Logbuch

VERSTIEGEN.

Das Schreiben von Glossen kann unglücklich enden, wie das Bergsteigen. Man verkrakselt sich und aus dem Gipfelsturm wird ein tragisches Enden in der Wand. Verstiegen.

Man macht den Ötzi. So gestern hier. Ich habe durch verunglückte Ironie einen Freund verärgert, der nur noch seufzte. Es fing damit an, dass ich einen Fachbegriff vorsätzlich falsch schrieb, in der Hoffnung, dass das einen Besserwisser auf den Plan ruft. Die Welt hat es schlicht ignoriert.

Dann, dem Stilprinzip der Ironie folgend, das Gegenteil des Gemeinten in der Headline; niemand bemerkt es. Weitere Peinlichkeiten folgen. Würde ich das noch mal so schreiben? Eher nein. Eigentlich ja. Man kann die Rücksicht auf die Leser auch übertreiben.

Ein Lebewesen ist autopoietisch, weil es sich selbst erhält, so wie Grottenolm und Bambi. Eine Maschine ist allopoietisch, weil sie des äußeren Anstoßes bedarf, selbst eine Rolex. Na gut. Und was ist der aktuelle Bezug? Künstliche Intelligenz ist allopoietisch. Bestenfalls eine Uhr, nie ein Schwanzlurch oder ein Reh. Die Analogie aller Systeme ist ein Irrtum. Darin irrt die Systemtheorie im Grundsätzlichen.

Na gut. Und? Es wird nicht besser. Ich gebe es auf. Neues Thema, neues Glück. Morgen auf ein Neues.

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HABERMAS IST LUHMANN FÜR DOOFE.

Wie begründet man als Wissenschaftlicher ein Fach, eine eigene Schule? Nun, indem man viel publiziert. Das scheint ja klar. Aber erklärt man sich dann in diesem Schrifttum? Nein, man vergeheimnist sich. Das Verfahren nenne ich „akademische Enigmatisierung“, kapiert?

Ein guter Anfang ist gelegt, wenn man sich auf entlegene Bezüge stützt. Der Soziologe Niklas Luhmann wählt dem entsprechend einen chilenischen Biologen und einen spinnerten Kybernetiker. Wem ist schon Humberto Maturana geläufig oder Heinz von Förster? Als nächstes zieht man aus den Exoten Heinz & Humberto eine abgedrehte Fragestellung in entlegener Terminologie. Bei Luhmann die Frage der „Allopoesis“. Soviel Griechisch muss sein. Ob ein System von seiner Umwelt lebt. Die Antwort ist NEIN.

An diesem Punkt sind zwei der Säuligenheiligen meines Fachs, wie sie selbst mir gegenüber bekundet haben, bereits ausgestiegen; aber da will ich keine Namen nennen. Ich wollte eigentlich erzählen, was mir kürzlich bei Saskia eingefallen ist, das ist meine Frisörin; nämlich wie Luhmann in der Vorlesung erzählte, er habe sich die Haare schneiden lassen. Zunächst aber zur „Allopoesis“.

Humberto, Heinzi und Niklas haben ein einfaches Grunderlebnis, sie staunen über das Wunder des Lebens. Sie empfinden Ehrfurcht davor, dass das Leben bestrebt ist, eben das zu bleiben, am Leben. Das ist der Unterschied eines Lebewesens zu einer Maschine, sagen wir einer Rolex. Der Grottenolm in der Höhle wie Bambi auf der Lichtung sorgen sich aus sich selbst um die Erhaltung ihres Lebens, Autopoesis genannt, während die Rolex, auch als Automat, der äußeren Bewegung bedarf, um überhaupt ticken zu können, Allopoesis genannt. Rolex gebiert keine Rolexe.

So kommt es dann in der Systemtheorie zu der Beschreibung autopoetischer Systeme, deren Inhalt KOMMUNIKATION ist, aber nicht Menschen oder Schwanzlurche oder Bambis. Die Gesellschaft besteht aus Kommunikation, sagt Luhmann, und nicht aus Menschen. Denn, wenn er sich die Haare schneiden ließe, würde doch dadurch nicht die Gesellschaft weniger. Er hatte einen kruden Homor, der Heilige der Zettelkästen.

Was er meinte: Gesellschaft ist ein System, also eine Struktur mit Funktionen, aber keine Menge mit Elementen. Wer das kapiert, gehört dazu; wem sich das verschließt, muss halt Habermas-Schüler bleiben, sprich Luhmann für Doofe.

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WAS GESCHRIEBEN STEHT.

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt…“ Zum großen Stolz meiner Frau Mutter wusste ich als Knabe die WEIHNACHTSGESCHICHTE auswendig daher zu sagen. In kurzen Hosen stand ich vor dem geschmückten Baum und rezitierte die Luther-Übersetzung des Lukas-Evangeliums. „Woher hat der Junge das?“

Ich war seitens meiner Eltern keinem religiösen Eifer ausgesetzt. Die Mutter katholisch und der Vater Spross der „Versammlung“, nämlich ostpreußischer Protestanten, waren die beiden Heiratswilligen übereingekommen, sich kirchlich auf der Mitte zu treffen; man wurde evangelisch. Ich wurde daher wie von selbst Katechumene und Konfirmand in der Kirche Luthers. Erwartet wurde von mir zuhause im Religiösen eigentlich nichts, aber ich galt irgendwann als „bibelfest“.

Das meint jene Rechthaberei von Schriftgelehrten, die ihr Halbwissen mit allerlei Zitaten zu tarnen wissen. Sie sind streitsüchtig und heben immer an mit: „Es steht geschrieben…“ Der lapidare Spruch des Zitats wird geadelt, indem man mit dem Habitus des Pharisäers die Bibelstelle anzuführen weiß. Das ist schon übel, wenn es um das Neue Testament geht; aus den philologischen Urgründen des Alten Testaments tauchen ganz kryptische Dinge auf. Es herrscht der Geist der Unduldsamkeit und der strafbewehrte Wille zur Belehrung.

Diese Schlaumeierei der Idioten feiert bei den Evangelikalen in der USA Urstände. Bei deren Übungen zur Laienexegese muss der Nazarener an sich halten; da bin ich sicher. Das gleiche Halbwissen höre ich in der predigenden Anwendung des Koran. Patriarchalische Herrschaft. Wie die Juden es mit dem Talmud halten, weiß ich nicht, ich fürchte aber das gleiche Elend. Das ist ja das Übel mit all den Schriftgelehrten, dass sie nicht gelehrt sind.

Bei modernen Berufen leiden insbesondere die Juristen an dieser Manie der Zitation, am schlimmsten jene, die gar keine sind: Politiker mit dem Völkerrecht oder dem Grundgesetz unter dem Arm. Wer könnte Frau Roth oder Herrn Hofbauer von den Grünen mal erklären, dass das GG eine Verfassung ist, die die Rechte des Staates beschränkt, aber eben keine Maßregel für den sozialen Umgang? Anmerkung: Wenn jetzt jemand „Lüth-Urteil“ sagt, sofort erschießen.

Wo waren wir? Bei der peinlichen Buchstabentreue des Pharisäers, dem liberalen Geist der alten Schriften und dem verbindlichen Gebot der „sprezzatura“. Entspannt Euch. Der Herr, der Euch da heute geboren wird, war kein Rechthaber.

 

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Politik als Posse und Profit: wie heute „Brot und Spiele“ geht

Ob es Charles, dem Thronnachfolger, nun gefällt oder nicht, Elizabeth II hält durch. Der Gatte hat ihr zugeraunt: „Keep calm and carry on!“ Das gilt uns als vorbildlich. Wir lieben die Queen. Und verzeihen gern gelegentliche Verfehlungen ihrer Familie; Stichwort Lady Di (übrigens ein Imperativ).

Nur der Bruder vom Orgel-Ratz aus Regensburg, der Bücher-Ratz, hat als Papst den Köhler gemacht, bevor man mit ihm den Wulff machen konnte. Der „französische Abschied“ im Vatikan hat die alte Logik aus dem Lebenswandel notorischer Rumtreiber: Ein guter Abgang ist die halbe Miete. Aber das ist nur der Anschein, Eigentlich ist dies eine Revolution, ein Kulturbruch immenser Art.

Man steigt nicht vom Kreuz, hat es Jahrhunderte geheißen. Oh doch, sagt da der Reaktionär Ratzinger, ich schon. So hat denn nun auch die Stellvertretung Christi ihre Zeit. Das Religiöse geht ins historische Gesetz: alles nur solange, wie es währt. Dieser Rücktritt zu Rom ist eine ungeheure Säkularisierung. Der Stuhl Petri wird verweltlicht. Nicht der Herr ruft ab, man haut selbst in den Sack.

Kirche verweltlicht sich, so wie sich Politik theatralisiert. Weltliche wie religiöse Macht wird zum öffentlichen Schauspiel. Der Eindruck auf das Publikum ist das eigentliche Regulativ des Handelns. Der manische Blick ins Parkett führt dazu, dass die Zunft der Demoskopen zu ungeahnter Macht kommt. Sie sind jene, die heute schon sagen können, ob es Applaus gibt oder Gähnen. Das Regime Merkel hat gezeigt, dass diesem Kalkül alles unterworfen werden kann. Wer konservativ noch mit wertorientiert übersetzt, hat nichts von der Entwicklung der Parteienlandschaft verstanden. In der Bundespolitik ist ganzjährig Berlinale.

Der Lateiner sagt: theatrum mundi: die Welt ein Theater. Man darf das nicht als Sittenverfall diskutieren. In Wahrheit ist es eine Wiedergeburt alter Ideale, eine Renaissance der Antike, namentlich des Alten Rom. Stichwort: „Brot und Spiele“.

Der Held dieser Welt ist zu Recht Stefan Raab, das Blödel-Genie aus den Kölner Vorstädten. Er rettet die vergreisenden Formate der Vergangenheit durch ironische Neu-Inszenierungen. Gerade diese Ironie ist es, die die jüngere Generation wieder auf die Fernsehcouch bringt. Soap hat sich immer als soap verkauft, da liegt das Genie der Seifenopern. Sie wollen gar nicht mehr Hochamt sein. Und die Demission von Herrn Ratzinger zeigt, dass auch die katholische Kirche zu dieser Säkularisierung bereit ist. Der Heilsanspruch ist suspendiert zugunsten des Willens zur „bella figura.“ Nichts wird mehr wirklich ernst genommen, man zitiert Rituale, imitiert Stile und reißt Witzchen. Willkommen im Diktat der profanen Ironie.

Der fürsorgende Sozialstaat weiß, dass die Menschen nicht vom Brot allein leben, deshalb unterhält er sie noch obendrauf. Darum heißt es .“Brot & Spiele.“ Das zwangsfinanzierte TV ist ein Paradigma dieser Doppelfunktion, ein Versorgungsanspruch mit Unernstem von Verfassungsrang. Das wissen wir doch seit Kaisers Zeiten: Das Volk soll sich nicht versammeln, sondern zerstreuen. Nun geht den Windsors die Zerstreuung der Massen leichter von der Hand als den Köhlerwulffs, aber auch eine unfreiwillige Tragödie kann komisch sein.

Raab stellt die Kanzlerkandidaten vor; daran ist nichts sensationell, das ist, sagen wir es im Idiom der Zielgruppe „voll normaal.“ Hier ist der politische Journalismus in diesem Land gelandet, bei dem Total Normal eines Unterhaltungskünstlers. Der Kandidat der SPD war zunächst dagegen, um sich dann, weil es die Amtsinhaberin ja auch tut (welch eine Logik), dem Plebiszit zu unterwerfen. Der SPIEGEL kommentiert in Bestform: „Wieder verwandelt Steinbrück eine potenzielles Desaster in ein vollständiges.“ Und der Boulevard prognostiziert unter Anspielung auf die Soap „Schlag den Raab“: „Raab schlägt den Steinbrück.“

Verglichen mit dem Kölner Medienunternehmer Raab, einem der erfolgreichsten seiner Zunft, ist das Honorareschneiden des Vortragsreisenden P€€R Kleinvieh. Politik kann zu Profiten führen, aber wohl nicht, indem man unter Patronage der Sozis die Stadtwerke Bochum plündert. Raab ist ein deutscher Berlusconi in der Verkleidung eines Vorstadt-Rappers, der das blöde Grinsen als Attitüde einer ganzen Generation begriffen und daraus ein Millionengeschäft gemacht hat. Nun also sitzt er am Katzentisch des politischen Journalismus. Davon wird nur einer profitieren, und der oder die ist nicht Kanzler dieser Republik. Welch eine Schmach. Man möchte nicht dazugehören müssen.

So scheint der peinliche Kandidat Steinbrück Opfer eines Prozesses, den Kanzler Schröder als Täter einst virtuos betrieb. Nur Boulevard und Glotze brauche man, um in diesem Land zu regieren, wird er zitiert. Wohl wahr, hätte der sprichwörtliche Caesar ihm zugestimmt. Caesar hatte sich auf dem Weg zum Consul als Aedil (so hieß damals der Minister für Brot & Spiele) gnadenlos verschuldet. Gemeinhin erholten sich Aedile von den Ausgaben nur durch anschließende Ämter als Praetor, die ihnen die wirtschaftliche Ausbeutung fremder Provinzen ermöglichten. Insofern hat Schröder seinen Caesar schon gut verstanden. Nach der Posse kommt für die Politik der Profit.

Quelle: starke-meinungen.de