Logbuch
Die starken Stützen, die der junge Baum einst bekam, Pfähle mit Eisenhämmern in den Boden gerammt und sorgsam verschnürt, lassen sich jetzt, nach drei oder vier Jahren, mühelos umknicken, da sie in dem feuchten Erdreich an ihrem Fuße schlicht verfault sind. Kein Verlust, da der lebende Baum mit starken Wurzeln das tote Holz nicht mehr braucht. Solches hört ich gern von meinem Garten.
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Seuchen haben schon immer den Aberglauben der Dummen und den der Irren beflügelt. Bis hin zu Pogromen. Dass man heute wissen kann, wo Pest & Cholera herkommen, hindert die Massenpsychotiker nicht daran, ihrem Wahn zu frönen. Im Übrigen ist das neue Wissen so überbordend nicht; man sieht es daran, dass die Gegenwehr sich seit vier oder fünf Jahrhunderten nicht wesentlich verändert hat. Jedenfalls solange ein Impfstoff fehlt. Die 40 Tage der Quarantäne haben die venezianischen Dogen durchgesetzt. Sie wollten Seide und Pfeffer aus fernen Ländern, aber nicht die begleitenden Viren. Also auf Reede mit dem Chinafahrer.
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Heute Abend Trauerfeier für den Publizistik-Prof KLAUS MERTEN aus Münster. Seine Söhne haben zu Ehren des Kreta-Fans zum Griechen eingeladen. Das hätte ihm sehr gefallen. „Ein Kreter sagt, alle Kreter irren.“ Ha! KM war ein streitbarer Geist und treuer Freund. Er wird jetzt gerade auf den steilen Eselspfaden des himmlischen Kreta bergsteigend den Schweiß der Edlen vergießen. Und grübelnd mit einem Idioten auf dem Olymp zürnen, gegen den er eine Philippika ersinnt, die sich gewaschen hat. Ein wunderbarer Mann, ein intellektueller Titan. Ich stehe in seiner Schuld.
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COQUUS, DER KOCH.
Nicht, weil es mein Name nahelegte, aus wirklichem Interesse würde mich eine Sozialgeschichte des Kochens interessieren. Und damit meine ich etwas anderes als die Herren Ramsey oder Rosin, die die Sozialpädagogen an der Friteuse spielen. Was hat sich fundamental geändert?
Entsaisonalisierung. Man bekommt immer alles. Selbst Spargel. Das Sauerkraut war der vor dem Verfall gerettete Weißkohl, aber eigentlich doch ein Produkt des Herbstes und der Winterzeit. Man kann heute ganzjährig ERNTEDANK sagen. Das ist zunächst der Weißblechdose zu danken, dann der Tiefkühltechnik.
Entregionalisierung. Man bekommt überall alles. Die Italien zu verdankende Tomate sprach irgendwann holländisch, schnittfestes Wasser aus mit Erdgas beheizten Treibhäusern, dann hebräisch, als die Rispentomate mit dem Flieger aus dem Heiligen Land kam.
Pseudo-Ethnisierung. Wir gehen zum Griechen, wegen des Ouzo auf‘s Haus. Zum Chinesen schon immer (ich empfehle weltweit die 84). Zum Italiener wegen der Sahne an der Carbonara und der Ananas auf der Mafiatorte. Inzwischen beherrschen in Berlin die Vietnamesen auch die japanischen Sushi-Bars, weil sie es können.
Entfachlichung. Wie doof die Menschheit wirklich ist, das sieht man an den Hilfsprogrammen im TV. Hier werden Dinge erklärt, die für die Hausfrau zum Elementarsten gehörten (Gemüse schneiden, sogar Zwiebeln). Die Amerikaner erweisen sich hier (wie auch bei vielen anderen Themen) als die grundverwirrten Deppen unter den vorsätzlich Doofen; not knowing one‘s ass from a hole in the ground.
Für all diese Megatrends gibt es ein absolutes Symbolprodukt: das erfolgreichste Gericht aller Zeiten, die Tiefkühlpizza. Essen für Idioten. Und selbst bei der braucht es den Hinweis, dass das Plastik, in das sie eingeschweißt ist, entfernt werden soll, bevor sie in den Ofen kommt. Alter Schwede.