Logbuch

Raubtier-Kapitalismus.

Das ist es ja, wovor uns die Linke beschützen will. Dass wir ehrlichen Menschen zur Beute von Bestien werden, das soll nicht sein. Darauf haben hart arbeitende Menschen auch ein Recht; dafür zahlen sie Steuern. Ein solch böser Dschungel soll insbesondere an den internationalen Kapitalmärkten herrschen. Wenn die Linke nun das zuständige Finanzministerium hat und die Bundesanstalt für Finanzaufsicht, dann sollte ihr das leicht fallen. Löwenbändiger zu sein. Zu verhindern, dass der Mensch des Menschen Wolf wird. WC oder Wirecard zeigt, wie jämmerlich hier die SPD und Olaf Scholz versagt haben. Man hat bei massiver Verdachtslage eine Anfrage an die Behörden in Singapur geschickt und die haben einfach nicht geantwortet. Voll gemein. Mit diesen Worten wurde das Parlament informiert. In sich schon jämmerlich. Zu allem Überfluss wohl auch noch schlicht gelogen. Da ist sie, die Selbstvernichtung der Linken. Folgender Verdacht kommt auch wohlmeinenden Zeitgenossen: Dieser WC-Kapitalismus ist kein Dschungel, sondern ein Zoo, in dem die Wärter die Käfige offenstehen lassen und schlafen. Stattdessen das alte Spiel von „ tax & spent“ (großzügige Wohltaten mit dem Geld anderer Leute). Und jetzt Sie, Herr Vizekanzler Scholz.

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Neues Geld vs alte Klasse. Der amerikanische Geschäftsmann trug früher glänzend poliertes Schuhwerk minderer Qualität. Sein englisches Pendant teures Pferdeleder, dramatisch ungeputzt. Man konnte den Eindruck haben, dass er die Budapester von einem Domestiken einlaufen lassen ließ. Man sah, wenn ein Anzug aus der Jermyn Str. kam. Der Gegensatz zerfällt. Heute sehe ich beide Herren wie Teenager in Sneakers („Turnschuhe“), Jeans („Nietenhose“) und Sporthemd (geknöpfter Kragen, Innenbordüre); na gut. Aber die Aktentasche, früher ein Koffer, hier wie dort jetzt ein allzu buntes Handtäschchen, eher Frisösenbedarf. Irritierend.

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Höhere Töchter und Söhne aus besserem Haus erkennen sich gegenseitig an einem stillen Stigma. Das sind die unsichtbaren Spuren der Internatsjahre. Bessere Bildung einerseits; man rezitiert schon mal die Ilias in Altgriechisch. Oder den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Aber dann sind da andererseits auch okkulte Narben, Spuren des Hospitalismus und frühpubertärer Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht. Spuren der Jahre im Heim. Die stillen Stigmata der Oberklasse. Der diskrete Charme der Bourgeoise. Es hat mich immer wieder fasziniert, sie erkennen sich untereinander aus dem Augenwinkel. Das ist Etikette. Der Unterschied von Manieren und Etikette. Manieren machen den Umgang angenehm. Etikette grenzt die aus, die nicht dazu gehören. Man erkennt, wenn man Etikette hat, den Outcast schon daran, wie er das Besteck hält.

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COQUUS, DER KOCH.

Nicht, weil es mein Name nahelegte, aus wirklichem Interesse würde mich eine Sozialgeschichte des Kochens interessieren. Und damit meine ich etwas anderes als die Herren Ramsey oder Rosin, die die Sozialpädagogen an der Friteuse spielen. Was hat sich fundamental geändert?

Entsaisonalisierung. Man bekommt immer alles. Selbst Spargel. Das Sauerkraut war der vor dem Verfall gerettete Weißkohl, aber eigentlich doch ein Produkt des Herbstes und der Winterzeit. Man kann heute ganzjährig ERNTEDANK sagen. Das ist zunächst der Weißblechdose zu danken, dann der Tiefkühltechnik.

Entregionalisierung. Man bekommt überall alles. Die Italien zu verdankende Tomate sprach irgendwann holländisch, schnittfestes Wasser aus mit Erdgas beheizten Treibhäusern, dann hebräisch, als die Rispentomate mit dem Flieger aus dem Heiligen Land kam.

Pseudo-Ethnisierung. Wir gehen zum Griechen, wegen des Ouzo auf‘s Haus. Zum Chinesen schon immer (ich empfehle weltweit die 84). Zum Italiener wegen der Sahne an der Carbonara und der Ananas auf der Mafiatorte. Inzwischen beherrschen in Berlin die Vietnamesen auch die japanischen Sushi-Bars, weil sie es können.

Entfachlichung. Wie doof die Menschheit wirklich ist, das sieht man an den Hilfsprogrammen im TV. Hier werden Dinge erklärt, die für die Hausfrau zum Elementarsten gehörten (Gemüse schneiden, sogar Zwiebeln). Die Amerikaner erweisen sich hier (wie auch bei vielen anderen Themen) als die grundverwirrten Deppen unter den vorsätzlich Doofen; not knowing one‘s ass from a hole in the ground.

Für all diese Megatrends gibt es ein absolutes Symbolprodukt: das erfolgreichste Gericht aller Zeiten, die Tiefkühlpizza. Essen für Idioten. Und selbst bei der braucht es den Hinweis, dass das Plastik, in das sie eingeschweißt ist, entfernt werden soll, bevor sie in den Ofen kommt. Alter Schwede.