Logbuch

HORROR VACUI.

Die Natur hasst das Vakuum, haben schon die alten Griechen gesagt. Und ihre Erfahrung formuliert, dass Leere sich füllt. Und sei es mit Schmutz. Über die neue Moderne einer reaktionären Rechten.

Die Berliner Bühne ist leer. Während der Parlamentsferien herrscht das Sommerloch. Die Abgeordneten touren allenfalls in ihren Wahlkreisen. Es werden Provinzpossen aufgeführt, aber keine Haupt- und Staatsakte. Gähnende Leere.

Die Konservativen finden keinen Vorsitzenden von Gewicht. Auch die Umbesetzung, die Friedrich Merz in der Zweiten Reihe vornimmt, überzeugen nicht. Der Herr Linnemann wirkt wie ein Schülersprecher. Es fehlt an Gewicht.

Die gleiche Leere charakterisiert die Sozialdemokraten. Ich lasse mal die peinliche Personalie Esken unerwähnt. Das Duo Klingbeil/ Kühnert ist von einer erdrückenden Unbestimmtheit. Wir haben kein Konzept mehr davon, was links und was rechts ist.

Fundamentale Inhalte kommen in diesem Vakuum von den Grünen und (in Opposition dazu) der FDP. Auf der einen Seite der Bonapartismus der Ökodiktatur und auf der anderen Rudimente des Neoliberalen. Beides keine Ideologien, die den Veränderungsverlierern attraktiv erscheinen könnten. Die Verteufelung der AfD macht diese für jene Verzweifelten attraktiv.

Mit alldem ist beschrieben, woher die Rechtspopulisten ihren Zulauf erhalten. Alte weiße Männer ohne Arbeit und bar jeder Begeisterung, hoffnungslos zurückgeworfen auf das, was der dumpfe Frust noch gebiert: Fremdenfeindlichkeit. Braune Nostalgie.

Mein amerikanischer Freund sagt, dass der Verfall der Republikaner zum Wahlverein Trumps seine eigentliche Ursache in der Unfähigkeit der Demokraten habe. Da ist was dran. So, wie es stimmt, dass die Weimarer Republik den Faschismus gebracht hat. Und der Aufstieg der AfD zur 20-Prozent-Partei dem miefigen Mittelmaß der Systemparteien geschuldet ist.

Gähnende Leere füllt sich mit brauner Nostalgie.

Logbuch

WER IST IN ECHT JOURNALIST?

Der liberale Rechtsstaat billigt Journalisten ein „Zeugnisverweigerungsrecht“ zu; ein großes Privileg. Sie können QUELLENSCHUTZ mit Informanten vereinbaren. Wie Priester und andere Berufsgeheimnisträger. Wer aber ist ein wirklicher Journalist?

Der Beruf hat keinen geregelten Zugang; so fängt es mal an. Jeder Clown kann sich publizistisch beschäftigen lassen. Die Quote von Karriere-Chaoten ist hoch. Was nicht gegen die Edelfedern sprechen muss. Ganz im Gegenteil. Viele Genies, wenige Trottel. Das Salz der Erde. Mein Ernst.

Früher gab es  offizielle JOURNALISTEN-AUSWEISE, die sehr begehrt waren, weil sie einen ganzen Reigen von Rabatten ermöglichten. Natürlich eine milde Form der Korruption. Der Missbrauch stand in der Tür: obskure Anbieter von solchen Ausweisen schossen ins Feld. Jeder Trottel konnte sich einen PRESSEAUSWEIS kaufen. Kein verlässliches Kriterium mehr.

Die PR suchte sich, übrigens seit ihrer Geburtsstunde, als Presse zu tarnen. Damit kamen nicht nur eitle Scharlatane zum Zuge, sondern auch veritable Gegner, jedenfalls Gegenspieler, von braven Pressesprechern bis hin zu üblen Propagandisten. In der PR war der Missbrauch der Pressefreiheit ja schon strukturell angelegt, obwohl auf der Visitenkarte „Journalist“ stand.

Dann entließen die Verleger anständig bezahlte Redakteure in die prekäre Scheinselbständigkeit, in der sie Presse und PR und Werbung machen mussten, Firmen gründeten oder Stütze aufstockten, um zu überleben. Selbst Günter Jauch will als Journalist gelten. Und der unerträgliche Tilo Jung&Doof. Stehen auch all denen die Privilegien des Journalismus für all ihre Auftragsarbeiten zu?

Schließlich die digitale Revolution. Damit fielen alle Grenzen. Deregulierung. Ist der Blogger ein Journalist? Wann und wann nicht? Ich selbst betreibe einen Blog, der inzwischen aus täglichem Erscheinen mehr als eintausend Glossen aufweist. Gelegentlich auch unter der Streiflichtqualität, aber immer unabhängiger Meinungsjournalismus. Das ist nicht wenig, 1000 Stücke. Und ein Periodicum. Mit Impressum. Reicht das? Macht mich das zum Journalisten?

Das Presserecht bedarf dringend der Aktualisierung; da müssen der Gesetzgeber und die Gerichte ran. Ja, Richterrecht. Von den beiden Journalistenverbänden ist da nichts Substanzielles zu erwarten; das sind immer und ÜBERALL (pun intended) die Trottel der Branche in der traurigen Rolle der Vereinsmeierei. Es braucht mehr Richterrecht!

 

Logbuch

DIKTATÜRCHEN.

Eine Grünen-Politikerin aus Thüringen räumt gerade ein, dass es im Osten noch immer Freunde der DIKTATUR gebe. Das stimmt. Wie es im Westen gestimmt hat. So wie es Kriegsgewinnler gibt, hat auch die Herrschaft des Bösen ihre kleinen Nutznießer.

Die Herrschaft der Nazis hat tausende von Namenlosen in eine Uniform gesteckt und ihnen den Terror über ihre Nachbarn erlaubt. In vielen Abstufungen kam der Pöbel an die Macht. Natürlich gab es also Nutznießer der DIKTATUR, nicht nur unter den schwarzen Hemden und den braunen. Der Antisemitismus etwa kannte viele Nutznießer, im Großen wie im Kleinen. Man raubte die Wohnungen seiner jüdischen Nachbarn aus, nachdem die abgeholt worden waren (welch eine Verharmlosung).

Vergleiche sind falsch, zumal historische. Mir liegt nichts daran, meine Landsleute im Osten zu diskreditieren. Aber auch die DDR war ein Unrechtsstaat. Ich habe einen Jugendfreund, der dazu wirklich Aufschlussreiches publiziert. Man lese Peter Wensierski. Und im Innenleben des Unrechts gab es auf vielen Stufen die Nutznießer dessen. Der Begriff des Blockwarts fällt mir dazu ein, ohne dass ich darunter habe leben müssen.

In den großen DIKTATUREN gibt es die Binnenräume der kleinen, in denen die Helfershelfer der großen Herrschaft zu einer kleinen kommen. In meiner Jugend waren das die Alten Kameraden, die der jungen Demokratie auf die Beine helfen sollten. „Unter Adolf hätte es das nicht gegeben!“ Diesen Satz habe ich oft gehört.
Es gibt eine ähnliche NOSTALGIE zu den DDR-Zeiten im Osten. Zumal nach dem ruppigen Schleifen durch den Westen.

In den Diktaturen gedeihen Diktatürchen, denen mit dem Fall des großen Unrechts die kleinen Unrechtsvorteile entzogen sind. Die Kriegsgewinnler fürchten deshalb nichts mehr, als dass der Frieden ausbricht.

 

Logbuch

GELD REGIERT DIE WELT.

Man erkennt einen Charakter am ehesten an seinem Humor; oder dessen Fehlen. Man beachte, wie gelacht wird und worüber. Den Zwangsneurotikern ist kein offenes Lachen gegeben. Das Böse lächelt nicht, schon gar lacht es nicht herzhaft. Es grinst dämonisch oder wiehert hinter einer Maske. Gier verzerrt die Züge.

Da die USA ein Einwanderungsland sind, der amtierende Präsident ist aus der Pfalz, also deutschstämmig, muss man sich gelegentlich auch exotische Namen merken. Vivek Ganapathy Ramaswamy zum Beispiel ist ein zugewanderter Hindu aus Indien, der sich in Ohio niedergelassen hat. Er leitet die neue Behörde für Regierungseffizienz zusammen mit dem Migranten Elon Musk, einem weißen Südafrikaner, der Wert darauf legt, kein Bure zu sein, sondern britischer Abstammung. Aus der Tiefe des sozialen Raums stammt der Hilly Billy JD Vance, der den Vice President gibt, ein gelernter Repräsentant des „poor white trash“; aufgestiegen und jetzt mit einer Inderin verheiratet. Diese vier Figuren gehören zur Neuen Rechten der Republikaner, was ideologisch nicht so ganz konsistent ist, aber doch als unverhohlen merkantil begriffen werden kann. So geht jetzt BOURGEOISE in der neuen Welt.

Was zeichnet die Neue Rechte aus? Ich übergehe mal den NATIONALISMUS zugunsten eines Großen Amerika, weil es nicht ganz einfach zu erklären ist, was ausgerechnet diese zusammengewürfelte Bande so am Ethnozentrismus begeistert. Siehe oben. Ein anderes Merkmal ist die Freude am Rigorosen. Man ist RIGOROS. Da gibt es einen ganz eigenen Humor. Vivek ist für folgenden Vorschlag zuständig: Wie man das Sozialbudget des Staates halbieren könne? Nun, man sage den Amerikanern, deren Sozialnummer auf einer geraden Zahl ende, dass sie raus sind. Bei ungerader Endziffer sei man noch drin. Ergebnis: Budget halbiert. Job erledigt.

Darüber können die Herrschaften sich kringeln; man studiere das Lachen des Tesla-Chefs. Weiterer Scherz. Als der Botschafter Dänemarks vorträgt, dass Grönland nicht zum Verkauf stünde, erhält er die Erwiderung: „Bullshit. Everything is for sale.“ Wie auf diesen Exzess des Merkantilen obendrauf das Evangelikale passt und die populistische Zuwendung an die Arbeiterschaft, das mag zusammendenken, wer will. Ich fürchte, dass zum neuen Humor auch der Mut zum Widerspruch gehört. Die Charaktermasken des Kapitals feiern ihr Kalkül unverhohlen.

Des Kaisers neue Kleider bestehen mittlerweile darin, dass auch er selbst, der Hegemon, weiß, dass er nichts mehr zu verbergen hat. Das Kapital promeniert unbekleidet. Profan oder paradox zu sein, das stört doch den Oligarchen nicht.