Logbuch
CURRYWURST.
GERHARD SCHRÖDER, seines Zeichens BUNDESKANZLER (nie mit a.D. lt. Protokoll) kommentierte gestern eine Fehlmeldung fehl. Bei VW in Wolfsburg sei in den Werkskantinen die allseits beliebte CURRYWURST abgeschafft worden; sie werde durch so einen veganen Tofu-Frevel ersetzt. So würde die Facharbeiterschaft geschwächt. Das, sagt Gerd, hätte es zu der Zeit, als er noch im Aufsichtsrat von VW saß, nicht gegeben. Dazu wäre bei besserer Ortskenntnis gleich mehrfach etwas zu sagen.
Aber ich habe an BK Schröder nichts zu meckern. Erstens hat er mir zu der Zeit, auf die er hier anspielt, mindestens ein Mal den Arsch gerettet. Ich empfinde Dankbarkeit über den Tag hinaus. Ich war damals VW-Vorstand für Kommunikation und er nicht nur AR-, sondern sogar Präsidiumsmitglied. Der Mann hat zu mir gehalten, auch wenn die Presselage gerade nicht rosig war. Wofür damals ein Sündenbock gesucht wurde.
Zweitens ist für den CURRYWURST-Ausputzer möglicherweise Schröders PR-Berater verantwortlich, ein Berufskollege, den ich notorisch schätze und nicht öffentlich kritisiere. Drittens ist die Faktenlage ex Kantinenregime halbgehangen. Sie betrifft, wenn ich das aus der Ferne richtig verstehe, den Speisesaal des Hochhauses, wo, unter uns gesagt, die essen gehen, deren Allerwertester tagsüber auf den sprichwörtlichen Kissen ruht. In einem ganzen Jahrzehnt, das ich in dem betreffenden Hochhaus zubringen durfte, habe ich es keine zwei Mal in diesen Saal geschafft; bei uns, in meinem Bereich, wurde nämlich durchgearbeitet. Klare Ansage: „Mittagspause ist was für Kissenpuper.“
Viertens kann ein Aufsichtsrat nicht in operative Entscheidung des Managements eingreifen. Das untersagt das AKTIENGESETZ ausdrücklich. Und der kluge Vertreter des Landes Niedersachsen im AR hätte das auch nicht versucht. Fünftens frequentierte Gerd Schröder in Berlin leider (!) eine Pommesbude im Osten, deren Currywurst er sogar im Bundestag namentlich erwähnte. Habe ich persönlich gehört. KONNOPKES IMBISS an der Schönhauser findet hier allerdings keine weitere Empfehlung.
Die Bochumer CURRYWURST von Herbert Grönemeyer, von ihm besungen Anfang der Achtziger, ist dagegen referentiell korrekt. Ich halte den Grönemeyer zwar für dramatisch überschätzt, aber sein Hinweis auf die CURRY von DÖNNINGHAUS ist verdienstvoll. Die „Echte“ von Dönninghaus wurde im BERMUDA DREIECK (einem Kneipenviertel in Bochum) in einem Bauwagen neben dem Lichtspielhaus UNION THEATER angeboten. Unnachahmlich. Dorten oft selbst an den Mann genommen.
Natürlich kommt das Curry nicht aus Indien oder Südostasien, sondern wie CHICKEN TIKKA MARSALA eigentlich aus England, natürlich kommt die Currywurst eigentlich aus Berlin, aus einer Zeit, als die „englischen Besatzer“ über die angeblich indischstämmige Gewürzmischung verfügten, und es in die FAST FOOD Versorgung eindringen konnte, bevor die Stadt die Hackfleischplättchen briet oder Hängefleich am Spieß, vulgo Hamburger und Döner. Die „Echte“ übrigens immer mit Pommes Schranke. Scharf, aber keine Körner.
Dass die Berliner Pommesdame heutzutage nach der korrekten Bestellung von „Doppelcurry Pommes Schranke“ peinlicherweise jedermann fragt, ob „mit Darm oder ohne“, das ist nun wirklich, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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NATIONALCHARAKTER.
Ich gehöre zu der Generation, die noch den Ruf „Ho-Ho-Tschi-Minh“ auf den Straßen Berlins gehört hat. Und T-Shirts mit dem Konterfei des kubanischen Revolutionärs Che Guevaras trug. Ein eigenartiger Exotismus. Jedenfalls gehörte man hierzulande zum besseren Teil der Welt. Die USA hatte man im Verdacht des IMPERIALISMUS.
Die ernstzunehmende Erinnerungskultur meiner Generation beschäftigte sich mit der Vorgeschichte und der Wirklichkeit des Zweiten Weltkriegs. Es waren Fragen an die junge Bundesrepublik danach, wie sich ihre Träger in der Weimarer Republik, zur Machtergreifung, dem verbrecherischen Angriffskrieg und dem Völkermord, insbesondere dem Holocaust verhalten hatten. Das war im Kern die Auseinandersetzung mit dem Erbe des FASCHISMUS, das wir gerne ausschlagen wollten. Gefragt war die Generation der Väter und Großväter.
Mittlerweile geht die Debatte um HISTORISCHE POLITIK noch ein, zwei Generationen weiter zurück. Wir schauen auf das ausgehende Kaiserreich und den Ersten Weltkrieg. MILITARISMUS und das Wirken in den KOLONIEN wird Thema. Wir sind bei den Groß- und Urgroßvätern. Auch da scheint es ein Erbe zu geben, das man ausschlagen könnte. Ich erinnere mich noch an die Frage eines von Bonn nach Berlin verlegten Spitzenpolitikers, worauf sich die Siegessäule („Goldelse“) historisch beziehe. Als sein Büroleiter vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sprach, fragte er: „Und wer hat den gewonnen?“
Mich stört auch an der KOLONIALISMUS-Debatte der Exotismus des Themas. Andererseits alles vor der eigenen Tür. Ich lerne was zur Teilung der Niederlande im 15. Jahrhundert, die Entstehung Belgiens und dessen Wirken als Königreich im 19. /20. Jahrhundert in seinen afrikanischen Kolonien. Meine Güte, selbst Deutschland soll in Afrika Kolonien gehabt haben, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht. Ist die Geschichte vor 1870/71 wenigstens halbwegs okay?
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ALPTRAUM.
Panik wegen eines bösen Traums? Träume sind Schäume! Das sagen jedenfalls jene, die ihre Alpträume verharmlosen wollen. Ganz anderer Meinung war der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud. Er hat sie für eine verstellte Botschaft aus unserem Unterbewusstsein gehalten. Dabei glaubte er sehr stark an eine Verdrängung sexueller Inhalte. Das ES spricht aus uns, der TRIEB. Freud war ein klein wenig spießig, trotz oder wegen seines notorischen Interesses am Sexualtrieb.
Der Psychologe C. G. Jung ging noch weiter. Er nahm an, dass wir nächtens in die kulturelle Vorgeschichte der Menschheit abtauchen und ARCHETYPEN unserer Seele erinnern. Aus der Welt der Urväter und ihrer Götter. Da habe ich mich immer gefragt, woher wissen dass die Doofen, die nie eine Zeile HOMER gelesen haben? Und dann auch noch nachts, schlafend. Ich bin also bei Freud wie bei Jung skeptisch.
Mir ging es heute Nacht so: Ich war in echter Bedrängnis und musste dringend telefonieren. Ich hatte aber mein iPhone verlegt und nur so ein altes NOKIA zur Hand. So ein finnisches Scheißding. Höchste Not: kein SMARTPHONE. Ich wusste die Nummer meines eigenen Büros nicht mehr. Höllenqualen. Gibt es eigentlich noch diese AUSKUNFT, wo ein Frollein vom Amt verbindet? Oder eine Tusse von Wodafon einen Bandansagedienst auslöst, den man gar nicht wollte? „Ich lasse Ihnen die Nummer ansagen!“ Über diese Fragen erwache ich schweißnass aus meinem Alptraum. Ich muss mir deutlich machen, dass es nur ein Traum war. Boooh, in Gefahr und nur ein Nokia. Wünscht man nicht seinem ärgsten Feind.
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BILD Dir Deine Meinung: Kein Judenhass
Man kann froh sein, dass der Springer Verlag vor den Gefahren des Antisemitismus geschützt ist. Das hat auch historische Gründe. Der Gründungsverleger ließ in der Nachkriegszeit seine Berater einen Kanon festlegen, dem sein verlegerisches Imperium unterworfen sein sollte. Und dazu gehörte für ihn, dass die judenfeindlichen Gesinnungen, die in den Vorurteilen der Menschen schlummern, nicht mehr politisch zum Tragen kommen sollten. Gut so.
Allerdings kam der Grundsatz damals aus der Feder eines alten Nazis, der sein Vertrauen genoss, übrigens ebenso wie jüdische Köpfe, die die eigenartige Melange in Axel Cäsars Freundeskreis offenbar zu ertragen wussten. Wie man das wissen kann? Nun, die Formulierung ist verräterisch. Man befürworte, heißt es dort, das Existenzrecht des jüdischen Volkes. Ups, „des Volkes“?
Das Existenzrecht eines Volkes kann nur befürworten, wer auch das Gegenteil denken kann: den Völkermord, die sogenannte Endlösung. Was der umlackierte Nazis sagen wollte, betrifft das Exsitenzrecht des jüdischen Staates, also von Israel. Das ist eine Nachricht, das ist ein Bekenntnis. Die verunglückte Formulierung sagt lediglich Selbstverständliches. Für jedes Volk, jede Religion.
Das Existenzrecht eines Menschen wie eines Volkes kann man weder befürworten noch bestreiten. Es geht also um die staatliche Identität Israels. Dass dies eine Nachricht ist, hängt mit der Gründungssituation des Staates Israel zusammen. Und natürlich mit der Geschichte dieses Volkes. Jedenfalls gehört die Existenzberechtigung Israels, Merkel hat es betont, zur Staatsräson Deutschlands.
Eine notwendige Unterscheidung besteht zur jeweiligen Außen- und Sicherheitspolitik der jeweiligen Regierung dieses Staates. Im Unterscheid zu vielen, wenn nicht allen Nachbarstaaten ist Israel unstrittig eine Demokratie, womit man von einer demokratisch legitimierten Politik reden kann, aber eben auch von einer Politik, die sich selbst nicht als alternativlos versteht.
Von einem Staat kann man reden, wenn seine Bürger sein Gewaltmonopol akzeptieren und seine Nachbarn die Integrität der Grenzen. Hierzu gilt der Umkehrschluss: Man wird die Grenzen seiner Nachbarn akzeptieren müssen. Ob die sogenannte Siedlungspolitik Israels dem entspricht, weiß ich nicht zu sagen. Vieles von dem, was ich an islamistischer Propaganda zur territorialen Frage höre, ist gänzlich unakzeptabel; eigentlich alles.
Ob die Palästinenser ein Staatsvolk sind, dem die staatliche Souveränität verweigert wird, weiß ich auch nicht zu sagen. Sowohl bei den Palästinensern wie bei den Kurden scheint diese Frage von einer erheblichen Komplexität. Man wird das ergründen können, denke ich, aber aus dem Bauch weiß ich es nicht zu sagen. Die Vernichtunsrhetorik der Islamisten bedarf keiner Würdigung. Das verbiete sich von selbst: siehe oben.
Überflüssig zu sagen, dass wir keiner Religion gewähren, die Menschen zum Brudermord aufzustacheln; nicht mal zum Mord an dem Ungläubigen. Wir hören Unsägliches von fanatischen Moslems. Wir hören schwerverdauliches von Parteien und Politikern in Israel. Selbst Regierungsmitglieder nehmen Positionen ein, die sich mit meinem europäischen Verständnis eines aufgeklärten freiheitlichen Staates nicht vertragen. Würde ich solche Töne in meinem Vaterland hören, würde ich noch deutlicher.
Völlig im Unklaren bin ich mir über Israel als jüdischen Staat einer sogenannten Einstaatenlösung, wenn das bedeutet, dass die nicht-jüdischen Bevölkerungsteile, die dann möglicherweise in der Mehrheit wären, nur eingeschränkte Rechte genössen. Aber man redet wohl noch über das Zweistaatenmodell, das schwierig genug ist in einer Anrainerwelt der Gottesstaaten islamistischer Prägung.
Ob Israel gegenwärtig einen Angriffskrieg führt oder zu einer Verteidigung gezwungen wurde und ob diese Verteidigung angemessen ist, das weiß ich auch nicht so recht zu sagen. Meine Unkenntnis ist erheblich. Warum melde ich mich trotzdem zu Wort? Weil mir an den Unterschieden liegt. Das Existenzrecht von Juden oder der israelischen Bevölkerung jüdischer Kultur und des Staates Israel sind etwas anderes als die Frage, ob eine Außen- und Sicherheitspolitik klug ist.
Wenn man das gesagt hat, kräuseln sich aber schon die Stirnen der Kombattanden. Man ist nur noch wenige Sätze von einer Zuordnung entfernt, die den zweifelnden Betrachter dämonisiert und ihn im Freund-Feind-Verhältnis der Vernichtung durch eine der beiden Seiten anheimstellt. Was also ist das Thema? Menschen, Religionen, Migrationen, Kulturen, Klassen, Parteien, Staatsorgane, Politiken, Hegemonialmächte, Nationen, Bündnispartner? Jedenfalls nicht vermeintliche Herrenrassen oder ebensolche Religionen und deren vermeintliche Überlegenheit.
Es bleibt ein unpolitischer Wunsch: Mögen die Waffen schweigen. Jeder Krieg ist ein Verbrechen an den Menschen, vielleicht ein staatspolitisch unvermeidliches Verbrechen, aber immer ein Verbrechen.
Quelle: starke-meinungen.de