Logbuch

EIN BISSCHEN FREIHEIT.

Da ist er wieder, dieser sperrige Begriff der fdGO. Er soll den Kern unserer Verfassung beschreiben. Das wäre ja eine wichtige Aufgabe, der man sich nicht so unbeholfen nähern sollte. Ich verstehe schon das erste Eigenschaftswort nicht: Was meint „freiheitlich“ in der „freiheitlichen demokratischen Grundordnung“? Oder ist es eine „freiheitlich demokratische Grundordnung“? Die Väter unserer Verfassung sprachen ein verquastes Deutsch.

Ist „freiheitlich“ eine Verkleinerungsform von „frei“ im Sinne von „ein wenig frei“? Warum ist die demokratische Grundordnung nur ein bisschen frei? Sie ist ja auch nicht nur ein bisschen rechtsstaatlich? Oder soll Demokratie nur ein klein wenig herrschen? Um diese Wortklaubereien mögen sich die Staatsrechtler kümmern, könnte man sagen. Sie sollen sagen, was liberal bedeutet; denn das ist ursprünglich gemeint.

Das mit den Experten der Verfassung hilft aber nicht. Ich traue auch den Schlapphüten bei den sogenannten Verfassungsschützern nicht. Oder den Parteipolitikern, die Grundsatzfragen zur Magd ihrer Machtgelüste machen. Nein, wir sind alle gefordert, uns eine Meinung zu bilden, wie wir leben wollen. Und das heißt dann auch, nach welchen Grundsätzen.

Deutscher ist der Inhaber eines politischen Privilegs, das der Staatsbürgerschaft, in die man geboren oder berufen werden kann, wenn man sich darum beworben hat. Mit Bio oder Rasse hat das gar nichts zu tun. Und natürlich kann man ein Leben führen, das der doppelten Staatsbürgerschaft bedarf. Deutscher, das ist ein rechtliches Privileg, das mit Pflichten verbunden ist.

Abzugrenzen von dem Völkischen der Nazis und ihrer Volksgemeinschaft, die staatlichen Terror nach ideologischen Vorgaben meinte; etwa autoritären Nationalismus der prinzipiellen Überlegenheit oder gar der Reinheit der Rasse. Es gelten immer und überall die Menschenrechte, zu vorderst das der Menschenwürde.

Was begrifflich so kompliziert klingt, wird einfach, wenn man konkret wird. Etwa der Frage des Deutschsprachigen. Wir haben drei Amtssprachen, deutsch, dänisch und sorbisch. Und aus. Zu Gericht, glaube ich, nur deutsch. Und aus. Wer Deutsch noch nicht so gut kann, kriegt einen Dolmetscher. Aber in der Regel gilt: Man spricht Deutsch. Keine Nischen. Ich finde, darauf könnte man sich einigen und zwar verbindlich. Die Schulpflicht beginnt damit. Auch das Bürgergeld. Ist das dann noch freiheitlich?

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SPARGELZEIT.

Man ist, was man isst. Jedenfalls ist man, was man trinkt. Heute: feines Gemüse mit Schampus. Schon Cato Senex, der Weise im Alten Rom, lobt den Spargel, das edelste aller Gemüse. Dazu trinkt man heutzutage Sekt. Gern der besseren Art. Hier die Grundregeln in modernen Zeiten.

Man schält der Spargel selbst und das unmittelbar vor dem Kochen. Diese seltsamen Halbautomaten bei Lidl oder Bauer Barkhoff sind zu verachten. Man gibt nichts ins Kochwasser, weder Salz noch Zucker noch Essig. Die Pellkartoffeln werden gepellt, darum heißen sie so. Man nimmt dazu geschmolzene Butter, vielleicht aufgeschlagen, aber nie in Hühnerbrühe gekochte Mehlschwitze („Hollandaise“). Auf die Pellkartoffel grobes Salz, auf den Spargel körnig gemahlenen schwarzen Pfeffer. Reichlich Butter, siehe oben. Eine Portion ist immer ein gutes Pfund, alles andere in die Suppe (für den Folgetag).

Zum Essen ein Schaumwein von Bollinger, der etwas kryptisch „PN AYC 18“ heißt. Steht so auf dem Etikett. Ich frage Gunnar, den Sommelier, was das bedeutet. Und lerne: „Der AYC ist Teil der Village-Wein-Serie, die der verstorbene Kellermeister Gilles Descôtes noch ins Leben gerufen hatte. AYC basiert auf dem Grand Cru Ay, natürlich dreht sich daher alles um den Pinot Noir. Ungefähr hälftig aus 2018 und Reserveweinen, die überwiegend flaschengereifte Weine aus den tiefen Kellern von Bollinger sind. Die Grundweine sind 50/50 in Holz und Edelstahl gereift. Mit 6 Gramm Dosage degorgiert, also nicht extrem trocken. Der Wein zeigt die ganze Pracht von Ay, nämlich die Verbindung von seidigster Textur und aufregender, salziger Mineralität. Spicy, kirschig, tief und druckvoll, ist es ein archetypischer Ausdruck dieses so reichen, aber brillant mineralischen Ortes. Ein wunderbar balancierter Allrounder mit einem Hang zur Größe.“ Man ist, was man trinkt.

Solches hörte ich gern von meinem Vers.

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VIZEKANZLER SIMM SALA BIMM.

Ich habe im Romantikhotel zu Wernigerode übernachtet und warte nun vor dem Frühstückssaal darauf, ans Buffet gelassen zu werden. Die Küche ist bemüht, wenn auch ossig. Zum Dinner gestern Abend beim Italiener gleich hier am Marktplatz gegenüber, ein zu gut eingerichtetes Lokal; aus dem Augenwinkel sah ich Dinge, die Petra Reski interessieren könnten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Ort liegt am Fuße des Brocken, jenes Mittelgebirges, das die Sagen und Märchen als Blocksberg feiern, an dessen Hängen sich seit Jahrhunderten ein Bergbau auf Erze schmiegt. Der Gipfel beheimatet am letzten Apriltag, in der Nacht zum ersten Mai, den Hexensabbat. Ja, ich hatte eine Einladung von Saskia zur Walpurgisnacht.

Ich gebe zu, dass meine Verkleidung zur Hexe etwas von Charleys Tante hatte, aber die Nacht war es wert. Ich war auch nicht der einzige verkleidete Mann. Die gefeierte Saskia hatte ihren Zauberlehrling dabei. Nur Insider mit Leine-Blut in den Adern wussten ihn zu erkennen unter den Lumpen einer alten, etwas dicklichen Hexe.

Nach einem Ausritt auf Besen und Tanz um‘s Feuer wurde geplauscht. Saskia berichtete, wie es ihnen gelungen sei, den Siggi aus dem nahen Goslar aus dem Brandt-Haus zu vertreiben und den Gerd zur Unperson zu machen. Es gab viel gehässiges Gelächter. Als der Morgen mit erstem Licht drohte, schwang man sich auf die Besen und verflog.

In Berlin wird der Spuk freilich weitergehen. Saskias Zauberlehrling steht als Vizekanzler an und Finanzminister. Wer an der Leibnitz zu Hannover Soziologie studiert hat, der kann das. Ich habe da mal bei einem wunderbaren Linken Gescheites zu Marx gehört. Namen habe ich vergessen, aber die Veranstaltung war morgens um halbe Acht; damit keiner kam.
Außer ich, der Heino und die Zauberlehrlinge.

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Finanzielle Arkan-Disziplin: die monetären Mysterien der katholischen Kirche

Doppelte Buchführung zwischen offiziellen Sparbudgets und riesigen Schattenhaushalten, unüberschaubare Geflechte aus Beteiligungsgesellschaften, Investments in allen Branchen – man wähnt sich im Reich halbseidener Finanzoptimierer und Steuersparfüchse.

Dann vernimmt man die Kunde von öffentlichen Geldern, die schamlos zweckentfremdet werden, gar in bar in privaten Schubladen auftauchen; man hört von Schwarzgeldkonten des Spitzenpersonals und Veruntreuungen im siebenstelligen Eurobereich und plötzlich meint man irgendwo im Hintergrund eine Geigenmelodie aus der Feder Nino Rotas zu vernehmen. Doch in beiden Fällen täuscht sich der geneigte Beobachter, es ist mitnichten die Rede vom Gebaren steuervermeidender Raubtierkapitalisten und auch wenn es sich bei den Beteiligten um honorige Herren mit ergrauten Schläfen handelt, die sich allein eigenen Gesetzen und einem mächtigen Übervater unterworfen sehen, so bleibt doch festzuhalten, dass die hier Beschriebenen weit häufiger in Soutane als im italienischen Nadelstreifen anzutreffen sind.

Die Rede ist von der katholischen Kirche in Deutschland und vom Finanzgebaren ihres Spitzenpersonals.

Was darüber in den letzten Wochen enthüllt wurde, lässt sich nur als äußerst unappetitlich beschreiben. Vertreter der von den Skandalen der letzten Monate noch immer gebeutelten Kirche haben, so deutet sich jetzt an, über Jahre hinweg ein riesiges System der Schattenwirtschaft und schamlosen Selbstbedienung etabliert. Da soll sich ein (inzwischen ehemaliger) Militärbischof aus den Kassen einer Kinderheimstiftung bedient haben, da verschwanden in einzelnen Bistümern Millionenbeträge spurlos, da unterhielten nach bisherigem Ermittlungsstand einzelne Geistliche bis zu 30 Schwarzgeldkonten. Und während man nach außen hin noch immer Sparsamkeit in Zeiten finanzieller Krisen predigt, gönnt sich ein hessischer Bischof eine neue Millionenvilla, selbstverständlich nicht aus Privatmitteln.

Die katholische Kirche ist in der Bundesrepublik Deutschland in einer äußerst privilegierten Position. Nicht nur, dass sie als wichtige gesellschaftliche Vertreterin in fast jedem öffentlichen Gremium Sitz und Stimme hat und sie bis heute vermittels der missio canonica den katholischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen normiert, nein, ihre eigentlichen Privilegien sind noch weit fundamentaler: Der moderne Säkularstaat betätigt sich bis heute als williger Finanzbeschaffer für die Nachfolger Petris.

Doch auch Bürger, die nicht Mitglied der Kirche sind, alimentieren indirekt ihr Wirken. Jedes Jahr fließen hohe Summen an staatlichen Subventionsleistungen in die Börsen der Bischöfe, vom Messwein beim Militärgottesdienst bis hin zur Renovierung des baufälligen Kirchendachs, für alles Mögliche und Unmögliche kommt der Staat auf.

Reiche Bistümer zahlen aufgrund jahrhundertealter Verträge die Gehälter ihres Spitzenpersonals nicht selber, was einst feudale Fürsten aus Angst vor dem Fegefeuer absegneten, gilt bis heute fort, ein stets die Verdammnis des modernen liberalen Staates beschwörender Kardinal Meisner lässt sich von eben diesem mit monatlich über 10.000 Euro alimentieren. Im gleichen Moment kürzt die katholische Kirche drastisch ihre Ausgaben – bei Sozialangeboten sowie in der Kinder- und Jugendhilfe.

Das ist nicht nur ungeschickt, es ist unanständig. Viele Menschen verstehen die Kirchensteuer inzwischen als eine Art regelmäßiger Spende für soziale Zwecke, sie geben Teile ihres Einkommens an eine Institution von der sie sich zwar geistlich entfremdet haben, deren gesellschaftlichen Nutzen sie aber immer noch voraussetzen. Wenn eben dieses Geld nun in dubiosen Finanztransaktionen und feudalem Pomp umgesetzt wird, dann ist dies schlicht zynisch.

Das Gebaren des katholischen Spitzenpersonals ist aber nicht nur Betrug an denen, die dafür aufkommen, es schadet auch denjenigen in der Kirche, die sich noch tatsächlich im Sinne guter Werke aufopfern. Nicht einmal dreißig Kilometer entfernt von dem Ort, an dem der neue Sitz des prunksüchtigen hessischen Bischofs entsteht, bemühen sich einfache Ordensbrüder in einem rheinland-pfälzischen Altenheim um einen würdigen Lebensabend für demente Menschen.

Hier herrscht kein Prunk, die Geistlichen wohnen in bescheidenen Zimmern ohne großartigen Komfort. In der Kasse der Einrichtung herrscht zumeist Ebbe, auch für kleine Ausflüge mit den Heimbewohnern müssen stets Sponsoren geworben werden. Genau auf diese Ordensbrüder fällt jetzt das Verhalten ihrer Vorgesetzten zurück, nach den jüngsten Skandalen steht stets der Verdacht im Raum, die Bescheidenheit könnte nur Fassade sein.

Im Angesicht des öffentlichen Auftretens der katholischen Kirche in den letzten Monaten lassen sich ehrliche Aufopferung und ein sauberer Umgang mit Spenden immer schwieriger glaubhaft vermitteln.

Quelle: starke-meinungen.de