Logbuch

DER TITAN UND DIE POMMES.

Zu berichten ist von einem Abend mit Daniel Barenboim und Martha Argerich in der Berliner Philharmonie; es gab Beethoven (grandios, ironisch und keck) und leider auch Brahms (über den Rheingau, wie immer ein Langweiler). Ein Erlebnis von großer Kraft.

Das Haus feiert das über achtzigjährige Paar; man kennt sich aus früher Jugend aus Kreisen jüdischer Migranten in Argentinien. Eine großartige Pianistin, die Argerich, wie die klavierspielenden Wunderkinder Barenboim und Beethoven. Lassen wir die notorischen Mäkeleien an Brahms mal beiseite: Das Konzert hatte eine hohe Würde in der zarten Zerbrechlichkeit, die das hohe Lebensalter bedingt. Die Philharmoniker zudem ausgezeichnet wie immer (eine sehr schöne Cellistin fällt mir als neu auf; hoch konzentriertes Spiel).

Barenboim ist eben auch politisch eine Ikone. Er steht für ein west-östliches Orchester, in dem israelische und palästinensische wie andere arabische Musiker zusammen spielen. Das ist der Sinn des Musizierens, man konzertiert. Barenboim war im Sinne der Aufklärung sehr oft sehr mutig, sprich politisch nicht korrekt. Der stehende Beifall wollte gestern Abend nicht enden. Ein Lebenswerk wurde geehrt.

Barenboim ist auch Berlin. Ich traf ihn kürzlich in Dahlem vor einem Take-Away-Imbiss und will meine Wertschätzung in einem kleinen Gespräch zum Ausdruck bringen, biete ihm also die Hand. Bevor ich anheben kann: Ein geneigtes Lächeln, er hebt die Plastiktüte mit dem Alupäckchen hoch. „Die Pommes werden kalt…“, sagt er, sich entschuldigend und geht weiter. Ich mag diese Bescheidenheit der wirklichen Genies.

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LEIDKULTUR.

Der Begriff einer leitenden Kultur löst Kontroversen aus; daran ist ja zunächst nichts schlechtes. Angeblich gibt es nämlich einen Mangel an „leadership“, wie die Meinungsführer im Personalwesen sagen. Zu wenig Führer? Echt? Na, wenn das der Führer wüsste.

Beginnen wir mit der Religionsfreiheit: Das ist die Freiheit von der Religion, nicht die Freiheit der Religiösen zu Übergriffen. Wenn eine solche Vorstellung davon, dass Glaubensfragen eine reine Privatangelegenheit sind, Sinn macht, muss sie für alle Religionen gleichermaßen gelten. Ja, auch für die christlichen. Exempel: In Amtsstuben oder Schulklassen gehören keine Golgathakreuze.

Und natürlich gehört der Weihnachtsbaum nicht zur Leitkultur, insofern man darunter eine Regulierung des öffentlichen Lebens versteht. Baum darf, muss aber nicht. Wie die Ostereier sind lamettabehangene Tannen keine Verfassungsinstitute. Jedes Brauchtum hat jedes Recht, solange nicht die Rechte anderer dadurch massiv beeinträchtigt werden. Etwas nicht mögen oder sich beleidigt fühlen, das ist keine massive Beeinträchtigung, klar?

Aber man redet gegen Windmühlen, wenn Neid, Missgunst und Hass das soziale Klima bestimmen. Muss nicht das „positive Recht“ reichen? Taugen Gesetze dazu? Kann die Justiz Frieden stiften? Dann reichte ja die Maxime, dass alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten. Das mag im Staatlichen als Prinzip genügen, im Sozialen ist das zu knapp.

Das Recht auf Privatheit; hier liegt möglicherweise der Kern. Was geht den Nachbarn nichts an, schon gar nicht den Staat? Wann endet die Schulpflicht? Und haben das auch die Öffentlich-Rechtlichen Medien verstanden? Und die Missionare aller Religionen, auch der politischen? Schon ein Leid mit der Leitkultur.

Das Selbstbestimmungsrecht des Individuums, das ist doch ein Konzept. Und die soziale Weisheit, dass starke Zäune gute Nachbarn machen. Schließlich „sprezzatura“ für alle. Verbindlich. Was das ist, das kriegen wir aber erst später.

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OVER & OUT.

Bei großen mythischen Traditionen gilt es Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Ich habe eine meiner Studierstuben mit einer riesigen Reproduktion eines Dürer-Werkes verziert und zu allem Überfluss noch einen ersteigerten Ölschinken aufgehängt, auf der gegenüberliegenden Wand. Jetzt blickt das eine Porträt unseres Religionsstifters das andere an, in beiden Fällen das Antlitz Jesu auf dem Weg nach Golgata, mit Dornenkrone. Ein gespenstischer Raumschmuck im Studierzimmer.

Der Mythos „Schweißtuch“, sprich des SUDARIUMS, soll aus den Apokryphen stammen, einem für die Endfassung der Bibel verworfenen Evangelium. Das ist, wie Kipling sagt, eine eigene Geschichte. Es geht um ein authentisches Bild Christi, das entstanden sein soll, als ihm eine mitleidige Frau ein Tuch reichte, mit dem er sein verschwitztes Gesicht habe trocknen können. Die Dame gegenwärtigte dann darauf das Wunder eines Porträts. Jahrhunderte bestimmte diese Reliquie die bildliche Darstellung des Herrn. Das war er wirklich, dachte man. No fake news.

Bei Dürer präsentieren zwei Engel, was sonst die HEILIGE VERONICA hochhält. Deren Existenz im Klarnamen ist aber ein veritabler historischer Irrtum. Weil das mythengeile Volk kein Latein konnte, haben sie die priesterliche Bezeichnung des WAHREN BILDES (lateinisch: vera icon) verballhornt. Die Heilige Vera, kurz für Veronica, war ein Volksglaube. Jeder Glaube ist eben das, die rigorose Sinnstiftung bei unzulänglichen geistigen Mitteln.

Also, von der Vera Icon wird im nächsten Jahr noch einiges zu erzählen sein. Das könnte ein Aufsatz oder ein Büchlein werden. Zudem habe ich gestern in der benachbarten Baumschule für 210€ einen drei Meter hohen Gingko gekauft, den mein Gärtner noch vor Sylvester setzen wird. Und dann soll es 2024 bei SPRINGER eine Festschrift über mein berufliches Wirken geben; ich habe schon ins Manuskript schauen dürfen. Ich habe den akademischen Fachkollegen mehr als zu danken. Es geht thematisch um AUTHENTIZITÄT, also vera icon.

Dankbar schließe ich so das alte Jahr und blicke auf ein neues. Over & out.

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Politik als Posse und Profit: wie heute „Brot und Spiele“ geht

Ob es Charles, dem Thronnachfolger, nun gefällt oder nicht, Elizabeth II hält durch. Der Gatte hat ihr zugeraunt: „Keep calm and carry on!“ Das gilt uns als vorbildlich. Wir lieben die Queen. Und verzeihen gern gelegentliche Verfehlungen ihrer Familie; Stichwort Lady Di (übrigens ein Imperativ).

Nur der Bruder vom Orgel-Ratz aus Regensburg, der Bücher-Ratz, hat als Papst den Köhler gemacht, bevor man mit ihm den Wulff machen konnte. Der „französische Abschied“ im Vatikan hat die alte Logik aus dem Lebenswandel notorischer Rumtreiber: Ein guter Abgang ist die halbe Miete. Aber das ist nur der Anschein, Eigentlich ist dies eine Revolution, ein Kulturbruch immenser Art.

Man steigt nicht vom Kreuz, hat es Jahrhunderte geheißen. Oh doch, sagt da der Reaktionär Ratzinger, ich schon. So hat denn nun auch die Stellvertretung Christi ihre Zeit. Das Religiöse geht ins historische Gesetz: alles nur solange, wie es währt. Dieser Rücktritt zu Rom ist eine ungeheure Säkularisierung. Der Stuhl Petri wird verweltlicht. Nicht der Herr ruft ab, man haut selbst in den Sack.

Kirche verweltlicht sich, so wie sich Politik theatralisiert. Weltliche wie religiöse Macht wird zum öffentlichen Schauspiel. Der Eindruck auf das Publikum ist das eigentliche Regulativ des Handelns. Der manische Blick ins Parkett führt dazu, dass die Zunft der Demoskopen zu ungeahnter Macht kommt. Sie sind jene, die heute schon sagen können, ob es Applaus gibt oder Gähnen. Das Regime Merkel hat gezeigt, dass diesem Kalkül alles unterworfen werden kann. Wer konservativ noch mit wertorientiert übersetzt, hat nichts von der Entwicklung der Parteienlandschaft verstanden. In der Bundespolitik ist ganzjährig Berlinale.

Der Lateiner sagt: theatrum mundi: die Welt ein Theater. Man darf das nicht als Sittenverfall diskutieren. In Wahrheit ist es eine Wiedergeburt alter Ideale, eine Renaissance der Antike, namentlich des Alten Rom. Stichwort: „Brot und Spiele“.

Der Held dieser Welt ist zu Recht Stefan Raab, das Blödel-Genie aus den Kölner Vorstädten. Er rettet die vergreisenden Formate der Vergangenheit durch ironische Neu-Inszenierungen. Gerade diese Ironie ist es, die die jüngere Generation wieder auf die Fernsehcouch bringt. Soap hat sich immer als soap verkauft, da liegt das Genie der Seifenopern. Sie wollen gar nicht mehr Hochamt sein. Und die Demission von Herrn Ratzinger zeigt, dass auch die katholische Kirche zu dieser Säkularisierung bereit ist. Der Heilsanspruch ist suspendiert zugunsten des Willens zur „bella figura.“ Nichts wird mehr wirklich ernst genommen, man zitiert Rituale, imitiert Stile und reißt Witzchen. Willkommen im Diktat der profanen Ironie.

Der fürsorgende Sozialstaat weiß, dass die Menschen nicht vom Brot allein leben, deshalb unterhält er sie noch obendrauf. Darum heißt es .“Brot & Spiele.“ Das zwangsfinanzierte TV ist ein Paradigma dieser Doppelfunktion, ein Versorgungsanspruch mit Unernstem von Verfassungsrang. Das wissen wir doch seit Kaisers Zeiten: Das Volk soll sich nicht versammeln, sondern zerstreuen. Nun geht den Windsors die Zerstreuung der Massen leichter von der Hand als den Köhlerwulffs, aber auch eine unfreiwillige Tragödie kann komisch sein.

Raab stellt die Kanzlerkandidaten vor; daran ist nichts sensationell, das ist, sagen wir es im Idiom der Zielgruppe „voll normaal.“ Hier ist der politische Journalismus in diesem Land gelandet, bei dem Total Normal eines Unterhaltungskünstlers. Der Kandidat der SPD war zunächst dagegen, um sich dann, weil es die Amtsinhaberin ja auch tut (welch eine Logik), dem Plebiszit zu unterwerfen. Der SPIEGEL kommentiert in Bestform: „Wieder verwandelt Steinbrück eine potenzielles Desaster in ein vollständiges.“ Und der Boulevard prognostiziert unter Anspielung auf die Soap „Schlag den Raab“: „Raab schlägt den Steinbrück.“

Verglichen mit dem Kölner Medienunternehmer Raab, einem der erfolgreichsten seiner Zunft, ist das Honorareschneiden des Vortragsreisenden P€€R Kleinvieh. Politik kann zu Profiten führen, aber wohl nicht, indem man unter Patronage der Sozis die Stadtwerke Bochum plündert. Raab ist ein deutscher Berlusconi in der Verkleidung eines Vorstadt-Rappers, der das blöde Grinsen als Attitüde einer ganzen Generation begriffen und daraus ein Millionengeschäft gemacht hat. Nun also sitzt er am Katzentisch des politischen Journalismus. Davon wird nur einer profitieren, und der oder die ist nicht Kanzler dieser Republik. Welch eine Schmach. Man möchte nicht dazugehören müssen.

So scheint der peinliche Kandidat Steinbrück Opfer eines Prozesses, den Kanzler Schröder als Täter einst virtuos betrieb. Nur Boulevard und Glotze brauche man, um in diesem Land zu regieren, wird er zitiert. Wohl wahr, hätte der sprichwörtliche Caesar ihm zugestimmt. Caesar hatte sich auf dem Weg zum Consul als Aedil (so hieß damals der Minister für Brot & Spiele) gnadenlos verschuldet. Gemeinhin erholten sich Aedile von den Ausgaben nur durch anschließende Ämter als Praetor, die ihnen die wirtschaftliche Ausbeutung fremder Provinzen ermöglichten. Insofern hat Schröder seinen Caesar schon gut verstanden. Nach der Posse kommt für die Politik der Profit.

Quelle: starke-meinungen.de