Logbuch

ZWISCHEN BAUM UND BORKE.

Das war peinlich. Ich saß in einem Schloss zum Dinner mit den Präsidenten eines BENTLEY CLUBs, sauteure Oldtimer, vornehme Herrschaften. Am Tisch mein damaliger Boss, der sich für anglophil hielt. Zur Konversation genötigt, beginne ich: „The Guardian had this story on…“ Der Bentley Boy (historisch korrekte Anrede solcher Gentlemen) neben mir unterbricht und fragt mich mit steifer Oberlippe, ob ich etwa den MANCHESTER GUARDIAN meine. Voll blamiert, ein despektierliches Blatt zitiert. Abstriche in der Haltungsnote…

Der GUARDIAN ist zweihundert Jahre alt; seit 1959 verzichtet er auf die Nennung des Geburtsortes, an dem eine neue Mittelklasse von Textilunternehmern aufbegehrte. Damals war liberal etwas anderes als heute, aber eben nie „Tory“, wie es dann heißen sollte. Das Blatt ist klar links der Mitte und brüstet sich mit INVESTIGATIVEM JOURNALISMUS. Eine Festung dessen, was sich bei uns der HALTUNG verpflichtet weiß. Ja, in der Redaktion eine selbsternannte Elite mit moralisch formuliertem Bekehrungswillen. Und Verdiensten.

Vor die Frage nach der angemessenen MEINUNG haben die Götter nämlich die Frage danach gestellt, was überhaupt passiert ist. Bevor es um die WAHRHEIT geht, muss es um die WIRKLICHKEIT gehen. Das ist der Kern der Aufklärung, dass es immer mehrere Meinungen zu verschiedenen Wahrheiten geben kann, aber eigentlich nur eine Wirklichkeit. Aber auf „Twitter“ kann man das nicht diskutieren; dort tobt der rigorose Meinungsmob. „Was war wirklich?“ Meine Generation hat das schon während des Vietnamkrieges der Franzosen und der Amerikaner gelernt; der Irakkrieg der Amerikaner und Engländer ist ein aktuelleres Exempel. Propaganda täuscht über die Wirklichkeit, lange bevor es um Wahrheiten oder gar Meinungen geht.

Der GUARDIAN hat in seiner Blattgeschichte sehr oft für helle Wut und für bittere Enttäuschung gesorgt. Die Rechte war sauer und die Linke traurig. Zwischen Baum und Borke, aber auf der Suche nach dem, was wirklich passiert ist. Ich finde, da gehört Journalismus hin. 

PS: Ich lese den GUARDIAN, auch hinter der Bezahlschranke (was das Blatt galanter macht als deutsche Verleger).

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PAUKER.

Wir haben die Kinder in der Pandemie in die Ecke geschoben. Jedenfalls, was das Recht auf Schule und Kindergarten angeht. Der Staat hat sich vor einer seiner vornehmsten Pflichten gedrückt. Verdruckst, in peinlichem Hickhack. Und dann höre ich jetzt eine einzelne Schülerin mit Achtung von einer einzelnen Lehrerin erzählen, die sie fördert. Nur ein Gedanke: Wie wichtig sind GUTE LEHRER. Wie erbärmlich hat dieses Land versagt.

Ich hatte gute Lehrer und ich hoffe, dass ich ein guter war. Nicht immer, eh klar, aber in der EINSTELLUNG. Ich war nicht lange PAUKER, aber gerne. Ich war kein guter Schüler (das Abi haben sie mir geschenkt; die Kurve zum SUMMA habe ich erst im Hauptstudium gekriegt), aber ich habe Lehrer geschätzt. Selbst die, die ich geärgert habe und die, die mich abstraften. Noch heute denke ich an meine Grundschullehrerin Fräulein N., meinen Deutschlehrer Hans B. auf der Penne und meinen Doktorvater Jürgen L. Und meine Frau Mutter, die mir nachmittags am Küchentisch mit verstellter Schrift die Hausaufgaben machte, wenn ich ihr zu müde war (Zustände wie bei Baerbocks).

Man fühlte sich gefördert. Das nannte sich etwas steif PÄDAGOGISCHER EROS. In der Pandemie fehlt der ganz, jedenfalls dem Staat. Ich fürchte: Unsere Entscheidung, die Fürsorge für die ÄLTESTEN weit über die Fürsorge für die JÜNGSTEN zu stellen, bleibt als eine Schuld historischen Ausmaßes. Wir sollten uns schämen.

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NAKED SHORT SELLING.

Als der Dichter Bertolt Brecht Ende der Zwanziger Jahre zu verstehen suchte, wie an der amerikanischen Börse mit WEIZEN spekuliert wurde, hat er notiert, es verstanden zu haben und zugleich auch wieder nicht. Aber er war sich sicher, wie er schrieb, „in eine BÖSE SACHE geraten“ zu sein.

KOGNITIVE DISSONANZ. So geht es mir, seit ich zu kapieren suche, was SHORT SELLING ist. Ich verstehe es nicht wirklich. Es geht im besonderen um UNGEDECKTE LEERVERKÄUFE, die die Herrschaften „naked (!) short selling“ nennen. Das ist, nachdem, was ich bisher höre, die Spekulation auf einen Kursverlust eines Papiers, das man weder besitzt noch geliehen hat, und zwar durch eine gezielte Informationspolitik, die aber keine Marktmanipulation sei. Daraus werde ein erheblicher Gewinn realisiert. Das verstehe ich nicht wirklich; auch nicht, nachdem ich einen Freund danach gefragt habe, der ein anständiger Kerl ist und sich, im Unterschied zu manchem PR-Ethiker, wirklich auskennt.

Nein, ich möchte es auch nicht noch mal erklärt bekommen. Es hätte mir zudem zunächst gereicht, wenn ich für mich verstanden hätte, was GEDECKTE LEERVERKÄUFE sind, also solche, wo sich jemand das Papier, auf dessen Abstieg er wettet, wirklich geliehen hat, um es dann zunächst zu verkaufen und schließlich billiger zurückzukaufen, wenn er es zurückgeben muss, und so von dem Delta lebt. So weit, so gut. Da würde ich insbesondere gerne verstehen, warum das Aktienpaket von seinem Besitzer verliehen wird. Wer dabei wie profitiert und wer haftet, wenn das mal schief geht. KORREKTUR: Nein, auch das will ich nicht wissen. Ich steige aus dem Thema aus.

Man muss bei solchen ökonomischen Studien auf sein SEELENHEIL achten. Bei Brecht verfinsterte sich damals seine Weltsicht erheblich. Er brachte die Spekulation um Weizen kurzschlüssig mit dem Welthunger in Zusammenhang. So einfach sind die Dinge ja nicht. Man wird bösgläubig und kann zum POLITISCHEN IRRLÄUFER werden. Das sollte man sich ersparen.

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CHARAKTER.

Den Charakter bemerkt man meist dadurch, dass er fehlt, wo man ihn nun wirklich mal erwartet hätte. Meist bemerken wir im Leben lediglich Leute. Das äußert sich schon in dem Lehrsatz: Der Mensch ist gut, nur die Leute taugen nix.

Früher war der Beinamen ein Hinweis, meist auf Äußerlichkeiten, gelegentlich aber auch auf die Wesensart. Wir kennen, obwohl klein an Wuchs, Karl den Großen. Ebenfalls aus Aachen Bruder Leichtfuß, Armin Laschet mit bürgerlichem Namen. Unbedeutender als Karolus Magnus, aber einprägsam „der schöne Klaus“, eine Kiezgröße von der Reeperbahn. In Köln hieß sein Berufskollege „der lange Tünn“. Dem Lateiner war der Beinamen, auch Agnomen oder Cognomen genannt, so wichtig, dass er zum sprichwörtlichen Dritten Namen wurde. Für mich wäre, finde ich, Magnus so schlecht nicht. Ich gebe das zu bedenken.

Wenn die Beliebigkeit der Biologie auf eine kulturelle Narration zusammengedampft werden kann und uns diese elementare Geschichte echt erregt, dann empfinden wir eine Person als CHARAKTER. Jemanden für einen Charakterkopf halten, heißt in ihm etwas Grundsätzlicheres wiederzuerkennen. Es ist wie bei Eisbergen im Nordmeer: Wenn da nicht nur eine blöde Scholle im Wasser treibt, sondern wir die Spitze von etwas sehr viel größerem zu erkennen glauben, dann vermuten wir Charakter.

Wilhelm Tell, der Begründer der Eidgenossenschaft, ist so ein Kerl von Schrot und Korn. Hermann der Cherusker, der die Römer schlug. Albert Schweitzer aus Kaysersberg im Elsass. Meine Frau Mutter hatte, wenn die Kinder nicht lauschten und sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen wollte, einen Ausdruck für das Gegenteil. Sie nannte Charakterlose „Ärschken“, wenn Männer, und „Trulla“, wenn weiblichen Geschlechts. Wo ich aufgewachsen bin, galten Feige und Faule nix. Und Schleimer; noch so ein Wort.

Kipling, der Dichter der englischen Gentlemen, hat seine Vorstellungen von Charakter in eine Ode an seinen Sohn gekleidet, die wir, weil zu schwülstig, hier nicht wiederholen. Wollte man weiter erläutern, wäre ein Ausflug in die zeitgenössische Politik zur Hand. Ich sehe allfällig Trottel und einen Teddybären, ein Ärschken und die Trulla. Das immer wache Auge des Zensors hindert mich aber daran, hier Klarnamen zu nennen.

Blick über den großen Teich. Können auch Tyrannen charakterlos sein? Das ist eine gute Frage. Ich habe vorgestern einen Tyrannenforscher getroffen. Unter dem Motto „hic semper“ hat er achthundert Seiten über alle Tyrannen-Narrationen geschrieben. Ein wirklich gebildeter Mann. Übrigens klug und sanften Gemüts. Ein Charakter. Wir aßen in Hannover im Restaurant 11A, was eine Marktbude im Schatten des Ihme-Palastes ist, aber von beeindruckender Kochkunst. Ich hatte ausgezeichnete fish&chips. Gezahlt hat die Dame am Tisch. Selten so was. Wie immer schweife ich ab.