Logbuch
HAMLET.
In Berlin nix los. Wie beim ollen Hamlet im Staate Dänemark. Gestern die Sopranistin bei den Symphonikern barfuß auf der Bühne. Gab die Ophelia, Hamlets Geliebte, musikalisch allenfalls mittelmäßig. In der Pause gegangen. Damit Hamlets Empfehlung gefolgt: „Geh in ein Kloster!“ Hamlet, das ist der, der schon mal aus Versehen seine Berater umbringt. Wie der Merz den Schnieder.
Die journalistischen Auguren der Hauptstadt murmeln dunkle Gerüchte um das politische Ende des Friedrich Merz als Kanzler von Schwarz-Rot. Dabei kommt immer wieder der Vergleich zu Angela Merkel, die länger durchgehalten habe. Was war Muttis Geheimnis? Ich habe die Antwort. Die Protestantin aus dem Osten lebte unter der Patronage von Volker Kauder.
Das ist das Geheimnis: Kauder machte Merkel möglich. Immer steht hinter der Lichtgestalt eine dunkle. Franz Müntefering hinter Gerhard Schröder, Herbert Wehner hinter Willy Brandt. Die Rolle sollte Jens Spahn für Merz spielen, aber der fällt aus wg. Mutterschaftsurlaub.
Moment mal. Wehner hat Brandt doch zu stürzen geholfen. Und Münte war weiß Gott nicht Gerds Glück. Stimmt. Achtet auf die dunklen Gestalten, namentlich die Fraktionsvorsitzenden. Wo ist er, der ewige Luca Brasi? Wer macht für Merz diese Dreckarbeit? Der macht die Drecksarbeit selbst? Echt? Dann ist allerdings etwas faul im Staate Dänemark. Tja, das könnte es sein.
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WAS DER DOKTOR SAGT.
Ärzte gelten, wenn Chefs ihrer Krankenanstalt, als Halbgötter in Weiß, was zum Teil dem notorischen Kittel geschuldet und zum Teil der gnadenlosen Hierarchie in Kliniken. Wirkliche Grundlage ist aber die schon religiöse Verehrung durch den Patienten, der Heilung erfährt, eine Wundertat, die ansonsten nur Gottessohn für sich reklamiert. Und natürlich ist man ganz infantil froh, wenn vom Schmerz befreit.
In dieses göttliche Gewerbe ist Konkurrenz eingetreten, unerwünscht und schlecht gelitten. Der Geduldige (das heißt eigentlich Patient) wartet nicht die Diagnose vom Onkel Doktor ab, sondern befragt vorher dessen Kollegen im Internet, Dr. Google. Mit dessen KI-generierter Diagnose sitzt er nun, gänzlich ungeduldig, vor dem Arzt, den er schlecht gelaunt zu belehren gedenkt, wenn der nicht gleich spurt und verordnet, was an Droge gewünscht. Lehrsatz: Es konstituiert sich verdeckt mittels Künstlicher Intelligenz ein normativer Diskurs dazu, was Gesundheit eigentlich ist; das ist nicht nebensächlich.
Ich rede darüber mit einer wirklichen Koryphäe, einem medizinisch wie ethisch hochgebildeten Arzt, der, obwohl sonst sanftmütig, ganz banal Zorn zeigt. Der Doc ist sauer. KI kann nicht heilen, sagt er. Wenn er ans Bett träte, passiere mehr als Stochastik; das ist Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zurecht für die Krückenwissenschaft der Kybernetik gehalten wird. Mir wäre als Patient schon recht, wenn es um mich als Individuum ginge.
Meine Skepsis ist deshalb so groß, weil ich schon als Laie sehe, wie, ich nenne ein Beispiel, in der Propaganda für die Abnehmspritze der Gesundheitsbegriff verschoben wird, um das Lieblingswesen der Pharmaindustrie zu schaffen, den Chroniker. Denn da sind sie von der primitiven Mentalität des Pushers der Drogen-Subkultur; sie schaffen sich sehr gern eine Stammkundschaft, to say the least. Da hilft die Stigmatisierung von Persönlichem als Perversion.
Ich rate zu einer großen empirischen Studie unter dem Titel „Was Doc Google rät“. Freilich nicht um mit den Diagnosen zu hadern, sondern um zu erfahren, was die Leute dort so erfragen. Anamnese. Denn Medizin ist Mentalität. Woran leiden die Menschen wirklich? Natürlich ist das dann ein Parameter der Politik. Deshalb wird sie auch niemand finanzieren wollen, die Studie. So, jetzt übermittle ich Blutdruck, Temperatur und Zucker an mein iPhone und ermittele so, was es zum Frühstück gibt. Echt? Bircher Müsli? Gymnastik? Nein. Full English. Und dann die Spritze.
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LEBENSART.
Wenn es einen durchgängigen Imperativ westlicher Moderne gibt, so ist es die Verfeinerung des Genusses. Dazu hatte ich gestern Gelegenheit. Ein netter Berufskollege hatte mich zu einer Verkostung des Brauerbundes eingeladen. Es gingen die sechs Oktoberfestbiere an den Start, die die dort zugelassenen Brauereien eigens auflegen. Nun wird man schlecht sechs Maßkrüge voll davon zu sich nehmen können und noch zu einem Geschmacksvergleich in der Lage. Es gab daher kleinere Gläser, etwa so wie im Rheinischen üblich. Ergebnis: Ich bleibe beim Hacker.
Geladen wurde in ein bayrisches Wirtshaus, dass man in Ostberlin nachgebaut hatte, nahe am Ambiente einer Touristenfalle, aber immerhin. Aufwendig und mit Klasse. Der alltägliche Bierkonsum ist hierzulande zu einem Massenkonsum mittels Mehrwegflaschen und Bauarbeiterkästen verkommen, der als Commodity felsenfest unter einer bestimmten Preisgrenze klebt, für die das Spülen der Pullen nicht mal lohnt. In einer sehr mittelständisch geprägten Industrie scheint niemand die Kraft zu haben, in diese Breite ein Premiumprodukt zu setzen, für das die Leute auch richtig Geld auszugeben gedenken. Und die Giganten wollen vermutlich nicht: Intercourse in a canoe.
An meinem Tisch sitzt der Kollege von Coca-Cola, den ich zu einem Trend befrage. Ich sehe immer öfter die klassische Flasche Kocka mit Strohhalm zu ordentlichem Essen. Wohl eine Marotte von Muslimen, die dem Alkoholverbot ihrer Religion folgen. Wir unterhalten uns über Alu-Dosen; ein Trend, den ich mal leidenschaftlich verfolgt habe. Can the can. Jetzt treibt der Ersatz von Zucker das Geschäft, wie es die Entalkoholisierung bei Bier ist. Selbst Wein und Sekt gibt es schon als Plörre. Das Leben als ein einziger Kindergeburtstag.
Anmerkung: Die Karte in der Schwemme bietet diverse Kräuterliköre. Das geht nicht. Man nimmt zum Bier nur Brände. Doppelkorn. Aus Getreide. Zum Rebensaft Weinbrand. Likör nie. Das ist Sirup. Alles muss man sagen.
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DIE FERKELSTECHER.
Da wir letztens über Feldärzte und die medizinische Zunft sprachen: Ich erinnere mich an zwei Bundeswehrkrankenhäuser, in denen ich mal zu tun hatte, in Koblenz und Berlin. Das am Mittelrhein hatte mich zu einem Vortrag eingeladen und ich patzte. Jedenfalls war ich nicht mit mir zufrieden. Solche Fehlleistungen hängen mir nach. Eine vergeudete Rede, das ist wie ein vergeudetes Leben. Eben nicht Perlen vor die Säue (passiert auch), sondern leider nur Runkelrüben. Im nächsten Leben wird man dafür an den Ohren gezogen.
In Berlin war ich als Zivilist über einen privaten Belegarzt zu einer kleinen OP und als jemand, der nicht gedient hat, wirklich beeindruckt von der militärischen Kommunikation. Ich hockte einige Zeit auf dem Gang und fand alle Patienten aufgerufen mit Dienstgrad und Namen. Es gab einen Unteroffizier Müller und einen Kapitän zur See Meier. So kommuniziert sich also die Struktur stets mit. In anderen Organisationen ist die soziale Struktur zwar auch vorhanden, aber nicht so präsent; ich begreife erstmals den Sinn der Uniformen.
Diese seltene manifeste Begegnung mit der okkulten Struktur fällt mir wieder ein, als ich über die Anwaltschaft in Berlin informiert werde. Ich sprach mit einem wirklichen Kenner der Szene über Massenschäden und Massenklagen; das gehört ja zusammen. Die einschlägigen Rechtsschutzversicherungen spielen dabei ja eine Rolle, manche rühmlich, manche schlicht betrügerisch, indem sie das Leistungsversprechen, für das sie Prämien kassiert haben, notorisch umgehen. Die vorsätzliche Leistungsverweigerung als Geschäftsidee. Aber ich bin kein Jurist; wie immer man diese Eierdieberei unter Anwälten korrekt benennt.
Ich lerne dabei, dass man Anwälte unterscheidet in die Stars der Profession, oft in großen „law firms“ beheimatet oder namentlich auf Türschilder prangend, und Ferkelstecher. Kein Scherz. Welch eine Symbolik. Vor hohen Gerichten werden fette Säue geschlachtet und der unteren Gerichtsbarkeit Ferkel gestochen. Die unzünftige Hausschlachtung als Metapher. Fast glaube ich, dass Jus am Ende doch Humor hat; das kann aber eigentlich nicht sein.