Logbuch
A LA CORDON BLUE.
Wahrer Luxus liegt in der Veredlung einfacher Dinge. Austern kann jeder Koch-Pinsel oder ein Rinderfilet. Mach mir mal ein gefülltes Schnitzel zu Gemüse!
Ludwig der Fünfzehnte von Frankreich, genannt der VIELGELIEBTE, ist der Nachwelt, wie so viele große Männer, durch seine Mätressen erinnerlich, einige gar namentlich wie etwa die POMPADOUR. Und wegen seiner Gelage, die das höchste Niveau der französischen und österreichischen Kochkunst bemühten. Und wegen seiner Geheimbündelei, insbesondere im „Orden des Heiligen Geistes“, dem Wunder Pfingstens verpflichtet; ein unter strenger Observanz stehender Orden von genau hundert Mitgliedern. Hundert, nicht 101.
Aber er machte eine solche Ausnahme, der VIELGELIEBTE, nämlich für seine Mätresse Marie-Jeanne Becu, genannt Madame du Barry, eine Lothringische Lebedame des ganz raffinierten Typs. Achtung, jetzt kommt es: Deren Köchin machte er zur Comptesse im Orden, kein Scheiss. Als 101. Sie trug daher ein blaues Schulerband, das Erkennungszeichen des Ordens. Seitdem gilt das CORDON BLUE unter Gourmets als Ausweis der Spitzengastronomie. Die Köchin seiner Geliebten, nicht schlecht, oder?
In der TRAUBE (Vallendar) hatten sie gestern das „Schnitzel Cordon Bleu“ auf der Karte, sehr zu empfehlen. Kalbsrücken im Flügelschnitt, Schweizer Käse, Kochschinken, paniert, scharf gebraten. Dazu ein knackiges Möhrengemüse und die feine Salzkartoffel, auf die man sich hier besonders versteht. Einfache Gerichte der Hausmannskost hochwertig nachgekocht, ein echtes Vergnügen.
Kindheitserinnerungen. Meine Frau Mutter konnte nicht kochen, was meinen Herrn Vater in Lokalen zum allgemeinen Entsetzen so Ungeheuerlichkeiten wie „Putenschnitzel Tropicana“ bestellen lies; Pute mit Früchten. Er mochte das, auch als sie schon von ihm gegangen war, worunter er sehr litt.
Ein blaues Band für die Köchin der Geliebten. Mir leuchtet das Kalkül der Madame Dubarry und Ihres VIELGELIEBTEN ein: Liebe geht durch den Magen. Sich zu füttern, das ist der Archetyp des Vertrauens.
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NUHR EIN NARZISST.
Gestern Abend auf einer Veranstaltung der Brost-Stiftung auf der Kohlewäsche von Zollverein eine Diskussion mit Verfassungsrichter Peter Müller (Saar) und dem Kabarettisten Dieter Nuhr (ARD).
Bemerkenswert: wirklich kompetente Gesprächsführung durch Ulrike Demmer. Es ging um den angeblichen Niedergang der Meinungsfreiheit, den das Internet befördere; als sei die Spanische Inquisition liberal gewesen und Habermas Gossenstandard. Aber gut, der Herren sind larmoyant und beklagen Dekadenz.
Dann räumt Dieter Nuhr ein, er sei nicht der Messias. Das irritiert mich und im Nachgespräch wohl auch einen hochrangigen Evangelen, den ich als Ethik-Experten kenne. Solche unaufgeforderten Dementis haben versteckt ein entlarvendes Moment. Ich beobachte bei Nuhr ein Künstlersyndrom, den Narzissmus. Das scheint bei seinen kunstgewerblichen Versuchen auf (der Mann malt). Und bei seinem Anspruch an die Rolle des politischen Kabarettisten.
Der Satiriker nimmt für sich in Anspruch, anderen Leuten nach Strich und Faden die Leviten zu lesen. Er gießt Spott aus, gelegentlich macht ihn die Empörung über die "Idiotie" (Nuhr) des Publikums zum Zyniker. Alles gut und alles richtig. Warum aber will der Mann dafür geliebt werden? Am Ende auch noch von den so Abgewatschten?
Peter Müller, ein liberal gesinnter Konservativer, der nicht reaktionär ist, ist aus dem gleichen Holz. Er ist gelernter Populist. Der darf geliebt werden wollen. Ob das dann zum Verfassungsrichter befähigt, das mögen die Götter beantworten. Beide Kombattanten aber entschieden im Urteil und schwach in der Begründung. Zeitgeistdiagnosen, leider ohne empirische Tiefe und mit geringem Geschichtsbewusstsein.
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PIZZO PIZZERIA.
Die italienische Regierungschefin, eine gelernte Faschistin, soll Steuern als „pizzo di stato“ bezeichnet haben, Schutzgeld des Staates. Ciao bella ciao!
Der gebildete Amerikaner sagt: „When in Rome do as the Romans do.“ Das gilt doppelt für Venedig. Nun hat die Stadt eine feste Botschafterin in Deutschland, die fabelhafte Journalistin Petra Reski, die über sich und ihre Stadt in einem Blog berichtet. Ich gehe also in Venedig nur dorthin, wo es einen sicheren Schutz gegen Touristen in Bermudas gibt. Ein relativer Schutz gegen diese Pest sind hohe Preise. Bei Harry‘s hilft nicht mal das.
Ich treffe die Reski mit ihrem Venezianer (Zitat) in einem Restaurant an der Oper (Name wird nicht verraten) und sie stellt mich ihrem Lover auf Italienisch als ein „Freund von Facebook“ vor, worauf der gelangweilt guckt. Das haben sie nicht gern, diese Stenze. Reski ist zudem ein Kind des Reviers und ihr Vater war auf „Monopol“ angelegt; der Berg hat ihn nicht wieder hergegeben. Glückauf! Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Gestern also eine Reski-Szene. Ich sitze in einer mittelalterlichen Stadt im Harz vor einem italienischen Restaurant in der Sonne und spreche einem Gavi di Gavi zu. Umständehalber in einem dunklen Nadelstreifenanzug mit weißer Nelke im Knopfloch. Der Patron kommt raus und fragt, wie die Bruschetta geschmeckt habe. Er fragt auf Italienisch, ich antworte deutsch. Erleichtert geht er in die Küche zurück.
Beim zweiten Glas sehe ich die Reski-Szene: Zwei untersetzte Typen nähern sich, marschieren direkt in die Küche, um nach kurzem Aufenthalt auf der Terrasse ostentativ einen Kaffee zu nehmen. Sie markieren ihr Revier. Dann verschwinden sie und steigen in einen abgerockten alten Opel. Niemand aus dem Land, wo nächtens die albanischen Boote landen, fährt ernsthaft eine solche Karre; es sei denn aus Gründen der Tarnung.
„Monopol“ war übrigens ein Pütt in Bergkamen; das nur als Nachtrag, der in den achtziger Jahren eine Kohle-Renaissance hergeben sollte. Die Eröffnungsrede für „Neu-Monopol“ war seinerzeit mein Gesellenstück bei der Ruhrkohle AG. Heute Abend bin ich in Essen auf Zollverein. Eine andere Mafia. Ich glaube, ich mach das mit den Nadelstreifen und der Nelke noch mal.
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Captain Future und der Populismus: Jürgen Rüttgers macht Wahlkampf
Diesmal also die Rente: Jürgen Rüttgers, unter Helmut Kohl erster Zukunftsminister der Bundesrepublik Deutschland und seit nunmehr fünf Jahren amtierender Ministerpräsident an Rhein und Ruhr, verspricht im Interview mit einer großen Boulevardzeitung seinen Wählern die steuerfinanzierte Mindestrente.
Wer gearbeitet hat soll, so der wortgewaltige Christdemokrat, mit Zuversicht in die Zukunft schauen können. Das klingt gut, das gibt Hoffnung – Balsam auf die jahrelang zur privaten Vorsorge genötigte Arbeitnehmerseele.
Sein Vorgänger im Amt des CDU-Landesvorsitzenden, Norbert Blüm, wusste schon vor 25 Jahren: Mit sicheren Renten fängt man sichere Stimmen. Auch wenn letzterer heute eher als kabarettistische Ulknudel denn als begnadeter Sozialpolitiker bekannt ist, Rüttgers eifert ihm in der Rentenfrage politisch nach.
Der in Pfadfinderschaft und katholischer Studentenverbindung sozialisierte Jurist mit dem Charme und dem Charisma eines Verwaltungsbeamten gibt den unerschrockenen Arbeiterführer, den erfahrenen und besonnenen Steuermann, der seine Passagiere sicher durch alle wilden Fahrwasser von Globalisierung und Finanzkapitalismus bringt.
Wer braucht noch Gewerkschaften wenn er Jürgen Rüttgers hat? Im Alleingang geißelt dieser die Irrungen vermeintlich neoliberaler Politik, sekundiert allein von dem wiedergeborenen Globalisierungsgegner Heiner Geißler. Die Hartz-Gesetze möchte Rüttgers endlich sozialer gestaltet wissen, dafür riskiert er gleichsam publikumswirksam wie aufmerksamkeitsheischend sogar den Streit mit seinen Parteifreunden in Berlin.
Dass die Union sich als der sozialere, gleichsam menschlich wärmere Gegenpart zur FDP im bürgerlichen Lager präsentiert, ist so neu nicht, Anhänger der christlichen Soziallehre hatten, auch zum öffentlichkeitswirksamen Beweis des Binnenpluralismus, in der Partei schon immer ihre Stimme. Die Aufgabe der strikten Abschottung nach links, die prinzipielle Öffnung für Koalitionen jenseits von schwarz-gelb, ist ein gegenwärtigeres Phänomen, doch auch sie ist kein Kind Jürgen Rüttgers.
Das Novum in dessen politischer Betätigung ist vielmehr ein bisher in Deutschland ungekannter Populismus. Der CDU-Politiker bewegt sich in seinen öffentlichen Auftritten inzwischen jenseits von allem bekannten Wahlkampfrummel, seine öffentlichen Äußerungen gehen weit über das hinaus, was man sonst aus der Vorwahlzeit an Versprechungen gewohnt ist. Der konservative Jurist gibt den Arbeiterführer, inszeniert sich vollkommen bedarfsgerecht und passt sich wie ein Chamäleon jedem Publikumshintergrund an.
Soziale Ängste von Arbeitern und kleinen Angestellten werden ebenso bedient wie die Wünsche des neuen ökologischen Bürgertums. Daneben gibt es aber noch eine andere, weit unappetitlichere Facette in der Wandlungsfähigkeit Jürgen Rüttgers: Wann immer es seiner Sache dienlich erscheint, unternimmt er Ausflüge in bigotte fremdenfeindliche Ressentiments. Qualifizierter Arbeitsmigration vom Ufer des Ganges wollte er einst gute deutsche Gebärfreudigkeit entgegengesetzt wissen, den Arbeitnehmern eines kleinen rumänischen Städtchens, das ihn im Subventions- und Lohnkostenwettbewerb ausgestochen hatte, attestierte er eine gänzlich undeutsche Arbeitseinstellung mit allmorgendlicher Unpünktlichkeit und Dienstschluss nach Gutdünken. Migrationsprobleme haben bei Jürgen Rüttgers weniger mit Parallelgesellschaften und Integration zu tun, als viel mehr mit dem Erhalt dezidiert deutscher Arbeitsplätze, Ängsten vor der Globalisierung setzt der Ministerpräsident dumpfen Standortnationalismus entgegen.
Er selbst gibt sich stets fleißig und arbeitsam, selbst das Gespräch mit Vertretern der Wirtschaft wird bei dem Unionspolitiker zur gesondert bezahlten Tätigkeit. Wo andere Spitzenpolitiker Kontaktpflege zu denen betreiben, die Arbeit schaffen und Wohlstand bringen, da wirft sich Rüttgers plump dem Meistbietenden an die Brust.
Ausdrücklich in seiner Funktion als Ministerpräsident und nicht etwa als Privatmann oder Vertreter der Union – ‚Rent a Verfassungsorgan’ als neuester Trend an Rhein und Ruhr. Der Populismus des Jürgen Rüttgers ist nicht nur peinlich, er ist darüber hinaus auch schädlich und betrügerisch. Er schadet der politischen Kultur in Deutschland, indem er dumpfen Nationalismus zur Bedienung der Ängste sozial Schwacher salonfähig macht. Er verrät die Interessen zahlloser bürgerlicher Wähler, die sich von Union und FDP eine solide wirtschaftsliberale Politik und keinen vorgeblich arbeiterbewegten Klamauk erhofft haben. Er ist perfider Betrug eines letztendlich schwarzen Wolfes mit dem Maul voll rot-grüner Kreide an den Wählern, die sich echte soziale Reformen wünschen und diese von einer Regierung Rüttgers nicht bekommen werden.
Einem Vorzeigepopulisten wie Silvio Berlusconi mag man solche Elogen ja noch verzeihen, dieser hat als langjähriger Kreuzfahrtentertainer wenigstens das Potenzial zu einem unterhaltend-charismatischen Kapitän. Jürgen Rüttgers ist hingegen eine echte Fehlbesetzung auf der Brücke, der Weg seines Dampfers führt in die populistische Irre und nicht in eine rosige Zukunft.
Quelle: starke-meinungen.de