Logbuch
WENN ES AN PR FEHLT.
Im Jahre 64 nach Christi Geburt, genauer gesagt am 19. Juli, es war Vollmond, haben die Christen unter Anführung von Petrus und Paulus, den Aposteln, das damals noch abergläubische Rom angezündet. Die Stadt brannte eine ganze Woche lang nieder, neun von dreizehn Vierteln bis auf die Grundmauern zerstört. Man hat versucht, diese Untat dem allseits beliebten ERSTEN BÜRGER ROMS („princeps“) Nero in die Schuhe zu schieben und behauptet, er habe sie in Brand gesetzt und sich darüber amüsiert und dazu auf seiner Harfe gespielt und gesungen. Man machte aus ihm einen irren Pyromanen. Das könnte GESCHICHTSKLITTERUNG sein.
Denn Nero war bei Ausbruch gar nicht in der Stadt, er war auf Urlaub in Antium, an der See, und im übrigen einer der Hauptgeschädigten des Feuers. Ein beliebter Anführer. Er war im Volke hochgeachtet, auch nach dem Brandt. Seine Rache an den brandstiftenden Frühchristen und ihren apostolischen Anführer war allerdings böse. Er ließ ihnen Schafsfelle aufbinden und sie von Hunden durch die Stadt jagen. Danach wurden sie, wie damals dort Usus, gekreuzigt und zu lebenden Fakeln. War so damals.
Die Passage im Werke des ehrbaren TACITUS, in der er die „chrestiani“ als Brandstifter nennt, ist historisch das erste Dokument, in dem die Sekte aus dem Judaismus, das spätere Christentum, so in lateinischer Schrift benannt ist. Immerhin, TACITUS! Schwer vorstellbar, dass dies ein Fälschung ist. Nero hat übrigens nach dem Feuer die Wirtschaft Roms wieder angekurbelt, indem er sich einen riesigen Palast bauen ließ, das Goldene Haus. Aber es fehlte wohl an klugem PR. Das Reputationsproblem, das er bis heute leider hat, wäre eigentlich zu vermeiden gewesen.
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BEATLES ODER STONES ?
Das war die fundamentale Frage meiner Jugend, war man braver Fan der Fab Four aus Liverpool oder Anhänger der Rollenden Steine. Konkurrierende Fabelwesen der Sechziger. Als ich dreißig Jahre später, 1997, mit dem Beatles-Management in New York verhandelt habe, konnten die Jungs noch immer nicht über meinen Spott lachen. Dabei ist es wahr: das ist eine „skiffle group“ gewesen, die sich in Jazz-Clubs eingeschlichen hat. Und auf der Reeperbahn ein „side act“ war.
Heute würde eine „white boy group“, die „Pick a bail of cotton“ anstimmt, von den Identitären des Kulturdiebstahls bezichtigt. CULTURAL APPROPRIATION ist das Stichwort eines tiefen Missverständnisses darüber, wie sich Kultur entwickelt. Nur durch geistigen Diebstahl. Na ja,APPROPRIATION heißt nur Aneignung; Entwenden heißt eigentlich Expropriation. Aber egal: Es geht immer um kulturellen Wandel: Folie & Novum auf der Folie (wie die Russischen Formalisten es nannten). Die neuen Zeiten entstehen in den Kostümen der alten, durch deren provokativen Missbrauch. Und sei es nur, dass man die Haare wachsen lässt. Pilzköpfe. Afro-Look.
Der Beat, der dann zum Rock and Roll wurde, entstammt einer Aufnahme des Schwarzen Amerikanischen Blues in englischen Hobbybands einer aufmüpfigen Jugendkultur, die ihn wie auch Jazz und Folk als Steinbruch zum frischen Ausdruck eines pubertären Exotismus nutzen. Bewusst primitiv und melancholisch frech. Die Musik wird dann perfekter, das Melancholische bleibt.
Die Beatles, animiert durch Marihuana und LSD, machten Liedchen, sehr auf Gefälligkeit achtend; bei den Stones war es wohl eher „brown sugar“ (meint: Heroin) und Bolivianisches Marschierpulver, das sie rüderen Ausdruck suchen lies. Harter Rock n Roll. Aber das mit den Drogen ist, wie Kipling sagen würde, eine andere Geschichte.
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MUTTER NATUR.
Gespräch auf Facebook mit einem Freund über die Frage, ob irgendwelche Naturvölker nicht im Recht sind, wenn sie einem Fluss oder einem Wald eigene Rechte zubilligen. Eine Frage der Rechtssystematik. Er ist Jurist (ein genialer Strafverteidiger), ich nicht. Ich bin nicht überzeugt. Denn ich nenne das die ANTROPOMORHISIERUNG der Natur. Passiert im Kleinen mit Haustieren. Pussy als Freundin. Im Großen bei Naturreligionen. Der Regenwald als Paradies.
Also, den Wind oder Sturm, den kann man als Gottesatem verstehen. Oder als Thermik, bewegte Luft. Er hat für mich kein RECHT SUI GENERIS. Die Römer setzten unter die Eichen, die sie pflanzten, schnellwachsende Laubbäume, um die Eichen zu zwingen, sich gerade in die Lüfte zu erheben. Sie brauchten lange gerade Stämme für ihren Schiffsbau. Das wurden die Kiele der Flotte der Weltmacht.
Man lernt, dass WALD nichts anderes ist als der KAMPF UM LICHT, in dem der verdorrt, der ihn verliert. So wie jener im Mittelmeer den Piraten unterliegt, der die schlechteren Schiffe hat. Halt, stop. Jetzt habe ich mich selbst in einen SOZIALDARWINISMUS argumentiert. Das sollte nicht sein, oder?
Die menschliche Gesellschaft ist eben nicht darwinistisch, sollte es nicht sein. Weil die Natur, das ist das Recht des Stärkeren, eben SURVIVAL OF THE FITTEST. Aber auch das ist strittig. Vielen ist sie heute ein Schoß. Der Schoß von MUTTER NATUR. Ich zögere da. Denn IDYLLE, das ist ein Werk der Philosophie. Sie liegt in den Augen des Betrachters. Also doch Naturreligion? Die Debatte ist abschließend nicht geführt. I am not convinced, wie schon Joschka Fischer einst sagte.
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CHARAKTER.
Den Charakter bemerkt man meist dadurch, dass er fehlt, wo man ihn nun wirklich mal erwartet hätte. Meist bemerken wir im Leben lediglich Leute. Das äußert sich schon in dem Lehrsatz: Der Mensch ist gut, nur die Leute taugen nix.
Früher war der Beinamen ein Hinweis, meist auf Äußerlichkeiten, gelegentlich aber auch auf die Wesensart. Wir kennen, obwohl klein an Wuchs, Karl den Großen. Ebenfalls aus Aachen Bruder Leichtfuß, Armin Laschet mit bürgerlichem Namen. Unbedeutender als Karolus Magnus, aber einprägsam „der schöne Klaus“, eine Kiezgröße von der Reeperbahn. In Köln hieß sein Berufskollege „der lange Tünn“. Dem Lateiner war der Beinamen, auch Agnomen oder Cognomen genannt, so wichtig, dass er zum sprichwörtlichen Dritten Namen wurde. Für mich wäre, finde ich, Magnus so schlecht nicht. Ich gebe das zu bedenken.
Wenn die Beliebigkeit der Biologie auf eine kulturelle Narration zusammengedampft werden kann und uns diese elementare Geschichte echt erregt, dann empfinden wir eine Person als CHARAKTER. Jemanden für einen Charakterkopf halten, heißt in ihm etwas Grundsätzlicheres wiederzuerkennen. Es ist wie bei Eisbergen im Nordmeer: Wenn da nicht nur eine blöde Scholle im Wasser treibt, sondern wir die Spitze von etwas sehr viel größerem zu erkennen glauben, dann vermuten wir Charakter.
Wilhelm Tell, der Begründer der Eidgenossenschaft, ist so ein Kerl von Schrot und Korn. Hermann der Cherusker, der die Römer schlug. Albert Schweitzer aus Kaysersberg im Elsass. Meine Frau Mutter hatte, wenn die Kinder nicht lauschten und sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen wollte, einen Ausdruck für das Gegenteil. Sie nannte Charakterlose „Ärschken“, wenn Männer, und „Trulla“, wenn weiblichen Geschlechts. Wo ich aufgewachsen bin, galten Feige und Faule nix. Und Schleimer; noch so ein Wort.
Kipling, der Dichter der englischen Gentlemen, hat seine Vorstellungen von Charakter in eine Ode an seinen Sohn gekleidet, die wir, weil zu schwülstig, hier nicht wiederholen. Wollte man weiter erläutern, wäre ein Ausflug in die zeitgenössische Politik zur Hand. Ich sehe allfällig Trottel und einen Teddybären, ein Ärschken und die Trulla. Das immer wache Auge des Zensors hindert mich aber daran, hier Klarnamen zu nennen.
Blick über den großen Teich. Können auch Tyrannen charakterlos sein? Das ist eine gute Frage. Ich habe vorgestern einen Tyrannenforscher getroffen. Unter dem Motto „hic semper“ hat er achthundert Seiten über alle Tyrannen-Narrationen geschrieben. Ein wirklich gebildeter Mann. Übrigens klug und sanften Gemüts. Ein Charakter. Wir aßen in Hannover im Restaurant 11A, was eine Marktbude im Schatten des Ihme-Palastes ist, aber von beeindruckender Kochkunst. Ich hatte ausgezeichnete fish&chips. Gezahlt hat die Dame am Tisch. Selten so was. Wie immer schweife ich ab.