeit, wenn dazu heute noch ein Veränderungswert von 0,03 Grad Celsius oder 1 Grad Celsius signifikant ist? Ich lasse mal dahingestellt, dass die Varianz von 1,5 Grad Celsius gegen über dem 1. September 1734 tatsächlich die Apokalypse bewirken wird, wenn man diesen Leuten glauben darf. Ein Fünfhunderdstel, weil eben, das ist das Schlimme, menschengemacht.

Nein, ich bin kein Klimaleugner, aber ich habe das Radio ausgeschaltet. Bin ich jetzt Medienleugner? Genauer gesagt, ein Leugner des menschengemachten Medienwandels? Das kann gut sein.

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WENDEHAMMER.

Brandenburg ist zweisprachig; zum Deutschen kommt das Wendische oder Sorbische, eine Kultur westslawischen Ursprungs; sie unterliegt allerdings dem Aussterben. Das ist zu bedauern, wird aber wohl durch die neue Zweisprachigkeit abgelöst. Man spricht künftig Deutsch und Teslatisch.

Gespräch mit dem Wirtschaftsminister Brandenburgs über die Mentalität im Land. Der ehemalige TU-Präsident zitiert einen Bürger, seines Zeichens mittelständischer Unternehmer, sprich Inhaber eines Handwerksbetriebes guter Tradition, mit dem Satz: „Digitalisierung ist reine Zeitverschwendung.“ So also die Mentalität in dem Bundesland, in dem Tesla seine Wundervehikel produziert. Zu der Fertigung von Batterie-Autos später.

Braucht der Dachdecker, der mit großem Geschick Schieferschindeln zu tollen Dächern zu fügen weiß, diesen digitalen Scheiß? Das fragt der Meister luftiger Höhen ja nicht ohne Hintersinn. Er stellt ja zugleich in Frage, dass nur noch Wärmepumpen heizen dürfen oder es vierundsiebzig Geschlechter gibt, zwischen denen man frei wählen kann. Er sagt trotzig: Elektrisch fahren wir auf der Kirmes. Noch so ein Spruch.

Und der Wirtschaftsminister versteht ihn; der Mann hat eine Venia Legendi für Technische Chemie; das ist, wie alle Chemie, im wesentlichen Rohrleitungsbau, also old school. Er war früher bei Schering, der westberliner Variante von Big Pharma, wo sie, glaube ich, die Pille erfunden haben, die die sexuelle Freizügigkeit begründete. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der digitale Paradigmenwechsel erklärt sich am einfachsten am Karosseriebau. Für ein Automobil bedurfte es historisch der Kenntnisse des Fuhrwerkens, dicker Rennmotoren und des Dengelns, das ist Blechbiegen. So entstand der Käfer und dann der Golf. Was sich Elon Musk, der Oligarch aus dem Silicon Valley, dann zusammengekauft und Tesla genannt hat, das ist etwas anderes, nämlich Kybernetik. Das sind Halbleiter in kolossaler Verdichtung, sprich Rechner, die Rechner steuern, die zusammen dann das Auto fahren, tendenziell automatisch, also eigentlich ohne Mann am Volant oder Frau am Steuer. Leute, die so was machen, geben auch Milliarden für Twitter aus; digital nerds. Keine Rennfahrer oder Blechbieger.

Das versteht der Dachdecker nicht. Und ich wiederum verstehe den Dachdecker. Ich fahre einen Selbstzünder, verbrenne Diesel wie Holz und Heizöl, was ohnehin dasselbe ist, und habe eine ganz klare Vorstellung von der Anzahl der Geschlechter in Gottes Garten, ohne dass ich mich in all diesen Fragen in Gespräche drängen lasse, die ich nicht führen will. Weil ich weiß, wo unser beider Weisheit aufgebraucht ist; die des Dachdeckers und meine. Das Ende der Sackgasse ist schon zu erahnen und es könnte sein, dass sie keinen Wendehammer hat.

Nun, wir gehen über die Brücke, wenn wir sie erreicht haben. Die Elektromobilität ist als Aufgabe nicht dadurch bewältigt, dass man eine klapprige Schüssel in der Optik einer Musikbox mit dicker Batterie versieht. Wir werden Kybernetik lernen müssen. Auch auf den Dächern im Sorbischen.

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Die Grünen im freien Fall: Der Wähler flieht vor dem Spinat-Diktat

Das Wort von der Tugenddiktatur ist ein Kompositum; es besteht aus zwei Teilen. Es erzählt mit Pathos von der Tugend. Und davon, wie sich deren Wächter die Umsetzung vorstellen. Auch die Französische Revolution begann mit Liedern auf die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und wendete sich alsbald zum blutigen Terror. Wie bei allen Volksverführungen soll der Glanz der hehren Idee über die Niederungen der Wirklichkeit hinwegtäuschen. Moral in der Politik ist immer Doppelmoral. Die Grünen treiben dieses Prinzip zum Exzess.

Es geht jüngst um den Veggie-Day, den Plan eines allwöchentlichen Rituals der Zwangsernährung rechtsmündiger Erwachsener mit Gemüse, das hoheitlich erzwungen werden soll. Schon heute kann jeder Vegetarier oder Veganer oder wie die Salatfresser alle heißen mögen, in jeder Kantine dem vermaledeiten Schnitzel und der Currywurst ausweichen und jedwedes  Kaninchenfutter zu seiner Ernährung wählen. Es geht also nicht darum, dass man tierische Produkte nicht vermeiden kann, wenn man dies so will, sondern darum, dass man dazu gezwungen werden soll. Tugenddiktatur, die Doppelmoral der Grünen.

Die Vorstellung des Tugendsamen, von welchem Fanatiker religiösen oder ideologischen Ursprungs auch immer ersonnen, setzt den verachtenswerten Sünder voraus. Wer erhobenen Hauptes auf seine Mitmenschen herabzusehen gedenkt, braucht jene, die man als erbärmlich brandmarken kann. Das sind den BulimikerInnen der Ökos die Adipösen des Subproletariats, die den Versuchungen von McDoof und WürgerKing nicht widerstehen können und Fleisch fressen, bis ihnen die Augen zuwachsen.

Das Mitgefühl mit fehlernährten Fettleibigen hielte sich noch in Grenzen. Das ist nicht die Klientel der Grünen. Es geht eigentlich nicht um die armen Sünder mit den geblähten Leibern, sondern um die Mitgeschöpfe aus der Massentierhaltung, die ihr Leben für Steak und Hamburger lassen müssen. Und um Mutter Natur selbst, die ja im tropischen Regenwald wohnt und dort herausgeforstet wird, weil die Menschen sich sittenwidriger Weise von Pilzsammlern zu Farmern wandeln.

Es geht beim Stimmenverlust der Grünen um den Veggie-Day, der diesen Teufelskreis rund um den Verzehr von tierischem Eiweiß zu unterbrechen weiß. Die Zwangsernährung mit Grünkohl und Löwenzahnsalat knüpft in der Heilserwartung an das segensreiche Heilfasten an und verspricht uns jene Metaphysik, die der Muselmann während des Ramadan hat und die Christen am Freitag, dem Todestag ihres Religionsstifters. Die jahrhundertelange katholische Doppelmoral um Starkbier in der Fastenzeit und Maultaschen, die als „Herrgottsbescheißerle“ das Fleisch in Teigtaschen verbergen, wird von den Grünen gebrochen. Hier herrscht der protestantische Furor: Veggie-Day als Hoheitsakt.

Veggie-Day mag eine alberne Episode sein. Für die Öffentlichkeit war dies ein Symbol weitgehender Bedeutung. Pars pro toto: Es hat sich gezeigt, wo die Reise mit diesen Herrschaften hingeht. Das Spinat-Diktat hat die grüne Maske heruntergerissen und wir blicken in die Fratze einer Diktatur. Man gebe Diktatoren keine Macht, auch wenn sie glühende Vegetarier sind und es nur gut mit uns meinen, den Schweinen und dem Regenwald. Das haben sie immer alle gesagt, dass sie es nur gut mit uns meinen. Jede Diktatur verbirgt sich hinter ihren Tugenden.

Quelle: starke-meinungen.de